Österreich: Von Elefanten und Lastwagen-Schlangen

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Schönheit und Leid liegen ja oft dicht beieinander. Im Falle von Tirol etwa korrelieren die Steilheit der Berghänge und die damit einhergehende Kaumberührtheit der Landschaft mit einem Ansturm erholungshungriger Menschen aus dem Norden, die zu Spitzenzeiten die Infrastruktur des Bundeslandes und die Geduld seiner Bewohner über ihre Belastungsgrenzen hinaus strapazieren. Hinzu kommt, dass südlich ein Land angrenzt, das in der Kategorie „Schönheit gesamt“, nun ja, auch nicht ganz übel abschneidet. Als gleichermaßen beliebtes An- wie Durchreiseland hat Tirol ein Verkehrsproblem, zu dem seine eigene Bevölkerung vergleichsweise wenig beiträgt.

Während deutsche und niederländische Italiensehnsüchtige die Tiroler Straßen in saisonal schwankendem Ausmaß verstopfen, tun Lastwagen verschiedenster Herkunft dies ganzjährig. Ja, die Alpen stellen Reisende und Transportunternehmer seit jeher vor Herausforderungen. An workarounds wird seit Menschengedenken gearbeitet. Die Lösungen muss man immer im Kontext ihrer jeweiligen Ära betrachten. Elefanten, why not? Zu Zeiten der Punischen Kriege ein geniales Verkehrsmittel, für heutige Bedürfnisse allerdings kaum praktikabel. Zum einen stehen die Tiere aus Gründen menschlichen Fortschritts nicht mehr in der nötigen Stückzahl zur Verfügung, zum anderen arbeiten sie auch alles andere als emissionsfrei (Stichwort: Enddarmfermentierer!). Andererseits ist die heute gängige Methode – kilometerlange Kolonnen langsam fahrender oder stehender Verbrennerfahrzeuge – auch allenfalls eine Übergangstechnologie.

Die Menschheit ringt also, 2244 Jahre nach Hannibal, weiter um die ideale Lösung für die Alpenquerung, im Zweifel auch vor Gericht. Am Dienstag dieser Woche standen sich Vertreter Österreichs und Italiens in Luxemburg gegenüber, vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). Rom klagt gegen die strecken- und zeitweise erlassenen Fahrverbote für Lkws entlang der Inntalroute sowie um das, was die einen „Dosierkalender“ und die anderen „Blockabfertigung“ nennen. Rom sieht darin eine unrechtmäßige Einschränkung des freien Warenverkehrs, Innsbruck bezeichnet sie als notwendig, allein schon, um die EU-Grenzwerte für Stickoxide einzuhalten.

Ob ein digital buchbares „Slot-System“, wie es als möglicher Kompromiss gehandelt wird, den erhofften Quantensprung bringen würde, darf man bezweifeln. Vielversprechender klingt da ein Modell, das im Kern gar nicht so neu ist: Schiene plus Tunnel. Seit September sind Österreich und Italien per Durchstich in einer Wartungsröhre des Brennerbasistunnels verbunden, der 2032 in Betrieb gehen soll. Doch bis dann wirklich ein Großteil des Alpen-Transitverkehrs unter die Erde verlagert werden kann, wird es noch sehr viel länger dauern: Das nördlich angrenzende Urlauberherkunfts- und Industrieland, das sich verkehrspolitisch mitunter wie ein Schwellenland geriert, hat noch nicht einmal entschieden, auf welcher Route die Züge von Norden her den neuen Brennertunnel ansteuern sollen. Und selbst wenn der Deutsche Bundestag irgendwann in diesem Jahr über den sogenannten Nordzulauf entscheidet: Die Bauarbeiten dürften sich dann mindestens bis in die 2040er-Jahre ziehen.

Ein Urteil des EuGH zu den Tiroler Fahrverboten könnte dagegen schon gegen Ende dieses Jahres kommen. Bis dahin werden die Menschen in Tirol zumindest um die Erfahrung eines weiteren Transit-Sommers reicher sein.

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