Ukraine und Irankrieg: Die Ukraine zeigt der Welt, wie man Häfen im Krieg betreibt

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 Fotos der Hafenanlagen aus nächster Nähe sind nicht erwünscht
 Fotos der Hafenanlagen aus nächster Nähe sind nicht erwünscht

Kräne am Hafen von Odessa: Fotos der Hafenanlagen aus nächster Nähe sind nicht erwünscht

Foto: Serhiy Morgunov / DER SPIEGEL

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Dmytro Barinow, der Vorsitzende des Verbands der ukrainischen Häfen, ist gerade ein gefragter Mann. »Unsere internationalen Partner interessieren sich im Moment sehr für unsere Erfahrungen«, sagt der Ukrainer. Barinow, ein 59 Jahre alter früherer Schiffskapitän, war bis zum vergangenen Jahr stellvertretender Vorsitzender der ukrainischen Seehafenbehörde in Odessa. Er hat mitgeholfen, die wichtigen Schwarzmeerhäfen seines Landes am Leben zu erhalten, als Russland Teile des Binnenmeeres sperrte und den Schiffsverkehr auf einer der wichtigsten Getreideexportrouten der Welt lahmlegte.

Nun blockiert Iran die Öltanker auf der Straße von Hormus  und die Hafenbetreiber der Golfstaaten wollen von Barinow und den Ukrainern lernen, wie man eine solche Blockade überstehen und den Seehandel im Krieg wieder aufnehmen kann. Er habe gerade einen Vortrag für die Mitglieder des internationalen Hafenverbands (International Association of Ports and Harbors) gehalten, erzählt Barinow in seinem kleinen Büro im Zentrum von Odessa. Unter den Zuhörern seien viele Kollegen vom Golf gewesen, aus Katar und den Arabischen Emiraten. »Die Erfahrungen, die wir hier in der Ukraine gemacht haben«, sagt Barinow, »hat sonst niemand.«

Zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor gut vier Jahren sperrte Russlands Marine den nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres. 130 Frachtschiffe saßen fest, Millionen Tonnen ukrainisches Getreide und andere Agrargüter waren blockiert.

Die Hafenbehörde, für die Barinow arbeitete, musste mit den Ländern, aus denen die Frachter und Besatzungen kamen, Pläne für deren Evakuierung ausarbeiten und die Infrastruktur der Häfen am Leben erhalten. Die Gehälter für Tausende Arbeiter seien reduziert worden, erst auf zwei Drittel, dann auf die Hälfte, erinnert sich Barinow. »Wir wollen den Leuten auf keinen Fall kündigen, denn wir hofften ja, dass die Blockade aufgehoben wird.«

Kurzlebiges Getreideabkommen

Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure der Welt. In der letzten Saison vor dem Krieg hatte das Land 51 Millionen Tonnen Getreide exportiert. Russlands Blockade drohte eine Hungerkrise auszulösen. Deshalb vermittelte Uno-Generalsekretär António Guterres gemeinsam mit der Türkei ein Getreideabkommen zwischen Moskau und Kyjiw. Unter strengen Kontrollen wurde im August 2022 in einem Korridor der Schiffsverkehr zwischen den Häfen der Ukraine und dem Bosporus wieder aufgenommen.

Die Exportroute über das Schwarze Meer ist für die Ukraine praktisch alternativlos. »An unseren Tiefwasser-Getreideterminals kann ein Schiff binnen drei Tagen mit 200.000 Tonnen beladen werden«, erklärt Barinow. Um eine solche Menge über Land zu transportieren, bräuchte es 10.000 Lastwagen.

 Riskante erste Fahrt

Frachter »Razoni« am 1. August 2022: Riskante erste Fahrt

Foto: Oleksandr Gimanov / AFP

An den Moment, als nach sechs Monaten Zwangspause das erste Schiff, der Frachter »Razoni« , wieder aus dem Hafen von Odessa auslaufen konnte, erinnert sich Barinow genau. »Als das Schiffshorn dreimal ertönte, haben die Leute auf der Straße innegehalten und aufgeatmet«, sagt er. Experten fürchteten damals, der Frachter unter der Flagge von Sierra Leone könnte auf der Strecke auf Seeminen laufen, doch es ging alles gut. Die Häfen der Region Odessa haben seither ihre Arbeit nie mehr komplett niederlegen müssen.

