Eine Drag-Show beim CSD in Merseburg. Unter Polizeischutz feiert sich die queere Community im ländlichen Sachsen-Anhalt. Für Partystimmung gibt es unter den Teilnehmenden hier normalerweise wenig Anlass.
Umfrage:
»Wir sehen überall Hakenkreuze, Graffitis. Wir sehen die Blicke, die auf uns kommen, wenn wir irgendwas tragen, was nicht einfach nur Hose und T-Shirt ist. Wir hören Rufe hinter uns, Pfiffe.«
»Es wird immer brauner, es wird immer rechter. 14-jährige Kinder greifen einen an.«
»Es ist Menschenfeindlichkeit schlussendlich, weil es ist Hass von Menschen gegen Menschen, egal wie man es benennt, in welcher Farbe es ist.«
Es ist erst der zweite CSD in der 36-Tausend-Einwohner-Stadt Merseburg. Beim Demonstrationszug durch die Stadt laufen mehrere Hundert Menschen mit. Unter ihnen ist auch Tony, 21 Jahre alt.
Tony:
»Ich gehe heute auf die Straße in Merseburg, damit ich auch in Zukunft in Merseburg, aber auch in anderen Städten sicherer laufen kann durch die Stadt bzw. auch mich akzeptierter fühle, dass es normal ist, dass ich queer bin, dass sich eine Freundin habe oder auch nicht der Geschlechtsnorm entspreche.«
Tony studiert in Merseburg, identifiziert sich als non-binär und möchte mit den Pronomen dey und deren angesprochen werden. In Merseburg trifft das überwiegend auf Unverständnis.
Tony:
»Ich als queere Personen fühle mich jetzt nicht so sehr aufgenommen, eher gesagt. Aber vielleicht konnte ich auch noch nicht über jetzt die anderthalb Jahre, die ich hier lebe, oder zwei Jahre fast, alles richtig ausschöpfen, aber es war eher ernüchternd hier zu wohnen.«
Wenige Angebote für queere Menschen, wenige Gleichgesinnte - deswegen wird Tony demnächst gemeinsam mit deren Freundin nach Halle ziehen.
Tony:
»Ich fühl' mich da einfach wohler und werde wahrscheinlich auch weniger angepöbelt und komisch angeschaut, weil ich in der Menge vielleicht eher untergehe, als hier, wo ich wie ein Kanarienvogel raussteche.«
Je mehr queere Menschen aus ländlichen Regionen wegziehen, desto schwieriger wird es, die ohnehin spärlichen Angebote für die zu erhalten, die bleiben. Ole Wittkamp kennt dieses Problem nur zu gut. Der 29-Jährige arbeitet in der vom Land Sachsen-Anhalt geförderten Koordinierungsstelle daran, auch im ländlichen Bereich Unterstützung für LSBTI-Personen aufrechtzuerhalten.
Ole Wittkamp, BBZ lebensart e.V.:
»Sachsen-Anhalt ist einfach ein Flächenland. Die meisten Menschen wohnen nicht in den großen Städten, sprich Magdeburg, Halle und Dessau, sondern im ländlichen Raum. Dort gibt es wenig Infrastruktur, wenig Angebote und das macht es natürlich für die Leute auch gefährlicher, sich sichtbar zu zeigen auf der Straße. Aber queeres Leben gibt es überall, das merken wir ja in unseren Angeboten, dass die Leute das in Anspruch nehmen. Genau, und deswegen ist es für uns auch so super wichtig, die CSDs auch im ländlichen Raum anzubieten.«
In Merseburg berät Ole Wittkamp regelmäßig queere Personen aus der Region, kostenlos und wenn gewünscht anonym.
Ole Wittkamp, BBZ lebensart e.V.:
… queerfreundliche Therapien zu finden …
In den vergangenen Monaten ging es vermehrt auch um den Rechtsruck in Sachsen-Anhalt.
