Nicht jedes Bild aus dem Jahr 2025 hat für sich allein die eindringliche Kraft, die man oft mit dem World Press Photo Award verbindet. Doch genau darin liegt vielleicht eine besondere Stärke. Denn viele der Fotografien zeigen nicht nur, was geschieht, sie stellen auch die Frage, was wir überhaupt sehen wollen. Und was wir lieber ausblenden.
Der World Press Photo Award 2026 versammelt Arbeiten, die sich genau in diesem Spannungsfeld bewegen: zwischen Sichtbarmachen und Übersehen, zwischen reiner Dokumentation und der Verantwortung, hinzuschauen.
Aus über 57.000 eingereichten Fotografien von mehr als 3.700 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern wurden jene ausgewählt, die unsere Gegenwart in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zeigen. Es ist eine Auswahl, die keine einfachen Antworten liefert. Stattdessen entsteht ein vielschichtiges, oft schmerzhaft ehrliches Porträt einer Welt, die sich im Zustand permanenter Krise zu befinden scheint.
Das Gewinnerfoto des World Press Photo Award 2026 zeigt einen der zentralen innenpolitischen Konflikte der USA. Es dokumentiert das Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE, undokumentierte Migrantinnen und Migranten direkt nach Gerichtsanhörungen festzunehmen. Gerichtsgebäude werden so zu Orten, an denen sich juristische Verfahren und Abschiebungen unmittelbar überlagern.
Nach Änderungen in der US-Einwanderungspolitik kam es vermehrt zu Festnahmen unmittelbar im Anschluss an Anhörungen. Maskierte Beamte nahmen Betroffene noch im Gebäude in Gewahrsam, häufig vor den Augen ihrer Familien.
Das ausgezeichnete Foto der amerikanischen Fotografin Carol Guzy zeigt die Festnahme von Luis aus Ecuador. Seine beiden Töchter klammern sich verzweifelt an ihn, während er abgeführt wird. Luis ist der alleinige Ernährer der Familie.
Das Foto ist direkt und ungeschönt. Im Gegensatz zu den vergangenen beiden Jahren, in denen die Gewinnerbilder stark komponiert und nahezu ikonisch wirkten, hält das diesjährige Foto einen deutlich szenischeren, dramatischen Moment fest. Ein Augenblick, eingefangen mitten im Geschehen, weniger eine bewusst gestaltete Bildkomposition. Gerade diese Unmittelbarkeit verstärkt die Emotionalität der Szene.
Zwei weitere Finalistenbilder rücken in diesem Jahr sehr unterschiedliche Schauplätze globaler Krisen in den Fokus. Saber Nuraldin, Fotograf aus Gaza, zeigt in Aid Emergency in Gaza eine Szene vom 27. Juli 2025: Menschen drängen sich auf einen Hilfslastwagen, um Mehl zu bekommen. Das Bild entsteht im Kontext einer sich verschärfenden Hungersnot nach Monaten der Blockade und Zerstörung. Die Jury hebt hervor, dass die direkte, fast unkommentierte Komposition die Dringlichkeit der Situation sichtbar mache und den Blick auf die gewaltige humanitäre Krise lenke, in der Hunger gezielt als Mittel von Kriegsführung zum Thema wird.
Victor J. Blue begleitet in The Trials of the Achi Women eine Gruppe indigener Maya-Achi-Frauen in Guatemala, die Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg vor Gericht Gerechtigkeit suchen. Auf dem Bild stehen Überlebende sexualisierter Gewalt im Jahr 2025 vor einem Gericht in Guatemala-Stadt, kurz nach der Verurteilung ihrer ehemaligen Peiniger. Die Jury betont die ruhige, fast klassische Bildsprache, die bewusst Distanz zu stereotypen Opferdarstellungen schaffe und stattdessen die Würde, Stärke und kollektive Beharrlichkeit der Frauen in den Mittelpunkt stelle. Der Abschluss eines jahrzehntelangen Kampfs gegen Straflosigkeit.
Die diesjährigen Gewinnerarbeiten führen mitten hinein in globale Konflikte: in die Ukraine, nach Gaza, Myanmar, Syrien oder die USA. Doch sie zeigen Krieg nicht als abstraktes geopolitisches Geschehen. Im Zentrum stehen die Menschen: Familien auf der Flucht, zerstörte Lebensräume, der Alltag unter Bedingungen, die kaum noch als Alltag zu begreifen sind. Gewalt wird greifbar, konkret, körperlich. Sie zeigt sich im Verlust von Heimat, in Hunger, in fehlender medizinischer Versorgung.
