»The Onion«: Satireseite will Alex Jones’ »Infowars« übernehmen – wie das nun gelingen soll

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Übernahme von Verschwörungs-Portal Satireseite »The Onion« will Alex Jones’ »Infowars« kapern – wie das gelingen soll

Die rechte Plattform »Infowars« fällt mit Verschwörungserzählungen und ihrer Nähe zur MAGA-Bewegung auf. Nun will ein Satireportal die Kontrolle übernehmen. Warum?

21.04.2026, 13.14 Uhr

 Übernimmt die Satireseite jetzt »Infowars«?
 Übernimmt die Satireseite jetzt »Infowars«?

Webseite von »The Onion«: Übernimmt die Satireseite jetzt »Infowars«?

Foto: Mario Tama / Getty Images

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Das war ausnahmsweise kein Witz: Das US-Satireportal »The Onion« machte im November 2024 mit dem Kauf des Portals »Infowars« des Rechtsaußen Alex Jones Schlagzeilen. Es gilt als Verschwörungsplattform mit Nähe zu extremen Anhängern von US-Präsident Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung. Ziel der Übernahme war, »Infowars« zu einer Satire seiner selbst machen. Ein Richter untersagte die Pläne zwischenzeitlich. Doch nun kommt wieder Schwung in die Sache. »The Onion« hat nämlich eine neue Idee. Der Überblick.

Was ist »The Onion«?

»The Onion« als Satirepublikation entstand in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin. 1988 begannen dort zwei Studenten, ein Blatt voller ausgedachter Artikel zu veröffentlichen. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Zeitung, die in Aufmachung und Stil seriöse US-Medien nachahmte. Das ließ den Gegensatz, Nachrichten satirisch aufzugreifen, besonders deutlich hervortreten. Zugleich war es so gut gemacht, dass immer wieder vorkam, dass den »Onion«-Artikeln geglaubt wurde. So verbreitete einst die staatsnahe iranische Nachrichtenagentur Fars die »Onion«-Meldung, weiße US-Amerikaner vom Land würden lieber von Mahmud Ahmadinedschad als von Barack Obama regiert werden.

»The Onion« gab es auch mal als Printausgabe

»The Onion« gab es auch mal als Printausgabe

Foto: Justin Sullivan / AFP

Als Barack Obama 2008 zum US-Präsidenten gewählt wurde, schrieb »The Onion« dazu , nun habe ein schwarzer Mann den schlechtesten Job des Landes bekommen: »Diese Stelle ist mit derart viel Arbeit und einer so sicheren Garantie für ein Scheitern verbunden, dass sich nur eine einzige weitere Person überhaupt die Mühe gemacht hat, sich darauf zu bewerben.«

Selbst bei alles andere als lustigen Themen fand »The Onion« einen satirischen Zugang: In Fällen von Amokläufen an US-Schulen veröffentlicht die Seite regelmäßig Artikel mit der Überschrift : »›Dagegen lässt sich nichts tun‹, sagt das einzige Land, in dem dies regelmäßig vorkommt«. In Deutschland ist etwa die Satireseite »Der Postillon« von »The Onion« inspiriert.

Warum will »The Onion« das Portal »Infowars« übernehmen?

»Infowars« ist eine rechte Verschwörungsplattform. Betreiber Alex Jones, einer der einflussreichsten Männer in der Szene, veröffentlichte dort etwa krude Gedanken zu den Terroranschlägen des 11. September 2001. Er behauptete in der Vergangenheit außerdem, dass sich angebliche globale Eliten gegen die USA verbündet hätten und dass gleichgeschlechtliche Ehen eine Verschwörung eines globalen Geheimbundes seien.

»The Onion« will aus dem Rechtsaußen-Portal eine Satireseite formen, die »Infowars« parodiert und lächerlich macht – und damit unschädlich.

 Verurteilter Verschwörungstheoretiker

Alex Jones: Verurteilter Verschwörungstheoretiker

Foto: Joe Buglewicz / Getty Images

Wie sollte die Übernahme gelingen?

Bei einem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut tötete ein Angreifer im Dezember 2012 insgesamt 28 Menschen, darunter 20 Kinder. Jones aber verbreitete bereits Stunden nach der Tat, der Amoklauf sei vorgetäuscht worden, um einen Vorwand für schärfere Waffengesetze zu haben. Trauernde Eltern seien nur Schauspieler.

Wegen dieser Falschbehauptungen wurde Jones zu Zahlungen von inzwischen insgesamt knapp 1,5 Milliarden Dollar verurteilt. Wegen dieser Forderungen muss er sein persönliches Vermögen liquidieren, ein Treuhänder sollte »Infowars« veräußern. Mit Unterstützung der Opfer-Familien des Sandy-Hook-Amoklaufs gab »The Onion« im Herbst 2024 ein Angebot ab. Ein Richter untersagte den Deal im Dezember 2024, weil der Versteigerungsprozess fehlerhaft gewesen sei.

 Zu Schadensersatz in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar verurteilt

Eine Frau demonstriert gegen Alex Jones: Zu Schadensersatz in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar verurteilt

Foto: Spencer Platt / Getty Images / AFP

Wie sieht der neue Plan aus?

»The Onion« hat Medienberichten zufolge  am Montag vor Gericht einen neuen Plan zur Übernahme vorgelegt. Demnach will die Satireseite eine exklusive, befristete Lizenz für das geistige Eigentum der »Infowars«-Muttergesellschaft Free Speech Systems erhalten. Dadurch könnte »The Onion« seine eigenen Inhalte auf »Infowars« und dessen Social-Media-Kanälen veröffentlichen.

Der Lizenzvertrag soll den Berichten zufolge zunächst für sechs Monate gelten, mit einer Option für eine Verlängerung um weitere sechs Monate. Der Insolvenzverwalter unterstütze den Plan, heißt es. »The Onion« müsste monatlich 81.000 Dollar zahlen, um die Miete für das Gebäude, in dem sich die Studios von »Infowars« befinden, sowie Nebenkosten und sonstige Ausgaben zu decken.

Wie geht es nun weiter?

Damit der neue Deal zustande kommt, müsste Richterin Maya Guerra Gamble zustimmen. »The Onion«-Geschäftsführer Ben Collins sagte, die Übernahme könne dann zum 30. April erfolgen. Sein Unternehmen habe bereits Mitarbeiter eingestellt, um »Infowars« als Parodie-Website zu betreiben. »Wir werden daraus ein größeres Comedy-Netzwerk aufbauen«, sagte Collins. Die Opferfamilien des Amoklaufs von Sandy Hook sollen ihm zufolge an den Gewinnen aus dem neuen Betrieb beteiligt werden.

Jones hat angekündigt, eine mögliche Übernahme durch »The Onion« vor Gericht anfechten zu wollen. Er gab allerdings zu, dass es möglich sei, dass er und sein Team Ende des Monats aus ihren Räumlichkeiten geworfen werden könnten. Dann wolle er seine Sendungen in einem anderen Studio fortsetzen und über neue Webseiten verbreiten.

So könnte das Satire-»Infowars« aussehen

»The Onion« hat bereits eine Seite veröffentlicht, die erste Eindrücke einer »Infowars«-Parodie zeigt . Dazu gehören etwa satirische Werbeanzeigen, die auf Jones' Insolvenz und sein Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln anspielen. Darauf findet sich etwa Werbung für »Infowars«-Merch: »Lügen sahen nie so gut aus«. Oder auch: »Der ultimative Weg, dein Gold in nur 24 Stunden zu verstecken: Mach Pisse aus deinem Gold. Liqudiere deine Vermögenswerte noch heute.«

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