TV-Porträt „Westerwelle“: „Plötzlich bin ich ein ganz Schwacher“

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Vor zehn Jahren, am 18. März 2016, ist Guido Westerwelle gestorben. Er erlag einem Krebsleiden. Seine Erkrankung hatte er zwei Jahre zuvor öffentlich gemacht, und das fiel ihm, wie der Film „Westerwelle“ von Jobst Knigge zeigt, nicht leicht. Als Politiker stand er in der Öffentlichkeit, die er suchte und beherrschte. Dies unternahm er in seiner Rolle als kämpferischer Erneuerer der FDP; als Chef der Jugendorganisation und dann der Partei; als Oppositionsführer, der die Regierung vor sich hertrieb; als Wahlkämpfer und schließlich als Vizekanzler und Minister.

Der private Mensch Guido Westerwelle aber wollte ein solcher bleiben können. Ein ganz normales Leben führen, wie seine Freundin Ute Spangenberg im Film sagt, mit seinem Mann Michael Mronz, mit Familie und Freunden. Wie schwierig das war und ist und wer dieser Guido Westerwelle wirklich war, das zeigt das Porträt von Jobst Knigge eindrucksvoll.

„Jahrzehntelang war ich ein Starker, und plötzlich bin ich ein ganz Schwacher,“ sagte Westerwelle im Interview mit dem früheren „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann, der den heute im Ersten laufenden Film koproduziert und 2015 als Ghostwriter an Westerwelles (in der F.A.Z. gelobten) Autobiographie „Zwischen zwei Leben“ mitgewirkt hat.

Guido Westerwelle auf dem Bundesparteitag der FDP in Hannover im Mai 2009.Guido Westerwelle auf dem Bundesparteitag der FDP in Hannover im Mai 2009.WDR/Imago/Eckehard Schulz

Von der Bonner zur Berliner Republik

Der Satz bildet die Klammer einer Lebenserzählung, die mehr bietet, als man in Politikerporträts landläufig geboten bekommt. Das liegt an der vielschichtigen Betrachtungsweise des Regisseurs Knigge und daran, dass er Zeitzeugen vor die Kamera bekommt, die von den verschiedenen Facetten Westerwelles erzählen: seinen Ehemann Michael Mronz, seine Freundin Ute Spangenberg, seinen Freund, den Prälat Karl Jüsten, seine politischen Mitstreiter oder Gegner Wolfgang Kubicki, Daniel Bahr, Silvana Koch-Mehrin, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Philipp Rösler, Christian Lindner, Renate Künast, Klaus Wowereit und Gregor Gysi; seinen behandelnden Arzt, den Onkologen Michael Hallek, und schließlich den Journalisten Wichmann. Ihre Ausführungen fügt Knigge mit Bildern und O-Tönen Westerwelles, wie wir ihn als Politiker kennengelernt haben, und seinem letzten Interview, das nur auf der Tonspur läuft, zu einem organischen Ganzen, in dem der Regisseur nebenbei drei Jahrzehnte deutscher Geschichte erzählt und damit den Wechsel von der Bonner zur Berliner Republik.

Guido Westerwelle mit seinem Ehemann Michael Mronz.Guido Westerwelle mit seinem Ehemann Michael Mronz.WDR/AFP/Christof Stache

Diesen nämlich, sagt Daniel Bahr im Film, habe Westerwelle verkörpert. Aufgewachsen war Westerwelle in der Bonner Republik, im Rheinland. Seine viel beschäftigten Eltern trennten sich, als er noch ein Kind war. Er kämpfte um Aufmerksamkeit und Anerkennung, schon als Schüler laut und vernehmlich, als Jungpolitiker und dann arrivierte Figur umso mehr. Vielen erschien er als unnahbar und arrogant, als aufgeblasener Angeber ohne Substanz.

Spott über die „Pomadenbrigade“

Wolfgang Kubicki erinnert sich daran, wie die von Westerwelle mitgegründeten Jungen Liberalen als „Pomadenbrigade“ verspottet wurden, Renate Künast ruft in Erinnerung, wie sich Gerhard Schröder und Joschka Fischer über den FDP-Mann, der seinen Worten gerne besondere Gravitas zu geben suchte, lustig machten. Aber dahinter steckte etwas anderes: Unsicherheit, Selbstzweifel und die feste Überzeugung, die richtigen Ziele zu verfolgen, für die FDP und für das Land. Leistungsbereitschaft, Toleranz, Offenheit, dafür stehe er, und dafür stehe seine Partei, sagte Westerwelle, als er seine Beweggründe in einem Kurzinterview auf Stichworte bringen sollte. Und genau das, bestätigen alle, die in diesem Film sprechen, zeichnete ihn auch aus.

Wir sehen seine Siege – wie er die FDP bei der Bundestagswahl 2005 groß machte und bei der Wahl 2009 zu dem sagenhaften Ergebnis von 14,5 Prozent und in die Regierung führte. Und die sich im Augenblick des scheinbaren Triumphs andeutende Niederlage, an deren Ende die Freien Demokraten aus dem Bundestag flogen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Angela Merkel ist ein „Man-Eater“

Das ahnte Marie-Agnes Strack-Zimmermann, wie sie sagt, als sie die Pressekonferenz von Westerwelle, Angela Merkel und Horst Seehofer nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen 2009 verfolgte. Da erzählte Westerwelle freudetrunken, man sei am Ende der nächtlichen Verhandlung zum Du übergegangen. Diese Nähe werde der FDP nicht guttun, wusste Strack-Zimmermann, und Angela Merkel sei ein „Man-Eater“. Was die Liberalen für ein gemeinsames, programmatisches politisches Projekt hielten, war für die Union nichts als eine Machtkonstellation. Vier Jahre später waren die FDP weg vom Fenster und die politische Karriere des Guido Westerwelle beendet.

Dass man seinem Leben Bedeutung gebe und etwas schaffe, sei Westerwelle wichtig gewesen, sagt der Journalist Wichmann. Das Wichtigste, das größte Glück aber sei für Westerwelle – und deshalb habe er es ihm im Interview mehrfach gesagt, damit er es nicht überhöre – gewesen: „erwiderte Liebe“. Von der erzählt auch Michael Mronz. Ein toller Film.

Westerwelle läuft am Montag um 22.50 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

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