Archäologie steht seit jeher in Gefahr, für politische Zwecke genutzt bis missbraucht zu werden. Nationalistische Umdeutungen und Erzählungen in China, der Türkei und aktuell vor allem durch Russland etwa auf der Krim belegen dies. Kopfschüttelnd erinnert man sich an das eigene Archäologiestudium zurück. Exakt dieselben Pfostenlöcher eines ergrabenen Hauses im heutigen Ostdeutschland wurden in der Literatur der Dreißiger als Beleg für eine urgermanische Siedlung interpretiert, in den Fünfzigern von der DDR-Archäologie hingegen als typisch slawisch. In der Klassischen Archäologie tobt der Deutungskampf schon lange: Die europäisch geprägte Disziplin steht als „Klassizismus der Weißen“ im Feuer der Postkolonialen; Trumps neoklassizistische Klitterungen im Sinne eines „Make Antiquity Great Again“ erweisen sich dabei für jede ernsthafte Archäologie als Bärendienst.
Nun hat sich die Kampfzone auf eine der maßgeblichen Quellen der Antike ausgeweitet – auf Pompeji. Dessen Direktor Gabriel Zuchtriegel präsentierte am 3. August mit berechtigtem Stolz eine Rekonstruktion des berühmten Doryphoros von Polyklet, gemeinhin als „Speerträger“ bekannt, dessen Bronzeoriginal verloren ist. Im 19. Jahrhundert wurde er meist kriegerisch gedeutet mit dem langen Speer („Dory“) als Waffe der Hopliten, inzwischen hat sich die Identifikation als nackter Athlet mit einst wohl geschultertem, deutlich schlanker proportionierten hölzernen Wurfspieß durchgesetzt. Bis heute wurden mehr als fünfzig jeweils leicht abweichende Varianten des Doryphoros gefunden, die Statue zählt damit zu den am häufigsten kopierten Skulpturen der klassischen Kunst überhaupt. In vielen Sammlungen weltweit stehen Kopien des bronzegewordenen Modellathleten, auch in der sogenannten Palestra sannitica in Pompeji, im Grunde einer römischen Muckibude und Turnhalle für junge Männer, wurde eines dieser sportlichen „Role Models“ gefunden.
Der Speerträger von Pompeji hat nun schwarze Haare und dunklen Teint
Die nun in Pompeji vorgestellte hochqualitätvolle Bronzerekonstruktion des polykletischen Originals nach alten Formen der historischen Gießerei Chiurazzi ist ein Mix aus dem Rumpf der Figur aus der Palestra sannitica und dem Hermenkopf von Herculaneum, gewissermaßen eine aktualisierte Rekonstruktionshypothese, die auf einem Jahrhundert neuer Forschungen basiert. Sie wurde zudem im Sinne einer „Bunten Antike“, wie sie in Frankfurts Skulpturenmuseum Liebieghaus seit Jahrzehnten von Vinzenz Brinkmann und seiner Frau rekonstruiert wird, mit einer relativ dunklen Patinierung des Teints sowie intarsierten Augen und roten Kupferlippen versehen, wie es bei Bronzen in der griechischen Antike üblich war.
Vor der gemeinsamen Enthüllung des Nachgusses mit dem Kulturminister Italiens, Alessandro Giuli aus der Meloni-Regierung, hielt Zuchtriegel eine Rede, die den dunklen Teint des „Canone“, wie er den Doryphoros in Anlehnung an das ebenfalls nicht im Original erhaltene ästhetisch-theoretische Regelwerk Polyklets aus dem 5. Jahrhundert vor Christus nennt, in eine politische Sphäre überführt, in die der Sportler per se nicht gehört.
Zuchtriegel wörtlich: „Der klassische ,Kanon‘ ist nicht, wie es vielleicht manchen gefallen würde oder in der Vergangenheit gefiel, blond und blauäugig. Wir kennen im Falle dieses Werks die genaue Farbgebung nicht, doch zahlreiche Vergleiche haben uns davon überzeugt, eine Rekonstruktion mit schwarzem Haar und braunen Augen vorzuschlagen. Zusammen mit dem bronzefarbenen Teint – daher auch das Wort ‚bronziert/gebräunt‘ – zeigt uns der ‚Kanon‘ einen jungen Mann, der aus Griechenland, Italien, Syrien, Tunesien, Algerien oder Marokko stammen könnte. Er ist schlichtweg Ausdruck mediterraner Schönheit.“
Sollte Archäologie sich in aktuelle Politik einmischen?
Es bleibt die Eingangsfrage, ob man grundsätzlich Archäologie als Beleg oder Widerlegung von Politik nutzen sollte. Die Aussage, dass der „Kanon“-Doryphoros – mit großer Sicherheit im Original ein griechischer Athlet aus Polyklets Lebensumfeld und eher kein Nordafrikaner – auch „ein Tunesier, Algerier oder Marokkaner“ sein können soll, führt aus wissenschaftlicher Sicht zu nichts.
Zuchtriegel fuhr in der Rede mit dem offensichtlich gegen die Meloni-Regierung gerichteten Satz fort: „Und das bedeutet, dass es nichts Falscheres gibt, als die klassische Kunst dazu zu nutzen, Spaltungen im Mittelmeerraum zu schaffen, und schon gar nicht, die Bewohner der Küsten dieses Meeres, jenseits jeder politischen Bewertung, die mir nicht zusteht, zu entmenschlichen und sie als ,Zombie-Gestalten‘ darzustellen.“
Erkennbar wendet sich der Archäologe hier mit dem Begriff „orme di zombie“ in seiner Rede gegen die Diffamierung der auf Ceuta einstürmenden Nordafrikaner durch rechte Politiker und durch Elon Musk, der in den vergangenen Jahren mehrfach für ein Beharren auf der Idee einer „Weißen Antike“ bei Trump plädierte. Gegen diese Indienstnahmen nun allerdings in Pompeji eine antike Statue als Kronzeuge zu nutzen, scheint genauso verfehlt, da über Polyklets persönliche Einstellungen nichts bekannt ist.
Gottfried Benn hatte vor gut achtzig Jahren die bündige Antwort dafür: Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint.

vor 9 Stunden
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