Geht es um Hetze gegen Eingewanderte und Geflüchtete, fallen einem dieser Tage viele Anstifter ein: die Trump-Regierung mit ihren ICE-Greiftrupps; Nigel Farage und seine Partei Reform UK in Großbritannien; griechische Neofaschisten; die AfD.
Aber nicht eine Bürgerbewegung in Südafrika.
Richtig gelesen: Südafrika. Ausgerechnet in der Rainbow Nation, die sich so stolz auf ihre multiethnische Gesellschaft gibt, spielt sich seit Monaten eine der brutalsten Kampagnen gegen Migranten ab. March and March heißt die Organisation, deren Anhänger im Stil einer Bürgerwehr simbabwische Ladenbesitzer, nigerianische Kindermädchen, mosambikanische Taxifahrer oder kongolesische Straßenhändlerinnen attackieren, ihre Geschäfte plündern, ihnen den Zutritt zu Krankenhäusern verwehren, sie aus Wohnungen verjagen oder auf der Straße Migranten »verhaften«, als wären sie die Polizei. Die schaut oft zu, ohne einzugreifen.
Ihre Aktionen richteten sich nur gegen »Illegale«, behauptet March and March, tatsächlich treffen Gewalt und Schikane alle Migrantinnen und Migranten. Vor allem die afrikanischen.
Einwanderung ist im Weltbild von March and March die Ursache so ziemlich aller Probleme im Land: die massive Gangkriminalität, die Epidemie sexualisierter Gewalt, der Drogenhandel, die Arbeitslosenrate von über 30 Prozent, die Wohnungsnot, das schlechte Gesundheitswesen.
Auf ihrer Webseite präsentiert sich die Gruppe als demokratische Bürgerbewegung und Stimme »der machtlosen Südafrikaner«, deren Perspektiven und Sicherheit illegale Migranten angeblich täglich bedrohen. Was dann auf den Straßen von Funktionären und Anhängern der Organisation verbreitet wird, ist eine Mischung aus Verschwörungstheorien über eine »ausländische Invasion«, Fake News über Migranten als Vergewaltiger und Drogendealer und Wut auf einen dysfunktionalen Staat, die sich aber allein auf illegale Einwanderung konzentriert.
Inzwischen haben mehrere afrikanische Staaten, darunter Nigeria, Ghana und Malawi, Hunderte ihrer Bürgerinnen und Bürger in ihre Heimat zurückgebracht, diplomatischen Protest gegen die xenophoben Kampagnen bei der südafrikanischen Regierung eingelegt, die das empört zurückweist.
March and March sieht das alles als Erfolg und heizt die Stimmung mit einem Ultimatum weiter auf: Bis zum 30. Juni sollen alle illegal Eingewanderten Südafrika verlassen haben, sonst werde man das ganze Land »lahmlegen«.
Afrika ist seit jeher ein Kontinent der Migration – das sei hier kurz für all jene erwähnt, die immer noch glauben, die ganze Welt wolle nach Europa. Südafrika wurde nach dem Ende der Apartheid zu einem populären Ziel, weil es politische Freiheit, eine der weltweit fortschrittlichsten Verfassungen und die Hoffnung auf Teilhabe an einer Vision von sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit bot. Es kamen und kommen Wanderarbeiter und politisch Verfolgte aus dem benachbarten Simbabwe, Kriegsvertriebene aus der Demokratischen Republik Kongo oder Somalia, Arbeitsuchende aus Malawi, Nigeria oder Ghana.
Im Vergleich zu Ländern wie den USA, Deutschland oder Kanada fällt ihr Anteil an der Bevölkerung allerdings klein aus. Rund drei Millionen Migrantinnen und Migranten leben derzeit in Südafrika, was kaum fünf Prozent der Gesamtbevölkerung von 65 Millionen entspricht.
Genaue Zahlen über den Anteil der Ausländer ohne Aufenthaltsstatus gibt es nicht, dafür aber jede Menge Untersuchungen über ihr Verhalten. Demnach werden sie nicht öfter straffällig als Einheimische. Einzige Ausnahmen: Verstöße gegen Immigrationsgesetze. Sie belasten auch nicht das desolate Gesundheitswesen, das vor allem unter hausgemachter Korruption leidet. Statt wie gern behauptet, Arbeitsplätze wegzunehmen, haben sie in den vergangenen Jahrzehnten Jobs geschaffen.
Warum also hat March and March dann so viel Erfolg?
Ein Grund ist die Politik genau jener Partei, die einst das Ende der Apartheid erkämpfte: des African National Congress. Das Versprechen sozialer Gerechtigkeit hat der ANC nie auch nur annähernd erfüllt. Bei aller Bewunderung für Nelson Mandela, die Galionsfigur des Freiheitskampfes: Die wirtschaftlichen Strukturen der weißen Vorherrschaft und der dramatischen Ungleichheit wagte er in seiner Präsidentschaft nicht anzutasten. Unter seinen Nachfolgern breitete sich dann ein allgegenwärtiges System der Korruption und Vetternwirtschaft aus. Das Einzige, was sich nachhaltig diversifizierte, war die Zusammensetzung der reichen Oberschicht. Zu der gehörten schnell immer mehr Schwarze – viele von ihnen hohe Funktionäre des ANC.
Je aussichtsloser der Kampf gegen die wahren Ursachen von wachsender Ungleichheit und schlechter Regierungsführung wurde, desto verführerischer schien es, die Wut auf Minderheiten zu richten. In die vielen Straßenproteste gegen Stromausfälle, Wasserknappheit und Korruption mischten sich immer häufiger Kampagnen gegen Eingewanderte und Geflüchtete.

vor 1 Stunde
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