Russland: Zunahme von mehr als 29 Milliarden Euro seit Januar: Warum Russen Milliarden an Bargeld abheben

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Berlin. Im April warnte der schwedische Militärgeheimdienst, dass Russland auf ein „finanzielles Desaster“ zusteuere. Nun gibt es dafür neue Anzeichen. In den vergangenen Monaten haben die Russen immer mehr Bargeld aus dem Bankensystem abgezogen. Die Daten der Zentralbank zeigen, dass der Bargeldabfluss von Januar bis Juli 2026 um mehr als zehn Prozent oder 2,8 Billionen Rubel, umgerechnet etwa 29 Milliarden Euro, gestiegen ist.

Ende Juli sagte Sberbank-Finanzchef Taras Skworzow dem russischen Wirtschaftsmagazin „RBK“, der Bargeldabfluss könne bis Ende des Jahres 3,8 Billionen Rubel erreichen. Sollte Skworzows Prognose eintreffen, wäre das deutlich mehr als im Vorjahr: Im gesamten Jahr 2025 war es lediglich eine Billion Rubel.

Internetabschaltungen und höhere Mehrwertsteuer

Dass Kunden in Russland verstärkt auf Bargeld setzen, hat mehrere Gründe. Nach Angaben der Zentralbank begann der rasante Anstieg im März 2026. Das würde mit den großflächigen Internetabschaltungen zusammenfallen, die im März zum ersten Mal auch Metropolen wie Moskau und Sankt Petersburg getroffen haben. Wo kein Netz ist, kann nicht bargeldlos bezahlt werden. Internetabschaltungen nannte auch die Zentralbank selbst in ihrem aktuellen Bericht als Grund für die Bargeldzunahme.

Früher in diesem Jahr erklärte die Zentralbank zudem, die Bargeldnachfrage sei so hoch, weil sich Unternehmen und Bevölkerung noch nicht an die Steueränderungen anpassten. Gemeint war offensichtlich die Mehrwertsteuer, die seit 1. Januar 22 statt 20 Prozent beträgt. Die Mehreinnahmen sollen vor allem in Verteidigung und Sicherheit fließen, begründete das russische Finanzministerium.

Nach Einschätzung von Skworzow von Ende Juli haben sich nicht alle Unternehmen an diese Steueränderungen angepasst und setzen verstärkt auf Bargeld. Der vermehrte Rückgriff auf Bargeld kann die Nachprüfbarkeit von Umsätzen erschweren, weil Barzahlungen geringere digitale Spuren hinterlassen.

„Freiwillige“ Spenden der Unternehmen

Dass die höhere Mehrwertsteuer die Unternehmen belastet und sie weitere Abgaben vermeiden wollen, legt eine andere Zahl nahe: Bis Mitte August beliefen sich die freiwilligen Beiträge von Unternehmen zum Staatshaushalt auf fast 384 Milliarden Rubel – rund eineinhalbmal so viel wie im gesamten Vorjahr.

Die Ökonomin Alexandra Prokopenko, bis 2022 Beraterin der russischen Zentralbank, bezeichnet die Freiwilligkeit dieser Zahlungen allerdings als „relativ“. Ihrer Einschätzung nach erkauften sich die Unternehmen damit den Verzicht des Staates auf eine gesetzliche Übergewinnsteuer, die sogenannte Windfall Tax. Eine solche Abgabe auf die Gewinne des Jahres 2025 war zu Jahresbeginn mit einem Steuersatz von 20 Prozent diskutiert worden.

Die alten Ängste hallen nach

Bei den Geldabhebungen könnte auch die Furcht eine Rolle spielen, der Staat könne auf Bankeinlagen zugreifen. Solche Befürchtungen haben in Russland historische Anknüpfungspunkte: Nach dem Ende der Sowjetunion verloren viele Bürger durch Inflation und Währungsumstellungen einen großen Teil ihrer Ersparnisse.

Die Finanzkrise von 1998 prägte das Misstrauen gegenüber Banken und dem Rubel ebenfalls nachhaltig. Nach dem Zahlungsausfall des Staates und der Abwertung der Landeswährung stieg die Inflation auf rund 84 Prozent. Für viele Menschen bedeutete die Krise einen drastischen Verlust an Kaufkraft, sinkende Reallöhne, ausbleibende Gehaltszahlungen und den Zusammenbruch mehrerer Banken.

