Popkultur nach Amerika: Wer träumt noch von „Baywatch“?

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Als Kind der bundesdeutschen 1990er-Jahre erinnere mich noch sehr genau an meine Converse-Turnschuhe, gemustert wie die amerikanische Flagge. Ich erinnere mich an Vorhänge und einen Schreibtischstuhl in Stars and Stripes. Bis dahin war ich zwar noch nie in den Vereinigten Staaten gewesen, aber ich hatte das vage Gefühl, dass sie cool sein müssten. Wie viele Kinder damals habe ich ziemlich viel Fernsehen geguckt, unsere Welt bestand aus MTV, Wrestling und Serien: die „Simpsons“, der „Prinz von Bel-Air“, „Buffy“, „Seinfeld“, „Beverly Hills 90210“, „Baywatch“, „Friends“, die „Animaniacs“ – die Liste ist endlos. Ganz zu schweigen von den Filmen, angefangen von „Mrs. Doubtfire“ bis „Sister Act“, „Good Will Hunting“, „Kevin – Allein zu Haus“ und „Der Soldat James Ryan“.

In meiner Familie gab es anfangs nur einen kleinen Fernseher mit fünf oder sechs Kanälen (heute unvorstellbar), aber zusammen mit dem Kino in unserem Ort und dem Video-Verleih hat es gereicht, um mit diesem ganzen Stoff einen Zusammenhalt zwischen meinen Freundinnen und Freunden zu formen. Noch dazu lösten diese Filme und Serien ein trügerisches Gefühl von Vertrautheit aus – mit einem Ort, den nur wenige von uns je besucht hatten –, was unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten tief geprägt hat.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Im Rückblick fühlt es sich wie eine imaginäre Freundschaft an. Damals aber bauten wir unser Bild der USA aus dem Material, das wir hatten. Wir schauten Amerikanerinnen und Amerikaner wieder und wieder dabei zu, wie sie ihre Beziehungen führten, Verbrechen lösten und, das war am wichtigsten, wie sie die Welt retteten. Alles von da drüben wirkte avancierter, die Leute lebten in größeren Häusern, hatten coolere Namen und Klamotten. Und auch wenn es natürlich Ausnahmen gab, war es undenkbar, dass unsere eigenen Serien, Filme oder Songs je mithalten könnten mit den amerikanischen. Die kulturelle amerikanische Soft Power herrschte unangefochten.

Die Zukunft lag im Westen, damals

Gegen Ende des Kalten Kriegs geboren, wuchsen meine Freundinnen und Freunde und ich in einer Welt auf, die sich gerade radikal veränderte. Bevor uns das aber überhaupt bewusst geworden war, hatten wir uns schon an diese neue Welt gewöhnt. Im Rückblick ist es verständlich, dass wir mit der Blickrichtung aufwuchsen, dass die Zukunft im Westen liegt. Dass die Geschichten, die uns am weitesten im Leben bringen würden, von dort kamen. Und dass es im Interesse Amerikas wäre, dass wir in seinem kulturellen Output erzogen würden. Dass dieser Output zu unserem Alltag gehörte. Es ist schwer, vorauszusehen, wie die zukünftige Geschichtsschreibung auf unsere Epoche schauen wird – aber die zweite Amtszeit Trumps fühlt sich wie die nächste seismische Verschiebung an.

Die Kinder, die heute geboren werden, erben eine Welt, so stelle ich es mir vor, die weniger Gewissheiten mit sich bringt als die, die meine Generation am Ende des Kalten Kriegs vorfanden. In dieser neuen Welt ist Amerika nicht mehr länger der Daddy, nicht mehr länger der verlässliche Partner Europas, und selbst wenn wir daran glauben, dass unsere Welt gerettet werden könnte, denken weniger Menschen in Europa als früher, dass Amerika dieser Aufgabe gerecht werden könnte. Wenn überhaupt, herrscht der starke Eindruck, dass Amerika entschlossen ist, sich selbst abzuschaffen und wir dem politischen Zerfall eines Landes zuschauen, das über Jahrzehnte die moralische und politische Führung innehatte.

Nicht dass es nicht schon früher Kritik an den Vereinigten Staaten und ihrer Politik gegeben hätte. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Anti-Amerikanismus nach dem 11. September und dem folgenden Krieg in Afghanistan, es gab solche Wellen natürlich auch davor, am prominentesten während des Vietnamkriegs. Was wir im Moment erleben, fühlt sich aber anders an, und da wirkt symptomatisch, wenn amerikanische Narrative, die im Ausland beliebt sind, sich in Filmen wie „One Battle After Another“ zeigen, die aus einem alternativen Kalifornien erzählt, gebeutelt von einem korrupten Militär und radikalisierten Staat. Große moralische Dramen wie „Nürnberg“ mit Russell Crowe als Hermann Göring ziehen nicht mehr das gleiche Publikum an wie „Schindlers Liste“ oder „Eine Frage der Ehre“. Amerika, so wirkt es, hat die moralische Oberhand verloren (und es ist sehr die Frage, ob sie ihm jemals zugestanden hat), während wir uns langsam an etwas gewöhnen, das einige schon die postamerikanische Welt nennen.

