Berlin-Neukölln: Strafbefehl gegen den Schulleiter, der  einen Mordanschlag erfunden haben soll

vor 1 Stunde 1

Der Leiter der Deutsch-Arabischen Schule Ibn Khaldun in Berlin-Neukölln, Hudhaifa Al-Mashhadani, soll eine Geldstrafe von 17 100 Euro wegen falscher Verdächtigung zahlen.  Das Berliner Amtsgericht Tiergarten hat einen entsprechenden Strafbefehl gegen ihn erlassen, 90 Tagessätze à 190 Euro. Al-Mashhadani soll im November 2025 gegenüber der Berliner Polizei wahrheitswidrig angegeben haben, von einem Mann geschlagen und beinahe vor eine U-Bahn gestoßen worden zu sein, teilte eine Sprecherin des Gerichts auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit. Auf seine Anzeige hin sei ein Ermittlungsverfahren gegen den mutmaßlichen Täter eingeleitet worden, „obwohl dieser beim Einsteigen in die Bahn lediglich eine relativ unverfängliche Handbewegung in Richtung Al-Mashhadanis gemacht habe“.

Das Amtsgericht folgt damit einem Antrag der Berliner Staatsanwaltschaft, die offenkundig überzeugt ist, dass Al-Mashhadani hinsichtlich eines angeblichen Mordanschlags, der im November 2025 auf ihn verübt worden sein soll, gelogen hat. Damals hatte Al-Mashhadani erst auf seinen Social-Media Kanälen und dann gegenüber zahlreichen Journalisten von einem Angriff auf ihn im Berliner U-Bahnhof Neukölln berichtet. Dort, so erzählte er, soll ein junger Mann mit Palästinensertuch versucht haben, ihn vor einen einfahrenden Zug zu schubsen.

Verfahren gegen den angeblichen Täter eingestellt

Nach SZ-Informationen ermittelte die Staatsanwaltschaft schließlich gegen einen Mann, der ein bekannter propalästinensischer Aktivist ist. Al-Mashhadani soll dessen Instagramprofil mit der Polizei geteilt und ihn als angeblichen Schubser benannt haben. Das Verfahren gegen den Mann wegen Körperverletzung wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft inzwischen eingestellt.

Der Anwalt von Al-Mashhadani hat laut der Gerichtssprecherin Einspruch gegen den Strafbefehl erhoben. Damit wird es nun höchstwahrscheinlich zu einem Prozess vor Gericht kommen. Mit einem Strafbefehl will die Justiz bei geringeren Delikten ein Verfahren abkürzen, bei dem keine hohen Strafen zu erwarten sind. Auf eine SZ-Anfrage reagierten weder der Anwalt noch Al-Mashhadani.

Der angebliche Mordanschlag auf den Schulleiter hatte bundesweites Medieninteresse und Empörung in der Berliner Politik ausgelöst. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte in einem Beitrag auf X von einem „feigen Angriff“ geschrieben. Viele größere deutschsprachige Medien, darunter auch die SZ, veröffentlichten lange Porträts über Al-Mashhadani und seine in Berlin einzigartige, säkulare Schule, in der Kinder abseits von Moscheen Arabisch lernen können.

Auch die „Ehrennadel“ als „Brückenbauer zwischen den Kulturen“ steht auf dem Spiel

Im Irak geboren und angeblich als politisch Verfolgter nach Deutschland geflüchtet, galt Al-Mashhadani als einer der wenigen Muslime in Neukölln, die sich öffentlich und druckvoll gegen Antisemitismus einsetzen. Er kooperierte mit jüdischen Vereinen, traf sich mit Rabbinern. Das brachte ihm viel Lob und einige Auszeichnungen ein: Im November 2025 ehrte ihn der Regierende Bürgermeister Wegner mit dem „Band für Mut und Verständigung“, im Dezember überreichte ihm der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel eine „Ehrennadel“, als Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Auf SZ-Anfrage schreibt ein Sprecher des Neuköllner Bezirksamts nun, dass das Verleihgremium erneut über die Verleihung der Ehrennadel an Al-Mashhadani beraten werde, sollte der Strafbefehl rechtskräftig werden.

Auch die Jury der Auszeichnung „Band für Mut und Verständigung“ will sich nochmals treffen, um „eine Reaktion zu vereinbaren“, schreibt der Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) der Region Berlin, Daniel Wucherpfennig, der die Auszeichnung mit initiiert. Einen solchen Fall wie den um Al-Mashhadani hätten sie in der mehr als 30-jährigen Geschichte der Auszeichnung noch nicht erlebt, es existiere daher kein Automatismus der Aberkennung.

Dass an Al-Mashhadanis Erzählung vom angeblichen Angriff im U-Bahnhof vieles nicht stimmen konnte, hatten taz und Tagesspiegel bereits im März 2026 öffentlich gemacht. Der Tagesspiegel etwa beschrieb Aufnahmen einer Überwachungskamera aus dem U-Bahnhof, auf denen klar zu sehen sei, dass ein Mann mit Palästinensertuch Al-Mashhadani zwar auf die Schulter tippt, wie um ein Gespräch zu beginnen, aber ihn weder schubst noch schlägt.

Die SZ nahm diese Enthüllungen zum Anlass, die eigene Geschichte mit dem Titel „Im Visier“, die Anfang Dezember 2025 erschienen war, zu prüfen. Sie wurde mittlerweile von der Redaktion gelöscht, da sie etliche falsche Angaben Al-Mashhadanis transportierte. Ende April 2026 veröffentlichte die SZ dann die Recherche „Ein Mann und seine Lügen“, in der es neben dem vermeintlichen Mordanschlag auch um weitere Vorwürfe gegen Al-Mashhadani geht.

Was stimmt noch alles nicht in seinem Lebenslauf?

Demnach hat der Schulleiter zahlreiche falsche Angaben über sich verbreitet, über seine angeblichen akademischen Titel und seine Arbeit für verschiedene irakische und US-amerikanische Ministerien etwa. Im Irak soll er wegen Betrugs in Haft gesessen haben, weil er sich unter anderem als Sohn des damaligen Sprechers des irakischen Parlaments ausgegeben habe, um Geld zu erschleichen. So zumindest erzählte es dieser frühere Parlamentssprecher, Mahmoud Al-Mashhadani, der SZ.

Den SZ-Recherchen nach könnte der Schulleiter Al-Mashhadani zudem eine E-Mail gefälscht haben, in der die irakische Botschaft in Berlin angeblich bestätigt, dass er einen Professorentitel trägt. Anfragen dazu ließ er in der Vergangenheit unbeantwortet. In öffentlichen Social-Media-Postings bestritt Al-Mashhadani die Vorwürfe gegen ihn pauschal.

Die Staatsanwaltschaft Berlin will sich auf SZ-Anfrage nicht dazu äußern, ob nun auch wegen des Missbrauchs eines akademischen Titels und wegen des Fälschens einer E-Mail gegen Al-Mashhadani ermittelt wird. Ob Al-Mashhadani weiter die Deutsch-Arabische Schule Ibn Khaldun leiten wird, steht wohl auch noch nicht fest. Derzeit könne diese Anfrage nicht beantwortet werden, schreibt das Schulsekretariat, da Herr Al-Mashhadani sich in einer „langfristigen Abwesenheit“ befände.

Gesamten Artikel lesen