Polen baut an der Ostgrenze einen 800 Kilometer langen Schutzwall zu Russland und Belarus. Wie dieser aufgebaut ist und welche Rolle die Bundeswehr spielt. Ein Überblick
27. März 2026, 18:15 Uhr
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Sicherheitslage an der Ostgrenze der Nato grundlegend verändert. Polen reagiert darauf mit einem der ambitioniertesten Grenzschutzprojekte in der Geschichte Europas. Mit dem Ostschild (polnisch: Tarcza Wschód) entsteht entlang der Grenze zu Belarus und Russland ein rund 800 Kilometer langes, mehrschichtiges Verteidigungssystem, das militärische Infrastruktur, Geländehindernisse und moderne Aufklärung verbinden soll. Ab April hilft dabei auch die Bundeswehr.
Alle Fragen im Überblick:
Was ist der Ostschild?
Der Ostschild ist ein derzeit im Bau befindlicher Schutzwall, mit dem Polen seine Grenzen zu Belarus und Russland absichern will. Beim Aufbau arbeitet Polen eng mit den baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland sowie mit Finnland zusammen, die im Rahmen des Projekts Baltic Defense Line ebenfalls ihre Grenze zu Belarus und Russland verstärken. Ziel des Projekts ist die Abwehr eines möglichen Angriffs von Russland und Belarus auf den Nato-Partner Polen.
Polnischen Berichten zufolge wird der Ostschild seit Mai 2024 errichtet. Nach Angaben des polnischen Verteidigungsministeriums entsteht der Schutzwall auf einer Länge von circa 800 Kilometern und zieht sich entlang der östlichen Provinzen (Woiwodschaften) Pommern, Ermland-Masuren, Lublin, Podlachien und Karpatenvorland. Die Fertigstellung des Projekts ist für das Jahr 2028 vorgesehen. Bei der Umsetzung sind auch Soldaten aus Großbritannien, Deutschland und den USA beteiligt.
Bei einem Besuch an Polens Ostgrenze sagte Ministerpräsident Donald Tusk im Dezember 2024: "Je besser die polnische Grenze geschützt wird, desto größer ist die Friedensgarantie." Die polnische Regierung beruft sich dabei auf Warnungen der Nato nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Demnach könnte Russland ab 2029 zu einem Angriff auf die baltischen Staaten sowie auf den strategisch wichtigen Suwałki-Korridor im Nordosten Polens in der Lage sein.
Wie ist der Ostschild aufgebaut?
Der Aufbau des Ostschilds ist nach Angaben des polnischen Verteidigungsministeriums das größte Vorhaben dieser Art in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht dabei der umfassende Ausbau der Grenzanlagen.
Geplant ist demnach ein mehrschichtiges, technisch gestütztes Verteidigungssystem. Dazu gehören Panzer- und Drohnenabwehrsysteme sowie physische Hindernisse – wie etwa Panzersperren –, die ein Vorankommen russischer und belarussischer Truppen erschweren sollen. Ergänzt wird dies durch einen hohen Grenzzaun als Barriere gegen Eindringlinge, dem Stacheldrahtanlagen folgen. Auf dem rund 200 Meter breiten Grenzstreifen sind außerdem Gräben, Minenlager und Aufklärungssysteme vorgesehen. Hinzu kommen Bunker sowie bewaldete Zonen, die das Hinterland zusätzlich abschirmen sollen.
Die Kosten beziffert das Ministerium auf mindestens 2,3 Milliarden Euro. Finanziert werden soll das Projekt bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2028 über den Staatshaushalt, EU-Zuschüsse und Unterstützungszahlungen der Nato. Ziel ist es, die sicherste und modernste Grenze Europas zu schaffen – mit Befestigungen, Geländehindernissen und begleitender militärischer Infrastruktur.
Werden Landminen bei der Sicherung der Ostgrenze eingesetzt?
Ja. Polen plant, erstmals seit dem Kalten Krieg wieder Antipersonenminen herzustellen und diese beim Bau des Ostschilds einzusetzen. Mit den Landminen sollen Abschnitte des rund 800 Kilometer langen Schutzwalls zusätzlich gesichert werden. Dafür leitete die Regierung im August den Austritt aus der Ottawa-Konvention ein, die Antipersonenminen weltweit verbietet.
Polen hatte die Ottawa-Konvention 2012 ratifiziert und daraufhin seine damaligen Minenbestände zerstört. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kündigte das Land jedoch im vergangenen Jahr seinen Austritt an – gemeinsam mit Finnland, Estland, Lettland, Litauen und der Ukraine.
Der stellvertretende polnische Verteidigungsminister Paweł Zalewski sagte der Nachrichtenagentur AP dazu: "Diese Minen sind eines der wichtigsten Elemente der Verteidigungsstruktur, die wir an der Ostflanke der Nato in Polen aufbauen." Polen werde Antipersonen- und Panzerabwehrminen bei einheimischen Firmen bestellen. Verlegt werden sollten sie nur, wenn eine realistische Gefahr einer russischen Aggression bestehe, sagte Zalewski. Ministerpräsident Donald Tusk hatte zuvor angekündigt, dass Polen bald in der Lage sein werde, seine Ostgrenze innerhalb von 48 Stunden zu verminen.
Welche Aufgaben übernimmt die Bundeswehr beim Aufbau des Ostschilds?
Auch die Bundeswehr beteiligt sich seit diesem Monat aktiv am Ausbau des Ostschilds. Eine Sprecherin des operativen Führungskommandos der Bundeswehr sagte der ZEIT auf Anfrage: Die Bundesrepublik Deutschland unterstütze Polen "mit militärischen Kräften und Mitteln" beim Auf- und Ausbau von Verteidigungsanlagen an den Landesgrenzen zu Belarus und zur russischen Enklave Kaliningrad. Den Angaben nach sind bis zu 100 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Die Pioniere des Heeres unterstützen demnach etwa das Ausheben von Gräben und das Errichten von Panzersperren.
Zur Dauer des Einsatzes in Polen sagte die Sprecherin: "Die Unterstützungsleistung ist grundsätzlich von der Witterung abhängig." Das Ende des Einsatzes ist demnach im Oktober geplant. Die baulichen Maßnahmen sollen nach dem Abschluss an die polnische Armee übergeben und die deutschen Soldatinnen und Soldaten wieder an ihre Standorte in Deutschland verlegt werden.
Ein Bundestagsmandat ist für diesen Auslandsaufenthalt deutscher Soldatinnen und Soldaten nach Angaben des Ministeriums von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nicht erforderlich. Es sei bei dem Einsatz nicht mit einer unmittelbaren Gefährdung durch militärische Auseinandersetzungen zu rechnen, lautet die Begründung.

vor 3 Stunden
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