Ist die Zeit von Japan und Südkorea gekommen?

Die Zeiten, in denen wir leben, erfordern zunehmend komplexere Erzählungen, und viele der Geschichten der 1980er- und 1990er-Jahre sind nicht gut gealtert – was an eklatanten Anteilen von Sexismus, Rassismus und Homophobie liegt. Das eine ist dieser Wandel im Geschmack, das andere der in Sehgewohnheiten, zumal das Angebot auf so viele Plattformen verteilt ist, dass es zum glücklichen Zufall wird, auf andere Menschen zu treffen, die die gleiche Fernsehserie schauen. Was aber auch bedeutet, dass das Feld der kulturellen Soft Power viel schwieriger zu bespielen ist.

Zwei Nationen aber scheinen ganz besonders in der Lage zu sein, in dieser neuen Landschaft zu navigieren: Japan und Südkorea. Japan hat länger schon Faszination ausgeübt, besonders unter jüngeren Menschen – ist es doch das Land, das der Menschheit Nintendo geschenkt hat, die PlayStation und den Gameboy. Jedes Kind kennt die Tetris-Melodie, Figuren wie Mario und Luigi, Prinzessin Peach, Bowser und Toad. Viele von uns hatten ein Tamagotchi, guckten „Sailor Moon“ oder andere Manga-Serien („Heidi“ war ein sehr frühes Beispiel dafür.) Aber seit einiger Zeit ist Japan auch Sehnsuchtsort der Hipsterkultur geworden, für viele ist eine Reise nach Japan ein viel größerer Traum als eine in die Vereinigten Staaten. Japanisches Essen, Briefpapier, japanische Filme und – am wichtigsten – Literatur haben einen beispiellosen Boom erlebt.

Unter den übersetzten Bestsellern in Großbritannien kam im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aus Japan, ähnliche Trends lassen sich auch in anderen europäischen Ländern erkennen. Wenn man die ernsthaftere Literatur beiseitelässt, scheint es so, als ob im Moment niemand sicher vor japanischen Katzenbüchern und trostspendend-pastelliger sogenannter Healing Fiction wäre.

 Fanartikel der koreanischen Boyband BTSDie neuen Helden der Popmusik: Fanartikel der koreanischen Boyband BTSReuters

Der Fall Südkorea ist sogar noch interessanter. Es ist gar nicht so lange her, da waren koreanische Filme, Musik und Literatur weit davon entfernt, zur Mainstream-Kultur zu gehören, aber dann gewann „Parasite“ als erster nichtenglischsprachiger Film den „Oscar“ für den Besten Film. „Squid Game“ und „KPop Demon Hunters“ (eine koreanisch-amerikanische Produktion) gehören zu den populärsten Angeboten auf Netflix, Han Kang hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen, und die Boyband BTS ist ein weltweites Phänomen. Und während meine Generation es noch cool fand, zu McDonald’s zu gehen oder ein T-Shirt vom Hard Rock Café zu haben, bevorzugen Teenager von heute offenbar Bubble Tea, Bibimbap und koreanische Beauty-Produkte.

Der Einfluss von kultureller „Soft Power“

Kultur hängt (ähnlich wie Sport) von dem Geld ab, das in sie investiert wird. Dass wir in Europa viel mehr kulturellen Output aus Skandinavien als aus Griechenland oder Rumänien sehen, liegt nicht unbedingt an der Qualität, sondern daran, wie viel Geld investiert wird, sie im Ausland zu vermarkten. Wie man ein Land oder eine Kultur betrachtet, hat mit vielen Faktoren zu tun, öffentlichen wie privaten, und obwohl manche infrage stellen, dass es so etwas wie „Soft Power“ überhaupt gibt, scheint es für mich erwiesen, dass sie unglaublich einflussreich ist, auch wenn es schwer ist, das an etwas festzumachen.

Und es ist auch eine zwiespältige Sache. Der kulturelle Output eines Landes – das ist das Schöne daran – versetzt uns in die Lage, mehr über dieses Land zu erfahren, sich darauf einzulassen und im besten Fall dabei auch den Blick auf sich selbst zu verändern. Kultur kann aber auch dafür sorgen, dass wir vergessen, die richtigen Fragen zu stellen. Wie im Fall Russlands, dessen literarische „Klassiker“ auch ein Mittel waren, unsere Einbildungskraft zu steuern und uns so davon abzuhalten, den Kanon – Puschkin, Tolstoi – mit seinen problematischen Motiven und imperialen Phantasien infrage zu stellen.

