Eine Mottoparty, Alkohol wird aus roten Plastikbechern getrunken, und inmitten verhalten tanzender Gäste sticht eine Frau hervor. Sie tanzt leidenschaftlich, ihre lockigen Haare fallen perfekt unperfekt auf ihre Schultern. Ihr grünes, tief ausgeschnittenes Kleid mit Dschungelprint flattert beim Tanzen. Es ähnelt einem Kleid, das Jennifer Lopez 2000 auf der 42. Grammy-Verleihung trug. Ein junger Mann in Top-Gun-Overall kann seinen Blick nicht abwenden. Wer diese umwerfende Frau sei, fragt er einen Freund. „J.Lo.“ Dann läuft ausgerechnet Lopez’ Hit „On the floor“, und der junge Mann wittert seine Chance. Er betritt die Tanzfläche, und es folgt eine zirka einminütige Sequenz, in der sich die zwei förmlich mit Blicken ausziehen. Diese Szene läuft auf Instagram rauf und runter. Frauen drehen durch. Dieser Mann, diese Frau, diese Spannung!
So oder so ähnlich sehen einige Schlüsselszenen in online gefeierten Serien wie „Off Campus“ aus, die einen Streamingrekord nach dem anderen brechen. Der Serienstart von „Off Campus“ war einer der erfolgreichsten von Amazon, mehr als 36 Millionen Menschen schauten sie innerhalb der ersten zwölf Tage, davon besonders viele Frauen zwischen 18 und 35. In den sozialen Medien werden diese Buch-Adaptionen meist affirmativ abgefeiert, das heißt, intensive Kuss- oder Tanzszenen werden als Schnipsel geteilt und mit Sätzen wie „Können wir mal bitte über diese Kussszene sprechen?“ oder „My jaw is on the floor“ (Ich bin sprachlos) unterlegt. Plattformen wie Amazon setzen verstärkt auf Adaptionen von Büchern, die auf Tiktok in der dortigen Lesegemeinschaft Booktok erfolgreich sind. Rentabel ist das allemal, inhaltlich aber nach altbekanntem Schema gestrickt.
Eishockey und Romantik in Instagram-Optik
„Off Campus“ basiert auf einer fünfbändigen Buchreihe von Elle Kennedy, deren Texte stereotyper daherkommen, als es die Serie ist. Ein zentrales Thema ist Eishockey, das erinnert an die Serie „Heated Rivalry“ von HBO, die auf einer Buchreihe von Rachel Reid basiert. Die vor allem für schnulzige Liebesgeschichten bekannten kanadischen Autorinnen erzählen jedoch nicht nur von Eishockey, sondern vor allem von romantischen Verwicklungen, die sich über mehrere Bände erstrecken. In „Off Campus“ treffen sich ein cooler, aber durch ein Familientrauma unnahbarer Sportler und eine strebsame Studentin. Sie ist die Einzige, die ihm Nachhilfe geben kann, und, Überraschung, sie verlieben sich ineinander. Neben Eishockey geht es um Romantik. Romantik heißt, es gibt viele erfüllende Sexszenen, in denen Konsens ausdiskutiert wird. Beide formulieren explizit ihre Zustimmung, und die Frau spielt einen aktiv initiierenden Part.

„Off Campus“ und Serien wie „The summer I turned pretty“ oder „Maxton Hall“ basieren auf Buchreihen für Teenager, die von Frauen geschrieben wurden. Entsprechend dienen die trainierten jungen Männer und schönen Frauen als Projektionsfläche. Sie treffen sich im echten Leben, was in Zeiten von Onlinedating auch nicht selbstverständlich ist. Besonders die Figur des sehnsüchtigen, schmachtenden Mannes wird begeistert angenommen, also die eines Mannes, der sich nach der Frau verzehrt und ihr das durch intensive Blicke, kleine Berührungen und genaues Zuhören zeigt. Das sind Männerfiguren, die von Frauen erschaffen wurden und alle Sehnsüchte problemlos vereinen. Sie sind attraktiv, trainiert, ein bisschen verwegen und dabei auch noch gute Zuhörer und Liebhaber.
