Ralf Hechler hat die Nachricht erst am Samstagmorgen auf seinem Handy gelesen. Kurz darauf prasselten die ersten Anfragen von Medien auf ihn ein. Seit zehn Jahren ist Hechler Bürgermeister von Ramstein-Miesenbach, wo die Amerikaner ihren größten Militärstützpunkt außerhalb der USA haben. Er radelte schon als Kind über die Air Base, als man für einen Besuch noch keine offizielle Genehmigung benötigte. Als Bürgermeister ist Hechler fast täglich mit US-Militärs in Kontakt.
Natürlich will man da wissen, wie er auf die Ankündigung schaut, mit der Donald Trump am Wochenende die deutsch-amerikanischen Beziehungen erschütterte: Nach mehrfachen Drohungen will der US-Präsident diesmal wohl wirklich Ernst machen und US-Truppen aus Deutschland abziehen. Von mindestens 5000 Soldatinnen und Soldaten sprach das US-Verteidigungsministerium am Freitagabend. Von „deutlich mehr als 5000“ sprach Präsident Trump am Samstag. Wo genau in Deutschland sie abgezogen werden sollen, ist noch unklar.

:Trumps Zorn geht weiter
US-Präsident Trump will plötzlich „weit mehr“ als 5000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen. Noch schmerzhafter könnte die Absage der geplanten Stationierung von Marschflugkörpern sein.
„Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Aufs und Abs“, sagt Bürgermeister Ralf Hechler am Telefon. „Diesmal neu ist, dass es sich um eine präsidiale Ankündigung handelt. Von einem, der heute dies und morgen das sagt.“ Hechler hat noch am Samstag mit dem Verbindungsbüro auf der Air Base gesprochen, der Schnittstelle zwischen der US-Luftwaffe und der lokalen Bevölkerung. Dort habe ihm bislang niemand sagen können, ob Ramstein von einem Truppenabzug betroffen sein könnte.
Momentan sind etwa 39 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert, die Zahl verändert sich wegen Rotationen und Übungen regelmäßig. In Grafenwöhr in Bayern liegt der größte US-Truppenübungsplatz außerhalb der USA. In Stuttgart befinden sich die Hauptquartiere des Europa- und des Afrika-Kommandos der US-Streitkräfte. In Wiesbaden hat das amerikanische Heer seine Zentrale in Europa. Und dann eben Ramstein. Die Air Base in der Pfalz dient als Drehkreuz zwischen den USA, Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Von hier aus werden Einsätze koordiniert, Truppen verlegt, Materialien verschickt. Auch eine Nato-Kommandobehörde befindet sich auf dem Gelände.
Momentan mache er sich noch keine Sorgen über einen Truppenabzug aus Ramstein, sagt Bürgermeister Ralf Hechler. Am Wochenende war er auf dem Fußballplatz, bei einem Spiel der Jugendmannschaft, die er trainiert. Da seien auch ein paar amerikanische Jungs dabei gewesen. Sie und ihre Eltern hätten wenig aufgeregt gewirkt. „Die Leute hier schauen und lesen schon ganz genau“, sagt Hechler. „Aber so ganz glaubt das niemand.“ Immerhin sei die Base von enormer strategischer Bedeutung für die USA. Immerhin investierten die Amerikaner gerade mehr als eine Milliarde Euro in den Bau eines neuen Militärkrankenhauses im benachbarten Weilerbach. Und wenn der Truppenabzug doch Ramstein träfe? „Klar, das wäre ein riesiger Einschnitt“, sagt Hechler.
Vielleicht ist Deutschland nirgends so amerikanisch wie in der Kleinstadt Ramstein-Miesenbach. Schon wenige Meter nach dem Ortseingang sieht man die erste amerikanische Flagge, die ein Autohändler vor seinem Geschäft aufgestellt hat. Es gibt ein Kino, das „Broadway“ heißt und amerikanische Filme zeigt, ein Restaurant mit dem Namen „Big Emma“, das Burger mit einem Durchmesser von 10,63 Inches (27 Zentimeter) anbietet.
„Wir sollten alle cool bleiben“
Ramstein-Miesenbach hat knapp 8000 Einwohner, 8500 US-Soldatinnen und Soldaten sind auf der Air Base beschäftigt. Im benachbarten Landstuhl steht das größte US-Militärkrankenhaus im Ausland. Das US-Militär ist der drittgrößte Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz. Etwa zwei Milliarden Euro flössen durch die Amerikaner pro Jahr in die lokale Wirtschaft, sagt Bürgermeister Ralf Hechler. Ein Glücksfall für die ansonsten eher strukturschwache Westpfalz. Während andere Kommunen ihre Schwimmbäder schließen müssen, weil das Geld fehlt, bauen sie in Ramstein-Miesenbach gerade ein neues.
Kein Wunder, dass auch die rheinland-pfälzische Landespolitik ganz genau verfolgt, was in den USA passiert. Der noch amtierende Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) sprach am Samstag von einer „offenen Konfrontation gegen Bundeskanzler Merz“, die Rheinland-Pfalz besorge. Er verwies darauf, dass der amerikanische Kongress im vergangenen Jahr festgeschrieben hat, dass die US-Truppenstärke in Europa nicht unter 76 000 fallen dürfe. „Dies ist eine wichtige Sicherheitsgarantie, die nicht einseitig vom Präsidenten unterschritten werden kann“, sagte Schweitzer.
Schweitzers designierter Nachfolger Gordon Schnieder (CDU) sagte am Samstag dem SWR, er rechne damit, dass vor allem in Grafenwöhr in Bayern US-Militär reduziert werden könnte. Wie amerikanische Medien berichten, soll aus Deutschland ein Brigade-Kampfteam abgezogen werden. Dabei könnte es sich um das Zweite Kavallerieregiment handeln, das auf der Army Base im oberpfälzischen Vilseck stationiert ist. Noch vor wenigen Tagen hatte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gelassen gezeigt: „Wir sollten alle cool bleiben“, schrieb er auf X, nachdem Trump bereits mit einem Truppenabzug gedroht hatte. „Die amerikanischen Streitkräfte fühlen sich sehr wohl in Deutschland.“
„Ich wünsche das niemandem“, sagt Ralf Hechler, der Bürgermeister von Ramstein-Miesenbach. Er will jetzt erst mal abwarten, bis die Amerikaner ihre Pläne präzisieren. Viel mehr bleibt ihm auch nicht übrig. Und er hält sich bereit, falls bald wieder die Journalisten anrufen. „Wer weiß, was Trump als Nächstes einfällt.“










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