Reem Alabali Radovan: »Ich bin selbst als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen«

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DEIN SPIEGEL: Was bedeutet Entwicklungszusammenarbeit in einfachen Worten?

Alabali Radovan: Wir arbeiten mit anderen Ländern zusammen, um die Welt gerechter und friedlicher zu machen. Es gibt viele Länder, in denen Menschen unter schwierigeren Bedingungen leben als wir in Deutschland. Diese Länder werden auch Entwicklungsländer genannt. Viele Familien sind dort sehr arm, haben kein sauberes Trinkwasser oder nicht genug zu essen. Viele Kinder können gar nicht oder nur selten zur Schule gehen. In manchen Ländern handeln auch die eigenen Regierungen ungerecht und versorgen nicht alle Menschen gleich.

DEIN SPIEGEL: Wie geht es den Kindern in den Entwicklungsländern?

Alabali Radovan: Gerade gibt es sehr viele Kriege und Krisen auf der Welt. Von denen sind besonders Kinder betroffen. Sie müssen aus ihrer Heimat flüchten. Familien werden auseinandergerissen, und es fehlt an Sicherheit.

DEIN SPIEGEL: Was kann denn Deutschland tun, damit es Kindern anderswo besser geht?

Alabali Radovan: Deutschland kann ganz viel tun. Wir haben zum Beispiel gerade ein Schulernährungsprogramm auf den Weg gebracht. Wir möchten 100 Millionen Kinder weltweit mit einer Mahlzeit pro Tag in der Schule erreichen. Ich war in Sierra Leone in Afrika. Für manche Kinder dort ist dieses Essen die einzige Mahlzeit am Tag. Für Eltern, die wenig Geld haben, ist es ein wichtiger Grund, um ihre Kinder zur Schule zu schicken – und nicht schon als Kind zur Arbeit. Das ist wichtig, denn wer Lesen, Schreiben und Rechnen lernt, hat später bessere Chancen.

Kreischende Fans, ausverkaufte Hallen, Millionen Klicks: Musik aus Südkorea ist ein weltweites Phänomen und begeistert auch viele Teenager in Deutschland. Die neue Ausgabe des Kinder-Nachrichten-Magazins DEIN SPIEGEL erklärt, warum Bands wie BTS und Filme wie »KPop Demon Hunters« so erfolgreich sind und wie sich Fans im Internet organisieren. Das Heft wirft auch einen Blick auf die Musikindustrie, die hinter dem Hype steckt. Kinder und Jugendliche werden in jahrelangem Training zu K-Pop-Stars gemacht. Die Regeln sind streng, der Druck hoch. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

DEIN SPIEGEL: Woher wissen Sie, dass das Geld wirklich bei den Menschen ankommt?

Alabali Radovan: Dafür gibt es strenge Vorschriften und viele Kontrollen. Bevor wir Geld ausgeben, müssen wir ganz genau wissen, wer das Projekt durchführt und was erreicht werden soll. Unsere Partner müssen Belege vorlegen, wofür sie das Geld nutzen, und zeigen, was sie damit bewirkt haben.

DEIN SPIEGEL: Ihr Ministerium will Armut und Hunger weltweit bekämpfen. Das ist ein echt großes Ziel.

Alabali Radovan: Stimmt, wir stehen vor einer riesengroßen Aufgabe. Fast 700 Millionen Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen. Ihnen Essen zu spenden, hilft nur für kurze Zeit. Besser wäre es, wenn Menschen in armen Ländern selbst ihr Essen anbauen und herstellen könnten. Das macht sie unabhängig und löst das Problem langfristig.

Reem Alabali Radovan, 36, reist ständig um die Welt. Deutschland unterstützt Länder wie Sierra Leone mit Hilfsprojekten in Schulen.

Reem Alabali Radovan, 36, reist ständig um die Welt. Deutschland unterstützt Länder wie Sierra Leone mit Hilfsprojekten in Schulen.

Foto: Florian Gaertner / BMZ / photothek / picture alliance

DEIN SPIEGEL: Es gibt immer noch viel Armut, obwohl man jetzt schon seit superlanger Zeit versucht, sie abzuschaffen. Ist das nicht ein total unrealistisches Ziel?

Alabali Radovan: Es gibt immer wieder Rückschritte. Kriege führen dazu, dass Menschen hungern. Straßen oder Häfen werden beschädigt, dadurch kommt weniger Essen in Städten und Dörfern an. Menschen können nicht säen oder ernten, weil Felder zerstört sind. Wer flieht, verliert oft sein Land oder seine Tiere. Aber das darf uns nicht den Mut nehmen. Wir haben auch schon richtig viel erreicht: Es gibt heute zum Beispiel viel weniger Menschen, die in extremer Armut leben, als zur Zeit meiner Kindheit. Und es sterben heute nur noch halb so viele Kinder in ihren ersten Lebensjahren. Das macht mir Hoffnung.