Militärisch erkämpfter Korridor

Das hat allerdings weniger mit dem Getreideabkommen zu tun, das Russland bereits nach einem Jahr auslaufen  ließ. Die ukrainische Marine erkämpfte sich ihren Spielraum im Schwarzen Meer selbst mit militärischen Mitteln. Mit Drohnen- und Raketenangriffen, aber auch mit Minen drängte sie die russische Schwarzmeerflotte zurück.

Seit dem Sommer 2023 betreibt die Ukraine den sogenannten ukrainischen Korridor, eine neue Route, die näher an der Küste verläuft als die direkte Verbindung, die während des Getreideabkommens genutzt worden war. Die Route sei aber nicht wesentlich länger, sagt Barinow, etwa 330 Seemeilen anstelle der 300 Seemeilen auf gerader Strecke zwischen Odessa und dem Bosporus.

Der Seehandel im Schwarzen Meer macht nur noch selten internationale Schlagzeilen. Doch die Situation ist von Normalität weit entfernt. In der Region Mykolajiw, westlich von Odessa, liegen alle Häfen weiterhin still und Frachter bleiben blockiert. Der Verkehr an der von Russland besetzten Kinburn-Spitze vorbei wäre zu gefährlich.

Die Häfen der Region Odessa operieren zwar, aber sie tun dies unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Auch für Journalisten ist es schwierig, Zugang zu Hafenanlagen zu bekommen. Im Zentrum von Odessa an der Hafenpromenade stehen Schilder, die Foto- und Videoaufnahmen untersagen. Teilweise ist der Blick durch Sichtschutz verstellt. Es vergeht fast kein Tag, an dem Russland die Häfen der Region nicht mit Drohnen oder Raketen angreift.

 strenge Sicherheitsvorkehrungen

Sichtschutz vor Hafenanlagen in Odessa: strenge Sicherheitsvorkehrungen

Foto: Serhiy Morgunov / DER SPIEGEL

Risiken minimieren durch Koordination

Die Abfertigung der Frachter folgt heute einem strengeren Protokoll. Das ukrainische Militär überprüfe die Schiffe in etwa zehn bis zwölf Seemeilen Distanz vom Hafen, sagt Barinow. Um die Risiken zu minimieren, halte man sich an strenge Zeitfenster, Einfahrt binnen zwei Stunden am Morgen, Auslaufen binnen zwei Stunden am Abend. Frachter könnten nicht mehr, wie vor dem Krieg, in der Region vor Anker gehen und wochenlang warten, auf Fracht oder eine neue Crew.

Nach aufwendigen Hackerattacken sei man dazu übergegangen, die Planung und Dokumentation auch wieder altmodisch über Faxgeräte zu kommunizieren. Er rate allen Beteiligten, immer auch einen alternativen Kommunikationsweg bereitzuhalten, sagt Barinow.

Die Gefahr durch Seeminen habe man durch schwimmende Barrieren unter Kontrolle gebracht, erklärt der Hafenfunktionär. Diese fingen die treibenden Sprengsätze mit tief reichenden Netzen ab. Um das Personal vor den zahlreichen Luftangriffen zu schützen, wurden mobile Schutzräume aus Beton aufgestellt. Mitarbeiter seien verpflichtet, bei Alarm die Schutzräume aufzusuchen, sagt Barinow. Die Arbeit ruhe in diesen Phasen.

Grüne, gelbe und rote Alarmstufe

Zwischen 20 und 30 Prozent der Arbeitszeit gingen durch Luftalarm verloren, sagt Andrey Stavnitser, 43, Geschäftsführer und Miteigentümer von TIS, des nach Frachtumschlag größten Hafens der Ukraine im Dorf Wisirka, etwas westlich von Odessa. Der SPIEGEL erreichte den Unternehmer im Ausland per Videotelefonat.

