Welche Rolle spielen Staatslenker in der Geschichte? Leo Tolstois Frage ist bis heute offen. In „Krieg und Frieden“ gab er eine doppelte und gleichzeitig widersprüchliche Antwort. In den geschichtsphilosophischen Kapiteln seines Romans schreibt er treuherzig, sogar Napoleon habe es nicht vermocht, den Gang der Geschichte zu beeinflussen. In der künstlerischen Architektur seines Textes kommt er hingegen zu einem anderen Schluss: Die Konfrontation mit dem französischen Usurpator definierte die russische Gesellschaft neu.
Ähnliche Fragen bewegen Mark B. Smith, der an der Universität Cambridge russische und sowjetische Geschichte lehrt. In seinem beeindruckenden Buch „Exit Stalin“ nimmt er die vier Jahrzehnte in den Blick, die der Sowjetunion nach Stalins Tod 1953 noch verblieben. War der Stalinismus ausschließlich eine Schöpfung Stalins? Wie gestaltete der impulsive und leutselige Nikita Chruschtschow die Epoche des Tauwetters? Wer führte die Sowjetunion tatsächlich, als der greise Leonid Breschnew sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte? Und schließlich: Welche Rolle spielte Gorbatschow beim Untergang der Sowjetunion?
Die Parallelrealität im Osten
Der Gegenstand ist nicht neu, aber ein innovativer Zugriff verwandelt scheinbar Bekanntes in Überraschendes. Mark Smith verwendet den analytischen Begriff der „sowjetischen Zivilisation“. Er verabschiedet sich von den herkömmlichen soziologischen Kategorien und taucht in die Lebenswelten der Menschen ein. Er präsentiert die „Sowjetzivilisation“ als eine Welt, die eigenen Grundsätzen gehorcht. Sie glich äußerlich in vielen Erscheinungsformen dem Leben im Westen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Sowjetunion eine Parallelrealität geschaffen hatte. Wichtige Quellen für Smith sind literarische Werke und Kinofilme, die er als ethnographisches Material auswertet.
Mark B. Smith: „Exit Stalin“Allen LaneAn keinem Punkt seiner Darstellung vergisst Smith, dass die Sowjetunion eine Diktatur war. Es gab keine wirkliche persönliche Freiheit. Gesellschaftlich erwünschtes Verhalten wurde den Menschen durch soziale Techniken in Schule, Beruf und Freizeit antrainiert. Unter dem Deckmantel der „Kultiviertheit“ (Kulturnost) verbargen sich marxistisch-leninistische Glaubenssätze. Wie sehr man sich der herrschenden Ideologie anpassen musste, war unter Stalin, Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow aber unterschiedlich geregelt. In allen Sowjetepochen gab es politische Gefangene, die schlimmstenfalls unter prekären Haftbedingungen ums Leben kamen. Gleichzeitig existierte eine Grauzone von Verhaltensweisen, die zwar nicht erwünscht waren, aber auch nicht verfolgt wurden. Smith wählt etwa für Chruschtschows „Tauwetter“ das treffende Bild des Schneematschs, der weder Eis noch Wasser ist.
Mark Smith ist ein begnadeter Erzähler, der den doppelten Wortsinn von Geschichte (story/history) ernst nimmt. Wie Tolstoi verwebt er das Leben der „großen Männer“ mit den Sorgen des Alltags. Die sozialistischen Träume der Herrscher werden konterkariert durch die Überlebensstrategien der Menschen, die in überfüllten Metrozügen zu einer monotonen Arbeit fahren, in halb leeren Geschäften nach Lebensmitteln anstehen und in engen Wohnungen mit Eltern und Kindern eingepfercht sind.
Gewalt und Fürsorge, Revolution und Stagnation
An verschiedenen Punkten seiner Erzählung erscheinen bei Smith immer wieder handelnde Figuren, die erst später als Protagonisten im Scheinwerferlicht stehen. So tritt die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja bei ihm schon als Jugendliche auf, die sich für Literatur begeistert und ein Biochemiestudium aufnimmt. Solche Einspielungen nutzt Smith als Anlass für Exkurse über den sowjetischen Wissenschaftsbetrieb, der zwischen Ideologie und Wahrheitssuche schwankte.
