Schäfchen, so nennt der Heilige Franziskus seinen ängstlichen Mitbruder Leo (Russell Braun singt ihn mit zitternd zagendem Bariton) in Olivier Messiaens Libretto zur Oper „Saint François d'Assise“. „Schäfchen, höre gut zu, was ich dir sage!“: Die vollkommene Freude liege einzig in der „Kraft, sich selbst zu überwinden und freudig, um der Liebe Christi willen Schmerzen, Beschimpfungen, Schmach und Mühsal zu ertragen“.
Ob Markus Hinterhäuser das auch so sieht? Das Kuratorium der Salzburger Festspiele hatte ihn, den bisherigen Intendanten, gezielt gedemütigt, indem es ihn feuerte, angeblich wegen eines Verfahrensfehlers bei der Bestellung von Karin Bergmann als neuer Schauspieldirektorin am öffentlichen Bewerbungsverfahren vorbei, um dann ausgerechnet Karin Bergmann als Interimsintendantin zu berufen. Deutlicher, gehässiger, triumphalistischer konnte das Kuratorium nicht demonstrieren: Bergmann war nie das Problem, Hinterhäuser wollte man loswerden. Dass Bergmann dieses Spiel mitspielte, lässt sie am Ende nicht gut dastehen.

Wer aber jetzt gut dasteht, ist Hinterhäuser, denn die Neuinszenierung von Messiaens „Saint François d' Assise“ gehört zu den stärksten Leistungen seiner Intendanz: ein später Triumph nach deren vorzeitigem Ende. Der Regisseur Romeo Castellucci, der sich sonst zu gern in Selbstbezüglichkeiten und Bespiegelungen durch die Kunstweltkollegenschaft gefiel, hat hier zu einer seltenen, unmittelbar packenden Klarheit gefunden. So wie der Heilige Franz von Assisi, dessen Todestag sich am 3. Oktober zum 800. Male jährt, seine Mitwelt schockierte, indem er das Evangelium Christi mit dessen Armuts- und Liebesgebot radikal wörtlich nahm, nimmt auch Castellucci dieses Heiligenleben wörtlich: in einer beherzten Verteidigung der Würde kreatürlicher Erbärmlichkeit.
Das dritte Bild der Oper beschreibt den Wunsch Franziskus', seinen Ekel vor einem Aussätzigen zu überwinden. Am Ende küsst er ihn. Während der Tenor Sean Panikkar diesen Leprakranken mit zornloderndem Tenor singt, verdoppelt Castellucci die Figur und holt den stummen Darsteller Georg Schwamberger auf die Bühne, der ungeheuren Mut beweist. Wir sehen einen splitternackten, ausgemergelten Greis, der sich von Philippe Sly als Heiligem Franziskus waschen lässt: Auch die braunen Hautverklebungen unter der Rückseite des Lendenschurzes des Kranken wäscht Franziskus ab.
In den Choreographien wird Philippe Sly als Saint François (im weißen Gewand) viel zugemutetSalzburger Festspiele/Monika RittershausNun könnte man das als Pflegenotstandsvoyeurismus oder Elendspornographie abtun. Aber die Ruhe der Bewegungen, die Entrückung durch die Riesenmaße der Bühne auf der Felsenreitschule, die rituelle Strenge der Musik Messiaens, die Maxime Pascal zudem noch in besonders konzentrierter Zurücknahme dirigiert, belassen dem Entblößten seine Würde.
Das Liebenswerte des Hässlichen, die barmherzige Zuwendung zum Ekelhaften gehören zur Substanz des Christentums und des Judentums: „Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet“, lesen wir beim Propheten Jesaja im 53. Kapitel. Diese alttestamentliche Verheißung des Gottesknechtes spiegelt Jesu Rede im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen“.
Saint François (Philippe Sly) lauscht dem Gesang des Engels (Lauranne Oliva).Salzburger Festspiele/Monika RittershausIn dem Maße, wie heute die Eugenik der Designerbaby-Agenturen und die Euthanasie der Sterbehilferegelungen an Akzeptanz gewinnen, ist das Christentum auf dem Rückzug aus der sozialen Plausibilität. Entsprechend schwer vermittelbar wird es auf dem Theater, wo es meistens psychopathologisiert wird: Wer glaubt, hat einen Dachschaden. In diesem Klima einer repressiven Säkularität der Ästhetik ist Castelluccis Inszenierung ein Akt des Widerstands: Der Glaube schenkt dem Leib der Kreatur eine Würde jenseits konsumistischen Begehrens.
Wie Castellucci im Interview vorab erläutert, hatte sich Messiaen bei seiner 1983 uraufgeführten, mehr als vier Stunden langen Monumentaloper an einem geschönten Bild von Franziskus orientiert, das wesentlich durch den Maler Giotto geformt worden war. Frühere Zeugnisse legten nahe, dass Franziskus eher unscheinbar, wenn nicht gar unansehnlich gewesen sei. Castellucci stößt seinen Hauptdarsteller Philippe Sly aus dem Licht ins Dunkel, aus dem Glanz in den Dreck. Sly singt diesen Heiligen auch nicht als Kraftprotz, sondern als Fundamentalisten des Leisen: radikal durch Zuspitzung, nicht durch Brüllerei. Und körperlich mutet er sich beim Wälzen in Blut und Erde oder in den Schleif- und-Sturz-Choreographien von Yasmine Hugonnet einiges zu.
Castelluccis eigene Bühnenbilder sind karg, aber aufwendig, was zwei einstündige Umbaupausen nötig macht, wodurch die Aufführungsdauer auf siebeneinhalb Stunden anwächst. Die vier Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer treten dabei hervor. Es werden von den Mönchen auf der Bühne Brote gebacken und Tonkrüge geformt. Doch der Engel – Lauranne Oliva singt ihn mit heiter leuchtendem Sopran – zertritt die ungebrannten Krüge wieder mit seinem goldenen Fuß: Menschenwerk sollte Gottes Vorsehung nicht vorgreifen.
Maxime Pascal hat die von Jozef Chabroň einstudierte Konzertvereinigung Wiener Staatopernchor ebenso sicher im Griff wie die Wiener Philharmoniker, die hier zu ihrem eigenen Besten endlich aus der Komfortzone der ewigen Wiederkehr von Bruckner, Mahler, Strauss herausgeführt werden. Die komplexen Rhythmen der ornithologisch genau transkribierten Vogelrufe meistert das Schlagzeug mit hoher Präzision, während die elektronischen Ondes Martenot der wortlosen Musik des Engels zu bezwingendem Zauber verhelfen.

vor 13 Stunden
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