DEIN SPIEGEL: Manche Leute sagen, dass zu viele Geflüchtete nach Deutschland kämen. Finden Sie das auch?

Alabali Radovan: Nein. Ich finde es wichtig, dass Deutschland Menschen hilft, die in großer Not sind. Wir sind ein starkes Land. Gleichzeitig helfen wir dabei, dass Menschen in ihrer Heimat Chancen auf eine bessere Zukunft haben und nicht mehr flüchten müssen. Ich bin selbst mit meinen Eltern als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Damals war ich sechs Jahre alt.

DEIN SPIEGEL: Ihre ersten Monate haben Sie in einer Unterkunft für Geflüchtete verbracht. Woran erinnern Sie sich noch, wenn Sie daran denken?

Alabali Radovan: Ich erinnere mich vor allem an den Spielplatz. Dort haben wir viel mit anderen Kindern aus ganz unterschiedlichen Ländern gespielt. Und ich weiß noch, wie schnell ich dann in der Schule viele neue Freunde gefunden habe.

DEIN SPIEGEL: War es schlimm, in ein anderes Land zu ziehen?

Alabali Radovan: Das ist nie leicht. Man muss alles aufgeben, was man hatte und kannte. Aber es gab viele Menschen, die uns geholfen haben.

DEIN SPIEGEL: Ihre Eltern kommen aus dem Irak. Sie selbst sind in Russland geboren und dann nach Deutschland gezogen. Wie wurde bei Ihnen gekocht? Haben Sie ein Lieblingsessen oder ein Gericht, das Sie an zu Hause erinnert?

Alabali Radovan: Bei uns wurde international gekocht, es gab russisches, arabisches und später dann deutsches Essen. Mein Lieblingsessen ist Dolma, ein irakisches Gericht. Das sind Weinblätter, gefüllt mit Reis und Kräutern. Das gibt es oft bei uns zu Hause.

DEIN SPIEGEL: Wer hat Sie als Kind ermutigt?

Alabali Radovan: Meine Eltern waren für mich ganz wichtig, sind sie immer noch. Und Kofi Annan. Er war damals Generalsekretär der Uno, der Vereinten Nationen. Er hat sich in seinen Reden immer sehr stark für den Frieden eingesetzt und gesagt, dass alle Kinder und Jugendlichen gleiche Chancen für ihre Zukunft haben sollten. Das habe ich im Fernsehen gesehen, als ich klein war. Es hat mir Mut und Hoffnung gemacht.

Kinderreporterin Sophia geht in die 4. Klasse. Sie will Profi-Fuß­ballerin werden oder Lehrerin. Sie spielt Klavier und hört gern Musik.

Kinderreporterin Sophia geht in die 4. Klasse. Sie will Profi-Fuß­ballerin werden oder Lehrerin. Sie spielt Klavier und hört gern Musik.

Foto: Julia Steinigeweg / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Gab es etwas, das Sie in der Schule so richtig schwer fanden?

Alabali Radovan: Ich war nie richtig gut in Grammatik, von der Grundschule bis zum Abitur. Aber danach ist es besser geworden.

DEIN SPIEGEL: Was wollten Sie als Kind werden?

Alabali Radovan: Als Kind wollte ich gern Astronautin oder Archäologin werden. Dass ich mal Ministerin werden könnte, hätte ich nicht gedacht.

DEIN SPIEGEL: Wäre Boxerin auch ein guter Beruf für Sie gewesen? Wir haben gelesen, dass Sie gut im Boxen sind.

Alabali Radovan: Ich habe mit 25 angefangen, bei den »Boxgirls Berlin« zu trainieren. Der Verein unterstützt Mädchen und Frauen, damit sie sich verteidigen können. Er arbeitet nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in afrikanischen Ländern. Das fand ich total gut, und dann habe ich da mal vorbeigeschaut.

Sophia: Ich habe auch einen Boxsack zu Hause. An dem kann man richtig gut Wut ablassen. Boxen Sie auch, wenn Sie wütend oder traurig sind?

Alabali Radovan: Ich trainiere eher, um Stress loszuwerden. Mir hilft Boxen dabei, auch immer wieder Ausdauer in schwierigen Situationen zu haben.

Foto: DEIN SPIEGEL

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