Rares von Goethe: Wer bekommt den Faust in die Hand?

vor 20 Stunden 1

Vor wenigen Tagen in Weimar, in der Anna-Amalia-Bibliothek, die kein Geringerer als Goethe Anfang des 19. Jahrhunderts nach seinem Ideal neu konzipieren ließ. Da liegt vor uns ein Rarissimum der Goethe-Erstausgaben: „Das Römische Carnaval“ von 1789. Dieses Buch war das Erste, was Goethe überhaupt über seine Erlebnisse in Italien, wo er sich von 1786 bis 1788 aufgehalten hatte, an die Öffentlichkeit kommen ließ. Gedruckt natürlich nicht wie sonst damals in Deutschland üblich in Fraktur, sondern in italiengerechter Antiqua und versehen mit 20 Kupferstichtafeln, die Römer in Karnevalsverkleidungen zeigen, wie Goethe sie beobachtet hatte – jedes dieser Bilder handkoloriert. Schöner kann man Bücher schwerlich machen, und deshalb wird uns dieses in Weimar vorgeführt.

Es ist eines von seinerzeit 318 hergestellten Exemplaren, die sofort vergriffen waren, und nachdem Goethe sein eigenes an die Bibliothek von Kassel abgegeben hatte, sollte es ihm nie mehr gelingen, ein neues für sich aufzutreiben, aber zum Glück lag da ja eines gleich um die Ecke in der Anna-Amalia. Heute repräsentiert es einen Wert im hohen fünfstelligen Bereich; derzeit wird nämlich ein anderes Exemplar in Los Angeles für 90.000 Dollar angeboten.

 illustrierte Seite aus Johann Wolfgang Goethes „Das römische Carneval“, gedruckt 1789 in WeimarNoch eine erste Edition: illustrierte Seite aus Johann Wolfgang Goethes „Das römische Carneval“, gedruckt 1789 in WeimarHeribert Tenschert

Sechzehn teure Seiten, die keiner so richtig lesen mochte

Und damit ist dieses „Römische Carnaval“ nicht einmal das teuerste Buch im ersten Katalog einer amerikanischen Antiquariatsgalerie, die sich den Namen „Atelier Zweig“ gegeben hat (in deutscher Schreibweise, denn damit soll Stefan Zweig geehrt werden, der ja auch ein großer Bibliophiler war). Die Spitzenposition unter den 24 Positionen darin nimmt mit einem Preis von 200.000 Dollar Goethes Dissertation aus dem Jahr 1771 ein, die gerade einmal einen Bogen umfasst, also sechzehn Seiten.

Mit so wenig Text ergatterte der Straßburger Promovent damals seinen Doktortitel, nachdem Goethes eigentliche Arbeit, die sich dem Kirchenrecht widmete, wegen Gottlosigkeit abgelehnt worden war. Die juristische Fakultät gestattete ihm ersatzweise eine Disputation von 56 lateinischen Rechtsgrundsätzen, und die sind es, die dann schließlich gedruckt wurden (natürlich auch in Antiqua), während die ursprüngliche Doktorarbeit als verloren gilt. Von der Ausgabe der „Positionis juris“ sind immerhin zehn Exemplare auf uns gekommen.

 noch ungeöffnete Originalausgabe von Goethes Dissertation aus dem Jahr 1771Absolute Rarität: noch ungeöffnete Originalausgabe von Goethes Dissertation aus dem Jahr 1771Heribert Tenschert

Das nun in Los Angeles angebotene ist das letzte in Privatbesitz; es stammt, wie fast das ganze Katalogangebot, aus der Sammlung von Heribert Tenschert, dem seit vielen Jahrzehnten bedeutendsten Antiquar des deutschen Sprachraums, der über das neue Atelier Zweig den amerikanischen Markt vor Ort erreichen will. Die als unaufgeschnittener Bogen erhaltene Goethe-Dissertation (was sie natürlich noch rarer macht, aber auch zeigt, dass seit 1771 wenig Interesse am dünnen Inhalt des Buchs bestanden hat) haben wir schon vor Jahren in Tenscherts Antiquariat, der Bibermühle im schweizerischen Ramsen, vorgeführt bekommen, und sie ist, wie in Weimar zu erfahren ist, auch der Anna-Amalia-Bibliothek zum Kauf angeboten worden, in deren Beständen diese Goethe-Publikation fehlt. Nun wird sie womöglich über den Atlantik gehen.

Angeboten wird auch das Buch, das Goethe wie kein anderes aus seiner Feder schätzte

„Four Centuries of Goethe“ lautet der Katalogtitel, wobei diese vier Jahrhunderte schon mehr als 150 Jahre vor Goethes Geburt einsetzen: mit einem Konvolut von drei in den Jahren 1589, 1596 und 1597 erschienenen Volksbüchern, die zu den ersten Quellen des „Faust“-Stoffs gehören, der Goethe dann sein Leben lang beschäftigen sollte. Bei zweien dieser Bücher handelt es sich sogar um die einzigen derzeit noch bekannten Exemplare ihrer jeweiligen Ausgaben.

Im mittleren 19. Jahrhundert hatte sie der Jurist Heinrich Apel zusammengetragen, aus dessen Rittergut Ermlitz (nahe bei Leipzig) sie dann 1945 im Zuge der berüchtigten „Schlossbergungen“ in der Sowjetischen Besatzungszone beschlagnahmt wurden; 1994 wurden sie der Familie zurückgegeben. Die ließ die Bücher 2001 in München versteigern; heute sollen sie zusammen 195.000 Dollar kosten.

Mit den genannten drei Positionen sind somit bereits fast eine halbe Million Dollar zusammen; das Gesamtangebot des Katalogs summiert sich auf rund 900.000. Denn der Rest ist allemal spektakulär genug: Erstausgaben des „Werther“ (für immerhin auch noch 60.000 Dollar; die ebenfalls angebotene Zweitauflage kostet knapp ein Sechstel) oder des „Faust“ – und zwar des Faust-Fragments von 1790 (36.000), des ersten Teils von 1808 (21.000) und des erst posthum erschienenen zweiten von 1833 (24.000). Außerdem der Romane „Die Wahlverwandtschaften“ (6500) und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (4500). Nicht zu vergessen ein Exemplar der vollständigen „Farbenlehre“, also die zweibändige Textausgabe mit separatem Tafelteil, der die begleitenden Farbabbildungen enthielt. Für dieses Buch, auf das Goethe so stolz war wie auf kein anderes, sind 38.500 Dollar angesetzt.

Abgerundet wird der Katalog durch acht Pressedrucke aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, von denen gleich vier der englischen Doves Press entstammen, darunter mit der Kompilation „Auserlesene Lieder“ die letzte Publikation dieses von T. J. Coben-Sandersons betriebenen Liebhaberverlags überhaupt – erschienen 1916, also ein britisches Buch mit deutschem Text mitten im Ersten Weltkrieg (55.500). Und wenn jemand alles will, was zum „Faust“ aus Goethes Hand bekannt ist, der kann auch noch den erst 1887 bekanntgewordenen Text des „Urfaust“ erwerben: in einer Ausgabe der Bremer Presse (die ungeachtet ihres Namens in Bad Tölz angesiedelt war) aus dem Jahr 1920, zu haben für 2500 Dollar. Im Ganzen sprechen wir wohl vom bisher spektakulärsten Goethe-Buchangebot.

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