Bereits im kommenden Jahr will Deutschland erstmals Satelliten mit militärischen Offensivfähigkeiten in den Weltraum bringen. Das geht aus Dokumenten hervor, die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR einsehen konnten. Demnach sollen deutsche Trägerraketen 2027 zwei Störsatelliten ins All befördern. Sie sollen andere Raumflugkörper beeinträchtigen können. Mit dem Projekt soll erprobt werden, wie schnell Deutschland eigene Satelliten ins Weltall bringen kann und wie ausgereift ihr militärischer Nutzen ist. Das neue Vorhaben der Bundeswehr markiert einen Wendepunkt. Bislang war Deutschland eher zurückhaltend und defensiv im All aufgetreten. Nun sollen explizit Satelliten mit Offensivfähigkeiten im Weltraum stationiert werden.
Die beiden Störsatelliten sind Teil eines Vorhabens der Bundeswehr, welches der Verteidigungsausschuss des Bundestags bereits genehmigt hat und das noch am Mittwoch den Haushaltsausschuss passieren sollte. Das Programm, das auch unter dem Namen „Schild und Schwert“ firmiert, wird vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) umgesetzt. Insgesamt sollen dabei sogar vier Satelliten mithilfe von zwei Trägerraketen in den Orbit gebracht werden: zwei defensive „Inspektorsatelliten“, die sich anderen Raumflugkörper annähern und diese ausspähen können – das „Schild“. Dazu kommen als „Schwert“ zwei offensive „Effektorsatelliten“. Diese sollen in der Lage sein, andere Satelliten mit elektromagnetischen Störungen zu beeinträchtigen.
Projekt und Zeitplan sind jedoch ambitioniert. Obwohl erste Tests laufen, kam es bisher noch zu keinem erfolgreichen Start einer eigenen Trägerrakete aus deutscher Produktion. Trotzdem sollen bereits 2027 die vier Satelliten im Orbit erprobt werden, zwei Jahre später soll die Bundeswehr im Weltraum kriegstüchtig sein, wie es in vertraulichen Dokumenten heißt. Hintergrund ist die Weltraumsicherheitsstrategie, welche die Bundesregierung im November verkündete. Dort wird das All als „Austragungsort von Konflikten, strategischem Wettbewerb und globaler Machtprojektion“ bezeichnet. So sind Echtzeitbilder in hoher Auflösung von Truppenbewegungen sowie Ortungs- und Kommunikationsdaten militärisch entscheidend. Bislang ist Deutschland diesbezüglich stark von den USA abhängig. Deshalb will Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die Bundeswehr im Weltall militärisch aufrüsten und dafür bis zu 35 Milliarden Euro ausgeben.
Um das Projekt so schnell wie möglich auf den Weg bringen zu können, beauftragte das Verteidigungsministerium nicht das eigene Beschaffungsamt der Bundeswehr mit der Umsetzung, sondern schloss eine Vereinbarung mit dem von Dorothee Bär (CSU) geführten Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt ab. Unter dem Dach der beiden Ministerien soll das DLR nun das Projekt mit einem Volumen von 100 Millionen Euro zügig umsetzen und „aufzeigen, ob und wie es möglich ist, Satelliten in einem vordefinierten kurzen Zeitfenster zu beschaffen, sicher in den Orbit zu verbringen und deren Betrieb zu gewährleisten“, wie es in den Dokumenten heißt.
„Die Kriegsführung verlagert sich immer mehr in den Weltraum“
Koalitionspolitiker aus Union und SPD begrüßen das Projekt. „Nur durch glaubwürdige militärische Abschreckung im All und die gesicherte Fähigkeit, eigene Nutzlasten unabhängig in den Orbit zu bringen, können wir unsere staatliche und europäische Souveränität dauerhaft garantieren und die Bundeswehr im Weltraum wehrhaft aufstellen“, sagt Thomas Erndl (CSU), verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Dazu brauche es „neben nationalen Launch-Fähigkeiten“ nun auch „die konsequente Entwicklung offensiver Kapazitäten“. Auch der für Verteidigung zuständige Haushaltspolitiker Andreas Schwarz (SPD) verteidigt das Vorhaben: „Die Kriegsführung verlagert sich immer mehr in den Weltraum. Wir haben in Europa erhebliche Defizite, was unsere Aufklärungsmöglichkeiten im Weltraum angeht und sind da im Prinzip abhängig von den USA.“ Deswegen sei es wichtig, dass Deutschland hier auf eigene Beine komme. „Was wir jetzt vorhaben, ist sicherlich ambitioniert, aber man muss sich auch Ziele setzen“, so Schwarz.
In der Opposition stößt das Vorhaben jedoch auf Kritik. „Das Verteidigungsministerium stellt jetzt still und heimlich die Weichen für offensive deutsche Wirksysteme im Weltraum, die andere Satelliten stören können – die also genau das tun, was man Russland vorwirft“, sagt Desiree Becker (Linke), die Mitglied im Verteidigungsausschuss ist. Zudem beklagt sie die Verquickung der zivilen Einrichtung DLR und der militärischen Nutzung.
Auf Anfrage wollte sich das DLR nicht äußern. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, dass die Bundeswehr „auf die sich signifikant veränderte Bedrohungslage im Weltraum unter anderem durch die Beschaffung und den Betrieb defensiver und offensiver Weltraumsysteme“ reagiere. Dazu gehöre auch das neue Vorhaben, bei dem die Satelliten paarweise ausgebracht würden, um miteinander interagieren zu können. Dadurch sollten erste Erfahrungen zum Betrieb und Einsatz der Satelliten gesammelt werden.










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