Krisenherd Schule – und das ausgerechnet im beschaulichen Rheinland-Pfalz? Vor der Landtagswahl polarisiert ausgerechnet das Thema Bildung wie kein anderes.
Gordon Schnieder, Spitzenkandidat CDU:
»Drei Tage aneinander Reizgas in der Schule, dass dort auch Messergewalt passiert, das hat da nichts verloren. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder nur eine Chance auf Bildung haben, wenn sie am ersten Tag der Grundschule Deutsch sprechen können.«
Was ist dort los an den Schulen? Ein Ortsbesuch in Ludwigshafen, an der Anne-Frank-Realschule plus: Vor 16 Jahren wurden hier Real- und Hauptschule fusioniert. Deutsch ist bei rund 80 Prozent der Schüler nicht die Familiensprache. Daher gibt es Extra-Kurse für alle, die noch nicht am Regelunterricht teilnehmen können.
Margarete Lüneburg, Lehrerin:
»Ich mache mal vor, was Schleichen ist: Schleichen ist das hier...«
Margarete Lüneburg, Lehrerin:
»Es hapert vorn und hinten, weil die Kinder halt im Alltag nicht so viel Kontakt haben mit deutschen Kindern. Das ist ein großes Problem. Deswegen müssen wir das im Unterricht ganz viel auffangen.«
Margarete Lüneburg unterrichtet die Schüler, die schon länger an ihren Deutschkenntnissen arbeiten. Im Nebenraum sind die Kinder, die noch gar kein Deutsch sprechen.
Georg Middendorf, Lehrer:
»Das ist hier unser DIK-Kurs A. DIK heißt Deutsch-Intensiv-Kurs.«
Viele der Kinder sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen. Teilweise klappt die Kommunikation im Unterricht nur mit Händen und Füßen. Aber auch unterschiedliche Wertevorstellungen fordern die Lehrer heraus.
Georg Middendorf, Lehrer:
»Gestern hat mich ein Junge gefragt, wieso denn manche Männer mit Ohrring hier herumlaufen in Deutschland, warum der so bunt angemalt ist. Die sagen: Der ist doch schwul. Also er hat das negativ gemeint. Dieses Verständnis zu vermitteln und auch diesen Respekt untereinander. Ich finde, das ist sehr, sehr schwierig.«
Von der Politik fühlt sich Middendorf teilweise alleingelassen.
Georg Middendorf, Lehrer:
»Ich glaube, dass manchmal komplett unterschätzt wird, welche Belastung die Lehrer haben. Ich will jetzt nicht jammern, aber so manches Mal habe ich das Gefühl, dass ehrlich gesagt weltfremde Entscheidungen getroffen werden. Das sind Leute, die nicht wirklich wissen, was in der Schule, wie der Schulalltag funktioniert.«
Zuständig für die Bildungspolitik ist die seit 35 Jahren SPD-geführte Landesregierung. Räumt der amtierende Ministerpräsident Versäumnisse ein?
Alexander Schweitzer, SPD-Ministerpräsident:
»Wir haben natürlich eine veränderte Schulfamilie, weil das Leben und die Gesellschaft sich verändert haben. Und darum bin ich sehr froh, dass wir überall da, wo wir sehen, vor Ort knackt es und vor Ort gibt es Probleme, Herausforderungen, dass wir sehr schnell jetzt auch vor Ort waren, vor Ort sind.«
Selbstkritik? Fehlanzeige. Wohl auch, weil er massiv unter Druck steht: Im Wahlkampfendspurt liefern sich SPD und CDU derzeit ein knappes Rennen. Schweitzer wird daher nicht müde, die Erfolge seiner Regierung zu loben – auch im Bereich Bildung:
Alexander Schweitzer, SPD-Ministerpräsident:
»Wir haben die Höchstzahl der Lehrerinnen und Lehrer in der Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz. Darüber bin ich sehr froh…
Wir haben die höchste Zahl an Lehrerinnen und Lehrern…
Wir haben die höchste Zahl an Lehrerinnen und Lehrern in der Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, und ich bin sehr froh, das ist das Ergebnis sozialdemokratischer Bildungspolitik.«
Botschaft angekommen? Ein ganz anderes Bild zeichnet Oppositionsführer Gordon Schnieder, der in den Umfragen leicht vorne liegt.
Gordon Schnieder, CDU-Spitzenkandidat:
»Wir haben etwa ein Drittel der jungen Menschen, die in die Grundschule kommen, die nicht schulreif sind. Wir haben die höchste Sitzenbleiber-Quote bundesweit in der Grundschule. Und wir haben auch über 3.000 junge Menschen, die trotz des Versprechens ›Niemand ohne Abschluss‹ ohne Abschluss die Schule verlassen.«
Trotz des zugespitzten Wahlkampfs wollen beide Parteien eigentlich Ähnliches: unter anderem mehr Personal und bessere Förderung der Kinder bevor sie in die Schule kommen. Und eben Gewalt eindämmen. Denn das Problem besteht: Insgesamt gab es im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz 1.644 Straftaten im Zusammenhang mit Schulen, die meisten davon Körperverletzungen. Ein Grund sei laut Schulaufsichtsbehörde, dass Kinder und Jugendliche häusliche Gewalt oder Vernachlässigung erfahren. Und die Schulen würden mehr Anzeigen erstatten.
Zurück an der Anne-Frank-Realschule-Plus. Dass nun Schlagzeilen über Schulgewalt den Wahlkampf dominieren, hält man hier für falsch:
Johannes Thomas, Schulleiter:
»Ja, an jeder Schule gibt es Gewalt, in welcher Form auch immer. Und die soll auch nicht kleingeredet werden. Aber das ist doch nur ein Teil dessen, was an der Schule passiert, wenn in 29 Klassen toll unterrichtet wird, nur in einer Klasse es große Probleme gibt, dann reden alle über diese eine Klasse.«
Der Schulleiter betont, sie hätten das Problem im Griff. Und er will heute vor allem zeigen, was sie tun, um Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern.
Johannes Thomas, Schulleiter:
»Beziehungsarbeit über gelungene Pädagogik ist das, wie wir eben Erfolg generieren können. Dann reicht es nicht, nur Wissen in sie einzutrichtern, sondern wir müssen ganz viel auf der Beziehungsebene mit ihnen arbeiten, um sie auch für die Gesellschaft entsprechend bereit zu machen.«
Dafür ist viel Eigeninitiative von den Lehrkräften nötig. Und der Schulleiter hatte Glück, dass viel Geld in seine Schule investiert wurde.
Johannes Thomas, Schulleiter
»Wir befinden uns jetzt hier im Neubau. Wir haben Differenzierungsmöbel dazubekommen, sodass Kinder – im Moment sitzt da glaube ich keiner – die Möglichkeit haben, während des Unterrichts in Gruppen auch hier draußen zu sitzen, zu arbeiten. Das sehe ich jetzt tatsächlich zum ersten Mal…«
Ist das die Messergewalt, die CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder im Wahlkampf anprangert?
Johannes Thomas, Schulleiter:
»Also es ist nicht so, dass wir hier Kinder haben, die mit Messer und Waffen offen herumlaufen. Wir haben auch Probleme, alle Schulen haben Probleme. Es gibt keine Schule ohne Probleme.«
Ein aufgeschlitztes Sofa steht sicher nicht stellvertretend für die Bildungslandschaft in Rheinland-Pfalz. Und trotz aller Negativschlagzeilen aus Schulen versuchen Johannes Thomas und sein Team weiter, das Beste für die Kinder rauszuholen – egal, wer am Ende in Mainz regiert.

vor 2 Stunden
1











English (US) ·