Seit sechzig Jahren erforscht und erweitert Meredith Monk die Möglichkeiten der menschlichen Stimme, die sie nicht nur als Instrument begreift, sondern als Multifunktionswerkzeug. Ihre Performance-Kunst ist abstrakt und konkret, sie vereint Musik, Gesang, Tanz und Licht, arbeitet mit Schwingungen und Vibrationen des Körpers ebenso wie mit der Stimme und wechselt unablässig Formen und Ebenen des Ausdrucks, wobei sie die menschliche Sprache als nützlich, aber keineswegs als unentbehrlich begreift. Mit Worten, so ihre feste Überzeugung, lässt sich vieles sagen – manches aber auch nicht. Der Körper und die Stimme verfügen über je eigene Ausdrucksmöglichkeiten. Ein Gurren, Schnalzen, Kieksen, Klicken, Röhren sagt mehr als tausend Worte.
Mit Tänzern singen, mit Sängern tanzen
Meredith Monk bekleidet als dritte Künstlerin von Weltrang die Pina-Bausch-Gastprofessur, nach der Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker und der Performance-Künstlerin Marina Abramović. Zwei Semester lang genießen jeweils etwa zwei Dutzend Studierende der Folkwang Universität der Künste in Essen das Privileg, mit einer international bekannten Künstlerin in Workshops zusammenzuarbeiten, neue Sicht- und Arbeitsweisen kennenzulernen, Projekte zu entwickeln.
Eingerichtet wurde die Gastprofessur von der Folkwang Universität zusammen mit der in Wuppertal ansässigen Pina Bausch Foundation, finanziert wird sie vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Neben dem Ansehen, das die Folkwang Universität international genießt, dürfte es vor allem der Name der 2009 verstorbenen Choreographin Pina Bausch sein, der Stars der internationalen Kunstszene wie De Keersmaeker, Abramović und nun Meredith Monk dazu bewegt, nach Essen zu kommen und mit Studierenden zu arbeiten.
Meredith Monk am FlügelUrsula KaufmannIm Fall von Meredith Monk bedeutet dies konkret: mit Tänzern zu singen, mit Sängern zu tanzen, die Kunst der Performance zu erkunden und zu erweitern. Zum Abschluss der Gastprofessur präsentieren sich die Studierenden unter dem Titel „Dancing Voice / Singing Body“ mit Auszügen aus dem Repertoire ihrer Gastprofessorin, die sie zusammen mit Meredith Monk und Ellen Fisher und Katie Geissinger erarbeitet haben. Beide gehören zum „Meredith Monk & Vocal Ensemble“.
Neben einem „Artist Talk“ auf dem Campus der Hochschule in Essen-Werden gehört auch ein Konzert im Museum Folkwang zum Programm der Gastprofessorin. Meredith Monk, mittlerweile 83 Jahre alt, fröhlich, beweglich, humorvoll, bestreitet es zusammen mit den Sängerinnen Katie Geissinger und Allison Sniffin und der Tänzerin Ellen Fisher, einer Bewegungs-, Ausdrucks- und Verwandlungskünstlerin von faszinierender Intensität.
Gute Wanderschuhe für den Bühnenauftritt
In einem karmesinroten Anzug, satt und magisch leuchtend wie Pucks Gala-Uniform, kommt Meredith Monk auf die Bühne, um gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen ein Programm zu präsentieren, das fünf Jahrzehnte ihres Schaffens umfasst, von der Eröffnungsnummer „Wa-li-oh“ von 1975/76 über den „Click Song“ von 1988 und das drei Jahre jüngere „Choosing Companys“ bis zu verschiedenen Stücken vom 2018 erschienenen Album „Cellular Songs“ und „Simple Sorrow“, einem Song, der während der Pandemie entstanden ist und die existenzielle Einsamkeitserfahrung jener Zeit aufruft: „walking alone – sailing alone – dying alone“.
Manchmal sitzt Meredith Monk entspannt am Bühnenrand und lauscht Katie Geissinger und Allison Sniffin, wie sie ihre Kompositionen performen, manchmal sitzt Allison Sniffin statt Meredith Monk am Flügel oder steht mit ihr zusammen am Keyboard. Alle drei Frauen tragen stabiles Schuhwerk, „gute Wanderschuhe“, wie Katie Geissinger bedeutungsvoll auf Deutsch erklärt. Bevor das Konzert mit zwei Solo-Zugaben von Meredith Monk endet, von Beifall und Jubel umtost, singt die Pina-Bausch-Professorin ihr Stück „Happy Woman“, das von einer Frau handelt, die nicht nur glücklich ist, sondern auch „needy, greedy, quiet, angry, honest, lying, dying, reckless, scrappy“. Walt Whitmans berühmter Satz „I am large, I contain multitudes“ – bei Meredith Monk wird er zu Musik, zum reinen Klang unserer Widersprüchlichkeiten.

vor 3 Stunden
1










English (US) ·