Kaum schließt das letzte Wahllokal, laufen in Redaktionen und Parteizentralen die Zahlen heiß. Noch bevor das amtliche Endergebnis feststeht, bestimmen Umfragen, Prognosen und Hochrechnungen, welche Partei jubelt und welche um Schadensbegrenzung bemüht ist. Doch wie entstehen diese frühen Hinweise auf den Wahlausgang – und warum liegen sie manchmal daneben?
Die Wahlumfrage ist nur eine Momentaufnahme
Bevor es überhaupt zu Prognosen und Hochrechnungen kommt, zeigt die Sonntagsfrage den möglichen Wahlausgang. Umfrageinstitute befragen im Auftrag verschiedener Medien und Parteien regelmäßig um die tausend Wählerinnen und Wähler nach ihren Wahlabsichten. Tausend Befragte, das klingt nicht nach viel. „Diese Stichprobengröße reicht statistisch, um auf die gewünschte Grundgesamtheit hochzurechnen“, sagt Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Die Grundgesamtheit ist die gesamte Wählerschaft. Die Gruppe der Befragten wird zufällig per Telefonanruf, Tür-zu-Tür- oder Onlinebefragung ausgewählt. Bei der Berechnung achten die Umfrageinstitute darauf, demografische Gruppen passend zu ihrem Vorkommen in der Gesamtwählerschaft abzubilden und die Ergebnisse der Umfrage entsprechend zu gewichten. Trotzdem sind die Umfragen nicht frei von Unsicherheiten, beispielsweise weil sich Befragte nicht ehrlich zu ihrer Parteipräferenz bekennen wollen. Außerdem hat jede Umfrage einen statistischen Fehlerbereich, weshalb die Institute immer auch sogenannte Schwankungsbreiten angeben.
Wegen unterschiedlicher Befragungszeiträume und Gewichtungen können die Ergebnisse der verschiedenen Umfrageinstitute voneinander abweichen. Medien zeigen entweder die Umfragewerte des Instituts, mit dem sie kooperieren, oder die zuletzt veröffentlichten. Die Süddeutsche Zeitung berechnet den Mittelwert der aktuellen Umfragen zur Sonntagsfrage, wobei neueste Befragungen stärker ins Gewicht fallen als länger zurückliegende.
Eine Vorhersage des Wahlergebnisses ist die Sonntagsfrage aber ohnehin nicht. Auch, weil gut 30 bis 40 Prozent der Wahlberechtigten zum Zeitpunkt der Befragungen noch gar nicht wissen, wen sie wählen möchten. „Die Sonntagsfrage ist eine Momentaufnahme im Wahlkampf“, sagt Siegmund, ein Werkzeug für Politik und Wählende gleichermaßen. Letztere können damit ihre aktuelle Meinung zeigen. Die Parteien können diese wahrnehmen und gegebenenfalls ihren Kurs ändern, was wiederum einen Einfluss auf die Wahlabsichten haben kann. Bis zum tatsächlichen Wahltag kann sich also noch einiges ändern.
Die Nachwahlbefragungen sind die erste Prognose für den Wahlausgang
Am Wahlabend arbeiten Medien (auch die Süddeutsche Zeitung) mit den Ergebnissen der sogenannten Exit-Polls. Diese Nachwahlbefragungen sind die ersten Prognosen für den Wahlausgang. Mitarbeitende der Umfrageinstitute befragen dafür Wählerinnen und Wähler direkt nach dem Gang zur Urne. In welchen Stimmbezirken das passiert, entscheidet vor allem der Zufall, sagt Yvonne Schroth von der Forschungsgruppe Wahlen: „Das sind reine Zufallsstichproben aller Stimmbezirke, welche das Wahlgebiet exakt abbilden.“ Mit dem Schließen der Wahllokale um 18 Uhr ergeben diese Befragungen dann die erste Prognose, in die dazu noch Erfahrungswerte einfließen, um beispielsweise die Stimmen von Briefwählern zu berücksichtigen.
Wie bereitwillig sich Wählerinnen und Wähler an der Umfrage beteiligen sowie der Briefwahlanteil können Faktoren für die Genauigkeit der Prognose sein. Unabhängig voneinander führen zwei Umfrageinstitute solche Nachwahlbefragungen durch: Infratest dimap für die ARD und die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF. Doch die Exit-Polls liefern nicht nur den Trend für den Wahlausgang: Sie geben auch Aufschluss über die Parteipräferenz verschiedener demografischer Gruppen.
Auch die Hochrechnungen am Abend können vom Endergebnis abweichen
In die ersten Hochrechnungen gegen 18.30 Uhr fließen dann tatsächlich ausgezählte Stimmen der ausgewählten Wahllokale ein. Zu diesem Zeitpunkt sind die erst seit einer halben Stunde geschlossen und noch lange nicht alle Stimmen ausgezählt. „Frühe Hochrechnungen enthalten nur wenig ausgezählte Stimmbezirke und keine ausgezählten Wahlkreise, die auch Briefwahlstimmen beinhalten, und können deshalb noch geringe Abweichungen vom Endergebnis aufweisen“, erklärt Yvonne Schroth, die diese Berechnungen für das ZDF vornimmt.
Zu Verschiebungen kann es auch kommen, weil die Auszählung in urbanen Stimmbezirken aufgrund ihrer Größe häufig länger dauert als im ländlichen Raum. Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen sagt: „Die Hochrechnungen sind nicht so zu bewerkstelligen, wie es das statistische Lehrbuch vorsieht.“ Denn dafür müssten alle Stimmkreise der Stichprobe fertig ausgezählt sein. „Das ist inzwischen aber erst gegen 20 Uhr der Fall“, Briefwähler seien auch dann noch nicht endgültig erfasst.
Umfragen und Hochrechnungen unterstützen den politischen Diskurs
Warum Prognosen und Hochrechnungen trotz Unsicherheiten veröffentlicht werden, erklärt Jung mit dem medialen Bedarf: Die Journalisten und Journalistinnen bräuchten schlicht Informationen, mit denen sie die Politik zu Aussagen zwingen könnten. Würde stattdessen auf den benötigten Auszählungsstand nach Lehrbuch gewartet, läge das Stichprobenergebnis erst kurz vor dem vorläufigen amtlichen Endergebnis vor – wenn die meisten Bürgerinnen und Bürger im Bett sind.
„Die Hochrechnungen bedienen aber nicht nur die Neugierde, sie sind auch für die Parteien und den politischen Diskurs wichtig“, sagt Jörg Siegmund. Mit ihnen könnten sich die Politiker Strategien zurechtlegen, wie sie mit dem Ergebnis umgehen. Und trotz der ein oder anderen Abweichung: „Im Grunde sind die Hochrechnungen ja auch schon sehr zuverlässig, und nach jeder Wahl entwickeln die Institute ihre Modelle weiter“, so Siegmund.
Eine ähnliche Fassung dieses Artikels erschien bereits zu anderen Landtagswahlen.











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