Ole Wittkamp, BBZ lebensart e.V.:
»Wir merken gerade in der Beratung auf jeden Fall auch eine steigende Unsicherheit aufgrund der anstehenden Landtagswahlen. Das Klima verschärft sich auch spürbar auf der Straße für queere Personen. Queere Personen suchen aber auch einfach Antworten. Hey, betrifft jetzt die politische Lage und vielleicht eine andere Landesregierung auch meine medizinische Versorgung? Was kann eigentlich eine Landesregierung jetzt auch anrichten in meiner Gesundheitsversorgung. Das sind Sorgen, mit denen Personen zu uns kommen, die wir natürlich auch nicht in Gänze nehmen können.«
Diese Sorgen werden bis zur Landtagswahl wohl nur noch größer werden, denn die AfD macht mit Begriffen wie »Translobby« und »Regenbogenideologie« im Wahlkampf Stimmung.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat:
»Und deswegen werden wir ab September für jede Regenbogenfahne, die diese Landesregierung hisst, mindestens zehn Deutschlandflaggen hissen. Das ist der richtige Weg, gerade im Stolzmonat. Wir haben andere Probleme in diesem Land als die Förderung der queeren Community.«
Und im AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt heißt es:
»Dieser pervers-linke, radikal feministische und individualistische Ungeist zersetzt dabei nicht nur traditionelle Familien- und Rollenbilder, er leugnet und kriminalisiert selbst biologische Tatsachen. (…) Um dem entgegenzusteuern, werden wir Vereinen und Organisationen, die sich an solcher Agitation beteiligen, jede Form öffentlicher Förderung und steuerlicher Vergünstigung entziehen.«
Ole Wittkamp, BBZ lebensart e.V.:
»Das, was die AfD dort in ihrem Wahlprogramm über unsere Community schreibt, ist in meinen Augen menschenverachtend. Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine Partei, die ja tatsächlich in Teilen auch noch bemüht ist, einen bürgerlichen Anschein zu haben, so was formulieren kann. Einerseits sagt die AfD, wir stehen für Freiheit und wir werden auch dafür sorgen, dass Homosexuelle in Freiheit leben können, sich brüsten mit ihrer lesbischen Parteivorsitzenden. Dann hat es aber keinen Tag gedauert, bis Ulrich Siegmund sich über das neue Aktionsprogramm Queer lustig gemacht hat.«
Das neue »Landesprogramm Queer«, an das Ole Wittkamp über Jahre mitentwickelt, soll die Unterstützungs- und Beratungsangebote auch in ländlichen Regionen sichern. Doch ddas Programmas wird möglicherweise nicht lange Bestand haben.
Ole Wittkamp, BBZ lebensart e.V.:
»Würden wir tatsächlich eine AfD-Alleinregierung bekommen, können wir uns recht sicher sein, dass wir unsere Förderung verlieren. Wir schauen, wie können wir zumindest den Grundstock unserer Arbeit, das ist vor allem alles, was im Ehrenamt läuft, bei uns im Verein, die ehrenamtlichen Gruppen, die sich bei uns treffen, wie wir die sichern, wie kann wir unsere Miete sichern, wie können wir aber vielleicht auch noch ein bisschen Beratung anbieten über einen anderen Fördertopf. Das sind natürlich Sachen, die uns umtreiben, wo wir jetzt auch noch nicht wissen, was wird es dann konkret bedeuten.«
Nicht immer hapert es nur an der Finanzierung, wenn es um queere Infrastruktur geht - . Manchmal erreichen auch gut gemeinte Initiativen einfach ihre Zielgruppe nicht. Zu einem Siebdruck-Workshop der Hochschule Merseburg mit CSD-Bezug zum Beispiel kommt außer zwei Freundinnen der Organisatorinnen - – niemand.
Rosa, Queere Hochschulgruppe:
»Wir haben auf jeden Fall Werbung gemacht, Flyer verteilt, über Social Media geteilt oder auch andere schon bestehende queere Gruppen angefragt. Aber es ist halt manchmal schwierig dann diese Leute überhaupt dann zu erreichen, auch zu sagen: Okay, habt ihr Bock, kommt ihr rum, dann irgendwie die Zusage irgendwie zu bekommen. Aber das hat sich dann auch im Sand verlaufen.«
Zurück beim Merseburger CSD-Straßenfest. Trotz der widrigen Umstände: D, die Party geht weiter.
Mika:
»Es geht darum, dass wir füreinander da sind. Wenn dieser Staat, wenn dieses Land, wenn diese Regierung, in dieser Aufgabe versagt, wie es schon zu lang der Fall ist. Kämpft nicht nur bis zur Landtagswahl, sondern auch darüber hinaus.«
Mika will kämpfen. Auch er macht sich Sorgen, auch er hat schon übers Wegziehen nachgedacht, erzählt der 25-jährige Student aus Halle. Aber bisher habe sein radikaler Optimismus immer die Oberhand behalten.
Mika:
»Ich weiß einfach, dass ich in diesem Kampf hier niemals allein sein werde. Und dass ich auch dieses Leben hier in Merseburg habe, in Halle habe, in der Umgebung habe, ich weiß, dass es Leute gibt, die auch leiden und es Leute geben, die es auch dagegen ankämpfen wollen. Und ich glaube einfach, dass wenn es hart auf hart kommt, oder wenn es immer härter wird, wie es ja jetzt der Fall ist, dann rücken wir näher zusammen und wir bleiben zusammen und wir kämpfen zusammen.«
Der zweite CSD in Merseburg endet kämpferisch, mit einer Anzeige wegen Beleidigung und ansonsten ohne Zwischenfälle. Dennoch: Für die, die sich als dazwischen oder außerhalb traditioneller Rollenbilder sehen, bleibt rund drei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die Verunsicherung groß.

vor 1 Stunde
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