Es hatte sich gerade die große Anerkennung eingestellt. Die überregionalen Feuilletons schrieben von einem „literarischen Glanzstück“, einem „Meisterstück“ gar, und über einen „diskreten, fast schüchternen, aufrichtigen“ Autor, dessen „Liebe zu den Menschen“ bewege. Der Ruhm war kurz nur: Am 14. März ist, wie erst jetzt bekannt wurde, der Schriftsteller Tommie Goerz im Alter von 71 Jahren in seiner Geburtsstadt Erlangen gestorben.
Wer Goerz in der letzten Zeit sah oder sprach, dürfte darüber nicht überrascht sein. Es gab Hinweise auf die Krankheit, die aber nicht öffentlich gemacht wurde. Goerz war in allen Lebenslagen ein schweigsamer, in sich gekehrter Mensch, schroff bisweilen, seine persönlichen Befinden trug er nicht auf den Markt. Jahrelang hatte er mit schöner Regelmäßigkeit im Cadolzburger Verlag ars vivendi seine fränkischen Regionalkrimis um den schrulligen Kommissar Behütuns veröffentlicht. Seit dem ersten, „Schafkopf“, gab es eine Fangemeinde, die dem Autor lesend in die nähere Umgebung seiner Heimat folgte, wo schlimme Morde und verzwickte Fälle sich ereigneten.
Er hing sehr an seinen Figuren
Immer war da auch ein Stück Autobiographie in diesen Romanen, denn Goerz hatte sich die Gegenden seiner Handlungen selbst erwandert, war dort in kleinen Gasthöfen eingekehrt (über deren Kultur er auch eine schöne Hommage schrieb), hatte all die normalen Menschen gesehen und gehört, die man wiederfand in seinen Büchern. Nie hat er sie denunziert, immer als gestandene, eigenbrötlerische Typen gezeichnet. Man merkte jedoch erst richtig, wie sehr Goerz (der eigentlich Marius Kliesch hieß und zunächst Forscher und Hochschuldozent war, später dann „Privatier“, auch Musiker) an diesen Figuren hing, als er mit seinen beiden nichtkriminalistischen Romanen herauskam – und überraschte.
„Im Tal“, 2023 von seinem fränkischen Verleger Norbert Treuheit auf den Markt gebracht, zeigte einen ganz anderen Autor. Goerz vertiefte sich in diesem Buch in die fiktive Gestalt des Bauern Rosser, den er durch die Wirrnisse des zwanzigsten Jahrhunderts begleitet, durch ein Leben mit „dunklem Licht und schwarzen Schatten“, das mühsam, sinnlos erscheint. Eine Existenz, die sich Glück abtrotzen will und sich doch nur fragen muss, „warum er ein Unglück ist. Wenn er doch gar nichts weiß davon.“
Da war alles fein, melancholisch herb beobachtet in fast flüsternder Sprache, ohne falsche Sozialromantik. Im nachfolgenden Roman „Im Schnee“ setzte sich das grandios fort: Das Buch (2025 im Piper Verlag erschienen) ist eine kunstvoll gesponnene Momentaufnahme vom Ende der modernen Zeiten. Goerz begibt sich darin wie ein stummer, staunender Beobachter in die Mitte des Nirgendwos und berichtet, ohne je in falsches Pathos zu geraten, von Menschen, die sich eingerichtet haben zwischen Geburt und Tod, weil es ein Gott eben so gewollt hat: „Man muss auch Schweigen lernen. Und auch, nicht zu fragen“, lautet ihre Antwort auf die Verwunderung darüber, warum hier bei ihnen alles so anders ist als im Rest der Welt, warum man nicht eingreift ins Rad der Geschichte.
Vom Aufblitzen des Lebens vor seinem Rückzug
Es ist eine leise Geschichte vom Sterben und vom Zurückbleiben. Die Trauer ist ein Ritual, das Dahinscheiden wie eine Nebensache: „Schön ist er gestorben,“ sagt man im Wirtshaus. „Ja, hat sich einfach so hingelegt.“ Und nach endlosen Schweigemomenten fügt einer nur noch hinzu: „So wünsche ich mir das auch.“ Vor den Fenstern der dumpfen Gaststube fallen beständig die Flocken, aber „der Schnee ist wie das Schweigen (. . .), er macht die Welt leise, schluckt den Schall. Und macht sie schön.“
Diese letzten beiden Romane von Tommie Goerz sind großartige, scheue Prosa, traurige Augenblicke, in denen Leben nur aufblitzt, bevor es sich wieder zurückzieht in die Winkel und verstaubten Ecken einer unbedeutenden Gegenwart. es sind keine Heimatromane, weil Heimat auch hier ein auslaufendes Lebensmodell ist, aber Goerz’ Liebe zu den Menschen, deren letzte Geheimnisse er nie aufstöbert, sondern diskret verschweigt, war zart und ungeheuer ehrlich.
„Im Schnee“ endet, wie das Buch begann: mit einem stillen Tod. Der Himmel ist ohne Licht, doch der Kreislauf bleibt intakt. Auch wenn es traurig ist. Wie jetzt der Tod des Autors.

vor 1 Stunde
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