„Off Campus“ und „Heated Rivalry“ zeigen entsprechend viele Nahaufnahmen von Männergesichtern mit leicht geöffneten Lippen und halb geschlossenen Augen. Sehnsüchtige Figuren kennt die Literatur- und Filmgeschichte schon ewig, oft bleiben diese Sehnsüchte tragischerweise unerfüllt. So wie im echten Leben manchmal auch.
Es gibt nicht nur einen, sondern gleich zwei romantische Plots in einer kurzen Staffel.dpaEin Glück, dass das hier immer gut ausgeht. Wie im Märchen. Die Frau ist immer die Eine, die den Mann von seinen Party-Abenteuern abbringt. Verändert haben sich diese Rollen und wie die Figuren aussehen (nämlich überdurchschnittlich attraktiv), nicht. „Off Campus“ strotzt dabei nur so von popkulturellen Referenzen. Eine Szene zitiert zum Beispiel die Serie „Friends“. In dieser vergnügen sich zwei romantische Partner in der Badewanne, bis plötzlich ein Mitbewohner das Badezimmer betritt, sodass sie kurzerhand untertaucht und sich unter dem Badeschaum versteckt.
Es geht um junge Liebe und Begehren, aber in Instagram-Optik, da es viele Reel-taugliche Momente gibt, die als Video im Internet umherfliegen. Hinzu kommen schnelle Schnitte und eine Handlung, die sich rasant innerhalb weniger Folgen entfaltet. Auch Konflikte lösen sich entsprechend schnell. Untermalt wird das mit häufig wechselnder Musik, sodass die Serie insgesamt beschleunigt wirkt.
Jede Generation bekommt eine zeitgemäße Interpretation von College-Romanzen, die weiterhin auf dem Campus, in der Bar, zu Hause (wo geweint und geliebt wird) und auf dem Eishockeyfeld spielen. Die jungen Erwachsenen wechseln zwischen diesen Orten und sehnen sich nach Nähe. Die Emotionalität der Freundin ist kein Problem, und die Sportler erzählen einander, wenn es ihnen schlecht geht.
In der Gegenwart wird Romantik von Marktlogiken überlagert
Die Buchvorlagen der Serien zählen zur New-Adult-Literatur, mit spezifischen Subgenres wie College- oder Sport-Romanzen, die auf Tiktok gerne besprochen werden. Online geht es um Performanz und Sichtbarkeit in kurzen Formaten. Die Serien dazu sind nun so aufgebaut, dass eine onlinetaugliche Szene auf die nächste folgt. Entsprechend schablonenhaft sieht das Gesamtbild aus. Die Serie entfaltet ihre Handlungsstränge rasch, damit die Aufmerksamkeitsspanne hält.
Was „Off Campus“ auszeichnet, zumindest wenn man den in sozialen Medien geführten Debatten folgt, sind die freundlichen Männer, die häufig ihre trainierten Oberkörper präsentieren, und die selbstbewussten Frauen, die ihre Leidenschaften verfolgen. Ein Novum im Genre der College-Serien? Eher ein zeitgemäßes Gewand typischer Coming-of-Age-Serien. Dieses Gewand entspringt einer Gegenwart, in der Romantik von Marktlogiken überlagert wird. Je makelloser und perfekter, desto besser, obwohl sich hier immerhin um gute Kommunikation bemüht wird.
Während eine Staffel „Friends“ früher noch rund 20 Episoden zählte, sind diese Serien heute um die acht Folgen lang und werden gerne am Stück geschaut. Ihr Binge-Faktor ist groß. Dazwischen bleibt nur wenig Raum, um die Beziehungen zwischen den Figuren ordentlich zu entfalten. Die Dialoge bleiben entsprechend kurz und plakativ. Das ist praktisch, wenn man nebenher am Smartphone scrollt.
Off Campus läuft bei Amazon Prime.

vor 1 Tag
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