Die Streitkräfte der Ukraine und mehrere andere Einheiten seien in der Region präsent, sagt Stavnitser. »Wir arbeiten mit den Flugabwehreinheiten zusammen und haben Zugang zu einem System, das uns vorab anzeigt, wie gefährlich ein Luftalarm einzustufen ist.« Das System zeigt grüne, gelbe oder rote Alarmstufen an. Entsprechend der Gefahr reagierten die Mitarbeiter. »Wenn bestimmte russische Überwachungsdrohnen über der Anlage gesichtet werden«, sagt der Unternehmer, »dann ist klar: Es droht wieder ein Raketenangriff.«

 »So lange arbeiten, wie wir können, auch wenn wir Geld verlieren.«

Unternehmer Stavnitser: »So lange arbeiten, wie wir können, auch wenn wir Geld verlieren.«

Foto: Andreas Stroh / IMAGO

Stavnitser, dessen Vater das Unternehmen 1994 gründete, ist für viele Menschen verantwortlich. Bis Anfang 2022 beschäftigte der Hafen rund 5000 Männer und Frauen, mittlerweile sind es wieder rund 3000. Weil männliche Arbeitskräfte knapp sind, bildet das Unternehmen inzwischen Frauen zu Kranführern aus. Auch Kriegsveteranen, die sich in der von Stavnitser gegründeten Rehaklinik Superhumans Center  bei Lwiw erholen, sollen die Möglichkeit bekommen, in seinem Unternehmen zu arbeiten.

Private Drohnenabwehr

Für den Unternehmer ist das Betreiben des Hafens riskant und teuer geworden. Nicht nur, weil die in Angriffen beschädigte oder zerstörte Infrastruktur repariert oder ersetzt werden muss. Stavnitser investiert auch direkt in den Schutz seiner Anlagen.

Die ukrainische Regierung lasse neuerdings auch private Luftabwehreinheiten zu, sagt der Unternehmer. Er stelle gerade eine solche Einheit zusammen, bestehend aus einem Drohnenpiloten, einem Navigator, einem Sprengstoffexperten und einem Fahrer. Sie sollen die russischen Langstreckendrohnen abschießen (das russische Modell Geran nach dem Vorbild der iranischen Shahed), die zuletzt besonders häufig die Region Odessa angreifen.

»Die Kosten für die Einheit haben mich ein wenig schockiert«, sagt Stavnitser. Um eine Drohne abzuschießen, brauche man im besten Falle zwei Abfangdrohnen, im schlimmsten Falle fünf, die jeweils mehrere Tausend Dollar kosten. Da sehr viele der Drohnen, die auf die Stadt Odessa fliegen zuerst an seinen Anlagen vorbeikommen, könnten die Kosten schnell explodieren.

 Beliebte Angriffsziele der Russen

Hafenkräne in Odessa: Beliebte Angriffsziele der Russen

Foto: Serhiy Morgunov / DER SPIEGEL

Es ist bekannt, dass die Ukraine im Gebiet Odessa auch mit Lasertechnologie zur Drohnenabwehr experimentiert. Noch ist man aber auf die Abwehr durch Drohnen und andere Flugabwehr angewiesen. Hafenbetreiber Stavnitser sorgt sich nun vor allem um die Seedrohnen, die Russland künftig verstärkt einsetzen könnte. Darauf müsse man sich dringend vorbereiten, warnt er.

Aufzugeben sei für ihn keine Option, sagt der Geschäftsmann. »Wir werden so lange arbeiten, wie wir können, auch wenn wir dabei Geld verlieren.« Für die Ukraine sei es unabdingbar, dass der Getreideexport weiterlaufe und die Häfen funktionierten. Der ukrainische Seekorridor habe sich trotz aller Probleme und Hürden als verlässlich und praktikabel erwiesen, sagt Stavnitser.

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