Mitte der Achtzigerjahre landete die italienische Pop-Ikone Alice einen überraschenden Charts-Erfolg. Das von Franco Battiato geschriebene Lied „Prospettiva Nevski“ kreist um einen eiskalten Wintertag auf der berühmten Straße Sankt Petersburgs, erzählt von einer Zufallsbegegnung mit Igor Stravinsky und erinnert an einen „Film Eisensteins über die Revolution“. Warum, das ist nicht leicht zu verstehen, doch die beiläufige Erwähnung signalisiert, dass der Regisseur Sergej Eisenstein damals, knapp vierzig Jahre nach seinem Tod, als feste, nicht erklärungsbedürftige Bezugsgröße galt, als Fixstern nicht nur der Filmgeschichte.
Gusel Jachina: „Eisen“VerlagÜber den 1898 in Riga in bürgerlichen Verhältnisse geborenen Eisenstein, von Freunden meist nur „Eisen“ genannt, wurden seit seinem frühen Tod 1948 zahlreiche Studien und Biographien geschrieben, fußend auf seinen filmtheoretischen Schriften, den postum erschienenen Memoiren und den Erinnerungen seiner Wegbegleiter. Es gehört also eine Portion Mut dazu, sich noch einmal daranzumachen, das Leben dieses Mannes und seine Filme nachzuerzählen. Die 1977 in der Republik Tartastan geborene und heute in Kasachstan lebende Gusel Jachina hat sich von den Regalmetern, die die Literatur über Eisenstein füllt, nicht beeindrucken lassen, jahrelang recherchiert und ihren umfangreichen Roman „Eisen“ verfasst, der, wie es in der Vorrede an die Leser heißt, „Fiktion mit dem höchstmöglichen Respekt vor der Wahrheit“ sein soll.
Eisenstein sei, so Jachina gleich zu Anfang, ein „sehr komplizierter, widersprüchlicher, irrlichternder Mensch“ gewesen, verborgen „hinter hundert Masken“ und bis heute nicht „enträtselt“. In acht Kapiteln, die chronologisch der Biographie folgen und seine bedeutendsten Filme beschreiben, schickt sich Jachina an, diesen – dezent gesagt – komplexen Charakter zu entschlüsseln und sein Werk in die sowjetische (Kultur-)Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts einzubetten.
Der Panzerkreuzer machte ihn berühmt
Der kleingewachsene, übergewichtige Mann mit ungebändigtem Haarschopf will Erfolg haben. Auf dem Theater gelingt ihm das nicht, doch schon sein erster Film „Streik“ (1925) sorgt für Furore und macht den gerade mal Siebenundzwanzigjährigen zum Shootingstar des Stummfilms. Der „neumodischen Göttin Cinéma rettungslos verfallen“, erhält er kurz darauf den Auftrag, den zwanzigsten Jahrestag der russischen Revolution von 1905 filmisch zu würdigen. Nicht zuletzt aus Zeitgründen muss sich Eisenstein auf eine Episode konzentrieren, auf die Meuterei auf einem russischen Kriegsschiff.
„Panzerkreuzer Potjomkin“ heißt das radikale Ergebnis. Kurz vor Weihnachten 1925 uraufgeführt, erobert der Film In- und Ausland. Auch halb Berlin wird vom Schwall der Begeisterung (und des Entsetzens) mitgerissen; Lion Feuchtwanger wird in seinem Roman „Erfolg“ die Rezeption einbauen und versuchen, Eisensteins Techniken auf die eigene Prosa zu übertragen. Eine Szene von gut sechs Minuten – das Blutbad auf der Treppe von Odessa – schreibt sich mit ihrer avantgardistischen Montage- und Schnitttechnik tief in die Filmgeschichte ein und wurde von Regienachfolgern Eisensteins oft als Zitat verwendet.
Von da an ist Eisenstein ein gemachter – und äußerst umstrittener – Mann. Zusammen mit seinem später selbst zum Regisseur avancierten Freund Grigori „Grischa“ Alexandrow und dem Kameramann Eduard Tisse bildet er ein Trio, das sich ständig neue Sujets erobert und vor allem mit den ideologischen Schwankungen der sowjetischen Kulturpolitik zurechtkommen muss. Der Regisseur Eisenstein ist ein Berserker, der nichts als die Arbeit kennt und niemanden schont. Es geht ihm darum, koste es, was es wolle, seine Ästhetik umzusetzen, die Grausamkeiten – sein Spezialgebiet – in völlig ungewöhnlichen Bildern auf die Leinwand zu bringen und das Publikum zu lenken, ungeahnte Emotionen auszulösen.