Smith verweist für sein Erkenntnisinteresse auf eine ganze Reihe von Gegensätzen, die der Sowjetzivilisation zugrunde lagen: Gewalt und Fürsorge, Revolution und Stagnation, Kommandowirtschaft und informelle Netzwerke. Dieser rasende Stillstand ließ die Kreml-Ideologen zwar 1961 das Erreichen des Kommunismus „in zwanzig Jahren“ verkünden. Man zog sich aber schon 1977 in den Limbus eines „entwickelten Sozialismus“ zurück, der von allem marxistischen Termindruck befreit war. Genau wegen dieser Widersprüche implodierte die Sowjetunion als Staat, nachdem die Sowjetzivilisation bereits nach dem revisionistischen Putschversuch im August 1991 untergegangen war. Smith spricht – vielleicht etwas unpräzise – von einem „Selbstmord durch Zufall“.
Wenn man gegen dieses wunderbare Buch unbedingt Einwände erheben wollte, dann wären es diese beiden. Zum einen verheddert sich Smith in unfruchtbaren Diskussionen über die Möglichkeit einer „sowjetischen Demokratie“. Er übersieht dabei, dass es sich beim Begriff Demokratie um ein Homonym handelt. „Demokratie“ im sowjetischen Sinne (und immer noch für den Leninisten Gorbatschow) meinte die Herrschaft eines Volks, dessen politische Präferenzen bereits bekannt waren. Es ging nicht mehr darum, den Volkswillen in parlamentarischen Beratungen zu ermitteln. Die Sowjetbürger sollten vielmehr durch politische Rituale, zu denen auch Scheinwahlen gehörten, in die sozialistische Wahrheit eingebunden werden. Im Westen war die Demokratie hingegen kein bereits feststehender Inhalt, sondern eine Methode, die zu etwas führte, das den Berufsmarxisten verhasst war: zu Kompromissen.
Stalin-Oden und großrussischer Kulturimperialismus
Der zweite Einwand betrifft die oft hagiographische Darstellung der Dissidenten. So behauptet Smith etwa, der spätere Nobelpreisträger Boris Pasternak sei für eine zentrale Rolle in der Entstalinisierung prädestiniert gewesen, verschweigt aber, dass Pasternak die ersten Stalin-Oden in der russischen Literaturgeschichte verfasst hatte. Joseph Brodsky wird korrekt als mutiger Nonkonformist vorgestellt, allerdings ohne jeden Hinweis auf seinen großrussischen Kulturimperialismus.
Den Dorfschriftsteller Walentin Rasputin bezeichnet Smith als „einen der größten Schriftsteller des Landes“. Rasputins nationalistische und antisemitische Ausfälle bleiben jedoch unerwähnt. Lew Kopelew ist ein „wichtiger Dissident von internationaler Statur“, seine Täterschaft im ukrainischen Holodomor kommt jedoch im Text nicht vor. Noch Alexej Nawalny erscheint ausschließlich als Märtyrer für die gerechte Sache, obwohl er sich erst spät dazu durchgerungen hatte, die Annexion der Krim zu verurteilen.
Berührend ist das Nachwort. Smith erzählt vom Krebstod seiner Frau, die in der Sowjetunion aufgewachsen war und gewissermaßen den Gegenstand seines Opus Magnum verkörperte. Sie gehörte zur Moskauer Intelligenzija, die keine Kunstausstellung verpasste und dreimal pro Woche ins Theater ging. Smith beendet sein Buch mit einer zufälligen Straßenszene im Winter 1975: Eine Gruppe junger Studenten trifft sich fröhlich im verschneiten Moskauer Stadtzentrum. Damit signalisiert er: Auch in der Sowjetzivilisation gab es Glück, das sogar heute noch nostalgiewürdig ist.
Mark B. Smith: „Exit Stalin“. The Soviet Union as a Civilization, 1953-1991. Allen Lane, London 2026. 576 S., geb., 44,50 €.

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