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Neue Nahrung erhielten solche Ängste im Jahr 2025 durch Äußerungen von Maxim Oreschkin, dem stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung. Bei einem Forum der VTB-Bank sprach er von „Mechanismen“, mit denen sich die Verschuldung erhöhen lasse, ohne Zinsen zu zahlen – etwa „indem man die Mittel der Bevölkerung nutzt“. Ob damit tatsächlich ein Zugriff auf private Bankeinlagen gemeint war, blieb offen. Auch laut einer Analyse der „Washington Post“ ist die Sorge, der Kreml könnte auf Bankeinlagen zugreifen, nicht unbegründet.

Blanker Unsinn. Alexandra Prokopenkofrühere Beraterin der Zentralbank, über die Wahrscheinlichkeit, dass Einlagen eingefroren werden.

Prokopenko sagte dem Handelsblatt, um die Mittel der einfachen Bevölkerung gehe es aber kaum. Es seien vor allem die sogenannten High-Net-Worth Individuals, die die Abhebungsstatistik trieben, also Vermögende mit Einlagen ab 50, eher ab 100 Millionen Rubel, keine Durchschnittssparer. Ein wichtiger Faktor für die Zahlen sei in diesem Jahr eine Verkaufswelle an der Moskauer Börse gewesen. Wer dort Vermögenswerte verkaufte, investierte das Geld offenbar nicht neu, sondern hielt es lieber in bar.

Die russische Zentralbank: Historisch schwaches Vertrauen ins Bankensystem. Foto: AFP

Gerüchte über ein Einfrieren von Einlagen hält Prokopenko indes für „blanken Unsinn“. Das wäre ein Schlag gegen die Passivseite der Banken, und unter der aktuellen Zentralbankführung sei das nahezu ausgeschlossen. Denkbar wären eher Abhebungslimits, aber auch da würde es sich wohl um größere Summen handeln.

Strukturell-politische Krise

Spuren hinterlässt der Abfluss trotzdem. Mitte August hat das strukturelle Liquiditätsdefizit der Banken laut Daten der Zentralbank mit rund 2,7 Billionen Rubel den höchsten Stand seit März 2022 erreicht. Das Liquiditätsdefizit bedeutet, dass die Schulden der Banken bei der Zentralbank größer sind als die Mittel, die sie dort auf Einlagen- und Korrespondenzkonten halten.

Prokopenko sieht das nüchtern. Das Liquiditätsdefizit an sich sei nicht automatisch ein Problem, sondern eine Beschreibung des aktuellen Zustands im Bankensystem. Die russische Wirtschaft befinde sich in einer Krise, sie sei aber strukturell-politischer, nicht finanzieller Natur.

Der Krieg ist ein schwarzes Loch für die Wirtschaft und für die Staatsausgaben. Alexandra Prokopenkofrühere Beraterin der Zentralbank

Das Liquiditätsdefizit der Banken fällt allerdings mit einem wachsenden Haushaltsdefizit und einem sich verlangsamenden Wirtschaftswachstum zusammen. Im August berichtete das russische Finanzministerium, dass das Haushaltsdefizit von Januar bis Juli 2026 bei 6,45 Billionen Rubel oder 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lag. Damit war das Defizit Mitte des Jahres bereits höher als ursprünglich für das gesamte Jahr vorgesehen.

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Sergej Aleksaschenko, früher Vizezentralbankchef, rechnet in seiner neuen Analyse für die Denkfabrik New Eurasian Strategies Centre für 2026 mit einem Defizit von sieben bis 7,5 Billionen Rubel. Finanzierbar bleibt das, unter anderem weil die Mehrwertsteuereinnahmen einschließlich Inlands- und Einfuhrumsatzsteuer 25 Prozent über dem Wert des Vorjahrs liegen. Der Puffer, etwa aus dem Nationalen Wohlstandsfonds und aus weiteren Finanzreserven, schrumpfte zwar. Von den 13 Billionen Rubel zu Jahresbeginn blieben aber noch rund acht Billionen.

Auch Prokopenko geht davon aus, dass das Finanzministerium durchaus Möglichkeiten habe, das Haushaltsdefizit 2026 zu decken. Die größte Sorge sei jedoch, dass der Krieg andauere. „Der Krieg ist ein schwarzes Loch für die Wirtschaft und für die Staatsausgaben.“ Weder das Finanzministerium noch die Zentralbank wüssten, wie viel Geld dafür noch ausgegeben werden müsse. „Diese Ungewissheit schafft Unsicherheit und schwächt auch das Vertrauen in das Bankensystem.“

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