Der Einfluss der russischen Kultur

Im vergangenen Jahr trendete die englische Ausgabe von Dostojewskis „Weiße Nächte“ auf BookTok, was die Novelle im Vereinigten Königreich zu einem der Übersetzungsbestseller von 2026 gemacht hat. Wieder und wieder werden russische Dramen auf Londoner Bühnen gebracht, zuletzt ein Stück von Maxim Gorki. Der lang anhaltenden Beliebtheit russischer Klassiker scheinen die Bomben, die auf die Ukraine regnen, nichts anhaben zu können.

Als der „Guardian“ kürzlich die größte Literatur auflistete, die je in Englisch erschienen ist, landeten unter den ersten zehn Plätzen als einzige fremdsprachige Titel zwei Romane von Tolstoi (neben zwei französischen). Dieser kulturelle Einfluss reicht weit zurück: Von Lermontovs „Ein Held unserer Zeit“ etwa sind seit 1840 über zwanzig Übersetzungen erschienen, vom „Zauberberg“ dagegen bislang vier. Dass diese Bücher öffentlich in postkolonialem Zusammenhang diskutiert würden, ist allerdings nicht zu erkennen. Und was man, um aktuelle Beispiele zu nennen, von Anna Netrebkos ausverkauften Auftritten in Berlin halten soll – und von der Wiederöffnung des russischen Pavillons bei der Biennale in Venedig, trotz scharfer Kritik der EU – ist auch die Frage.

Im Gedächtnis bleibt, was der Historiker Karl Schlögel in seiner Dankesrede sagte, als er im vergangenen Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt: „Die Instrumentalisierung des Prestiges der russischen Kultur spielt ganz sicher eine große Rolle in der Durchsetzung von Putins imperialen Ambitionen – ‚Russkij Mir‘, die russische Welt, die keine Grenzen kennt, als Soft Power.“

Was kommt jetzt?

Kunst ist nie nur Kunst, sonst wäre sie bedeutungslos. Sie trägt immer Botschaften mit sich, kommt von einem bestimmten Ort, ist oft getragen von einer bestimmen Absicht. Statt sie zu boykottieren, sollten wir ihre Facetten zur Kenntnis nehmen und sie mit offenen Augen diskutieren. Und uns fragen, warum wir von einer Kultur so viel zu sehen bekommen und von anderen so gut wie gar nichts.

Den Begriff „Soft Power“ hat der amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye geprägt, vor allem bekannt als prominenter Neoliberaler. „Soft Power“, so führte Nye aus, müsse man es nennen, „wenn ein Land andere Länder dazu bringt, auch das zu wollen, was es selbst will – im Kontrast zur harten oder herrschaftlichen Power, anderen zu befehlen, was sie tun sollen“. Schaut man heute auf die Vereinigten Staaten, wirkt es, als wären sie von diesem Ziel weiter entfernt als je zuvor und als ob selbst Trump international selbst mit Befehlstönen auf taube Ohren stößt.

In diesem Sinn könnte man es als willkommene Entwicklung sehen, dass wir nicht mehr so getränkt sind von amerikanischem Content, wie wir es einmal waren – und dass die Risse in der amerikanischen Soft Power (sie ist ja keineswegs verschwunden) Raum für andere ermöglicht. Kulturelle Leerstellen sind nie leer geblieben, und wir sollten niemals aufhören, über unsere Grenzen hinauszuschauen. Im Moment aber fühlt es sich an, als wäre die Zeit gekommen, dabei in verschiedene Richtungen zu schauen. Indem wir den kulturellen Diskurs so offen und divers wie möglich gestalten, können wir das Risiko minimieren, in die Falle der Dominanz und Soft Power einer einzelnen Nation zu gehen.

Und es könnte sein, dass wir einen neuen Weg finden, auf die Vereinigten Staaten einzugehen und Narrative mit ihnen zu teilen, die größere Komplexität und gegenseitiges Verständnis ermöglichen. Dann könnten wir auch damit aufhören, uns nostalgisch nach jener scheinbar einfacheren Welt zurückzusehnen, für die Amerika so lange gesorgt hat. Oder, um es mit James Baldwin zu sagen: „Liebe beginnt und endet nicht so, wie wir offenbar denken. Liebe ist eine Schlacht, Liebe ist ein Krieg, Liebe ist Erwachsenwerden.“ Wir haben viel damit zu tun, erwachsen zu werden, auf beiden Seiten des Atlantiks.

Die Autorin (zuletzt erschien „Hallo, mein Name ist Jimmie, was kann ich für Sie tun?“, März Verlag) ist Literaturagentin in London. Aus dem Englischen von Tobias Rüther.

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