Gleichzeitig machen die Bilder deutlich, dass diese Krisen selten isoliert existieren. Klimawandel, Migration, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Instabilität greifen ineinander. Von den Bränden in Kalifornien bis zu Überschwemmungen auf den Philippinen, von Umweltzerstörung in Mexiko bis zu schmelzenden Landschaften in Norwegen: Die Klimakrise zieht sich als allgegenwärtiger Hintergrund durch viele der ausgezeichneten Projekte.
Doch der World Press Photo Award wäre nicht, was er ist, würde er sich allein auf das Sichtbarmachen von Leid beschränken. Zwischen den Bildern von Zerstörung und Verlust finden sich immer wieder Momente des Widerstands. Junge Menschen, die protestieren, obwohl ihre Stimmen oft ungehört bleiben. Frauen, die in Guatemala oder Kenia für ihre Rechte kämpfen. Gemeinschaften, die unter widrigsten Bedingungen Zusammenhalt leben. Diese Geschichten sind leiser, aber nicht weniger kraftvoll.
Auch das Intime hat seinen Platz: Fotografien, die Krankheit, Isolation und Trauer zeigen, doch auch Nähe, Fürsorge und Überleben. Sie erzählen von der Zerbrechlichkeit des Lebens und davon, wie Menschen selbst in extremen Situationen Würde bewahren. Andere Arbeiten richten den Blick auf jüngere Generationen: auf Tänzerinnen, Reiterinnen oder Familien, deren Leben durch politische Entscheidungen geprägt werden. Es sind Geschichten, die nicht im Zentrum der Nachrichten stehen und gerade deshalb von besonderer Bedeutung sind.
Auffällig ist in vielen Projekten ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen. Regierungen erscheinen oft als überfordert, abwesend oder selbst Teil der Krise. Militärputsche, autoritäre Maßnahmen und soziale Ungleichheit prägen das Bild. Gleichzeitig wird sichtbar, dass gesellschaftlicher Wandel häufig von unten angestoßen wird und dabei auf bestehende Machtverhältnisse trifft, die sich nur schwer ändern lassen.
Die Vorsitzende der internationalen Jury, Kira Pollack, spricht von einem entscheidenden Moment für Demokratie und Wahrheit. Es wirkt wie ein stiller Appell: Die Fotografinnen und Fotografen haben ihre Arbeit getan. Sie haben dokumentiert, festgehalten, sichtbar gemacht. Nun liegt es an uns, hinzusehen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung dieses Preises. Nicht nur die Anerkennung fotografischer Exzellenz, sondern die Einladung oder vielmehr die Aufforderung, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, wie sie ist.
Die Bilder dieses Jahres zeigen keine ferne Realität. Sie zeigen unsere Gegenwart. Und sie stellen eine unbequeme Frage: Was machen wir mit dem, was wir gesehen haben?
Auswahl weiterer Preise in den Regionalkategorien:
Afrika, Stories: Chantal Pinzi, Marokko
Afrika, Stories: Luis Tato, Madagaskar
Afrika, Langzeitprojekte: Mohamed Mahdy, Ägypten
Asien-Pazifik und Ozeanien, Einzelfotos: Tyrone Siu, Hongkong
Asien-Pazifik und Ozeanien, Stories: Aaron Favila, Philippinen
Asien-Pazifik und Ozeanien, Stories: Jes Aznar, Myanmar
Europa, Einzelfoto: Paula Hornickel, Deutschland
Europa, Einzelfoto: Roie Galitz, Norwegen
Europa, Stories: David Guttenfelder, Ukraine
Europa, Langzeitprojekte: William Keo, Frankreich
Nord- und Zentralamerika, Einzelbilder: Alex Kent, USA
Nord- und Zentralamerika, Stories: Ethan Swope, USA
Nord- und Zentralamerika, Stories: Carol Guzy, USA
Nord- und Zentralamerika, Langzeitprojekte: César Rodríguez, Mexiko
Südamerika, Stories: Eduardo Anizelli, Brasilien
Südamerika, Stories: Ferley A. Ospina, Kolumbien
Südamerika, Langzeitprojekte: Pablo E. Piovano, Argentinien
Südostasien, Stories: Elise Blanchard, Afghanistan
Südostasien, Stories: Nicole Tung, Syrien
Südostasien, Stories: Saher Alghorra, Gaza
Südostasien, Stories: Diego Ibarra Sánchez, Libanon

vor 2 Stunden
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