In Stalin hatte der Regisseur einen Förderer
Seit seinen Anfängen, als er gezwungen war, Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“ zu bearbeiten und zu „sowjetisieren“, ist Eisenstein geübt darin, die Vorgaben der Zensur geschickt zu umgehen oder willfährig zu erfüllen. Wenn ein Trotzki plötzlich in Ungnade fällt, sieht er kein Problem darin, die historische Wahrheit zu beugen und ihn umstandslos aus dem Skript zu streichen. Gusel Jachinas Roman ist deshalb ein Zeugnis dessen, was es bedeutet, den Propagandabedürfnissen der Herrschenden nachzugeben und trotzdem die eigene Filmsprache und den künstlerischen Anspruch nicht gänzlich zu verraten. Eisenstein hat dabei zeitlebens starke Widersacher, allen voran den Funktionär Boris Schumjazki. Stalin hingegen schlägt sich mehrfach auf seine Seite, zuletzt in der unvollendeten Trilogie „Iwan der Schreckliche“. Zweimal erhält er den Stalinpreis.
In großer, manchmal zu großer Ausführlichkeit führt Jachina durch Filme wie „Oktober“, „Die Generallinie“ oder die nie aufgeführte „Bechin-Wiese“ und zeigt dabei einen Sinn für widersinnige, ja komische Details. Als bei den Drehs für „Alexander Newski“ das Naphthalin, mit dem sich Eis und Schnee simulieren lassen, ausbleibt und man stattdessen Salz einsetzt, kommt es zum Debakel. Jachina lässt zudem Eisensteins Auslandsaufenthalte in den USA und Mexiko Revue passieren. Wie sie erzählt, ist recht herkömmlich. Sie versetzt sich, oft in erlebter Rede, in die Gedankenwelt des Genies, wechselt die Perspektiven willkürlich und will sprachlich dem Aufwand nacheifern, den Eisenstein selbst am Set geleistet hat. Das alles tut Jachina freilich mit so viel Verve, dass man ihren Schilderungen gefesselt folgt, selbst wenn einem die Filme Eisensteins gar nicht geläufig sind.
Er ignorierte die Briefe seiner krebskranken Geliebten
Ausgesprochen gelungen sind Jachina jene Passagen, die sich der widersprüchlichen Persönlichkeit ihres Helden widmen: seiner Vorliebe für brasilianischen Kaffee, dem Angebot der Firma Nestlé, einen Werbefilm für Milch zu machen, dem sonderbaren Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn bedingungslos umsorgt oder ihre Liebe zumindest meisterhaft zu spielen versteht, seiner Hingabe zu Frauen, die vielleicht nur eine Homosexualität zu kaschieren hatte, oder seiner moralischen Skrupellosigkeit, als seine Geliebte Teleschewa an Krebs erkrankt und er ihre Briefe ignoriert.
Eisensteins Wesen, daran lässt der Roman keinen Zweifel, war und ist nicht auf einen Nenner zu bringen. Da sind sein unbestrittenes Genie auf der einen und seine fast unzumutbare Sprunghaftigkeit auf der anderen Seite: „Es heißt, er sei ein Monster mit blank liegenden Nerven. Ein typischer Neurotiker. Ein Narziss wie kein anderer. Ein Hysteriker, dem selbst Operettendiven nicht das Wasser reichen könnten. (…) Mit einem Wort – ein Schweinehund von seltenen Graden.“
Den wegweisenden Filmemacher und den schwer auszuhaltenden Menschen Eisenstein, der niemanden gleichgültig ließ, darzustellen und ihm gerecht zu werden, daran hat sich Gusel Jachina auf imponierende Weise gemacht. Und dennoch hat man am Ende den Eindruck, diesen Eisenstein immer noch nicht verstanden zu haben.
Gusel Jachina: „Eisen“. Roman. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger. Kanon Verlag, Berlin 2026. 573 S., geb., 32,– €.

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