Die Lage am Morgen 17 Cent und eine Kanzler-Explosion – wie lange geht das noch gut?
Heute geht es um den ersten EU-Gipfel nach der Orbán-Ära, um das deutsch-französische Kampfjet-Debakel und um die Frage, wie es um die Reformkraft der Koalition bestellt ist.
24.04.2026, 05.44 Uhr
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Gipfel ohne den großen Blockierer
Agia Napa hat einen wenig schmeichelhaften Beinamen: Als »Ballermann des östlichen Mittelmeers« wird der Küstenort im Osten Zyperns schon mal bezeichnet, weil im Sommer Zehntausende junge Urlauber, vor allem aus Schweden und Großbritannien, in Agia Napa Party machen.
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen: Gegen die Einstimmigkeit braucht es Einstimmigkeit
Foto: Yiannis Kourtoglou / REUTERSGediegener ging es zu, als die Staatenlenker der Europäischen Union dort gestern Abend zum Gipfel zusammenkamen. Dabei gäbe es, so dürften es die meisten Teilnehmer sehen, durchaus etwas zu feiern: Es ist nach 16 Jahren das erste Treffen ohne Viktor Orbán. Der rechte Dauerblockierer aus Ungarn ist nach seiner Wahlniederlage zwar offiziell noch im Amt, spart sich aber den Abschiedstrip nach Zypern.
Beim Dinner in Agia Napa ging es im Beisein von Wolodymyr Selenskyj um die Lage in der Ukraine. Heute, nach einem Ortswechsel nach Nikosia, sprechen die Staats- und Regierungschefs über die Krise am Persischen Golf und die Folgen für Europa. Auch ohne Orbán: Europa tut sich schwer, einen gemeinsamen Weg zu finden, sowohl militärisch als auch im Kampf gegen die explodierenden Energiepreise.
Ursula von der Leyen möchte den Abgang des ungarischen Ministerpräsidenten auch nutzen, um eine Grundsatzdebatte anzustoßen: Die Kommissionspräsidentin will das Einstimmigkeitsprinzip in der Außenpolitik aufweichen, damit einzelne Staaten künftig kein Vetorecht mehr haben (mehr dazu hier ). Ein schwieriges Unterfangen, denn um die Einstimmigkeit abzuschaffen, braucht es, genau: Einstimmigkeit.
Folgt auf die letzte Frist eine allerletzte Frist?
Es steht nicht auf der Tagesordnung, aber für den Kanzler ist es ein leidiges Thema, das er am Rande des EU-Gipfels mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besprechen dürfte, ja, dringend müsste: das »Future Combat Air System«, kurz FCAS.
FCAS-Modell: Blamage beim Kampfjet-Projekt
Foto: Julien de Rosa / AFPAus dem deutsch-französischen Projekt soll eigentlich bis 2040 ein gemeinsamer Kampfjet hervorgehen, der in Frankreich die Rafale und in Deutschland den Eurofighter ablöst. Aber daraus wird wohl nichts. Nach ewigem Führungsstreit zwischen den Konzernen Dassault und Airbus steht FCAS vor dem Aus. Zuletzt versuchten noch Mediatoren zu schlichten – vergebens. Und jetzt? Folgt auf den letzten Rettungsversuch ein allerletzter Rettungsversuch?
Bisher trauen sich weder Merz noch Macron, die Blamage zuzugeben und die Sache endgültig zu beerdigen. Man sucht nach einem vermeintlich gesichtswahrenden Ausweg, den es in Wahrheit nicht gibt. »Das FCAS-Debakel zeigt, was droht, wenn Deutschland und Frankreich sich nicht einigen können: ein noch schwächeres Europa«, kommentiert meine Kollegin Marina Kormbaki. Selbst in Kriegszeiten sei der Kontinent nicht in der Lage, seine Kräfte zu bündeln und sich selbst zu schützen.
Im Bundestag geht es um 17 Cent
Die Koalition will heute ihr umstrittenes Entlastungspaket durch Bundestag und Bundesrat bringen: Vom 1. Mai an werden, vorerst auf zwei Monate befristet, die Steuern auf Benzin und Diesel um rund 17 Cent pro Liter sinken. Zudem sollen Arbeitgeber die Möglichkeit erhalten, ihren Beschäftigten eine steuer- und abgabenfreie 1000-Euro-Prämie zu gönnen.
Der Kanzler und sein Vize: Die Explosion wirft Fragen auf
Foto: Hannibal Hanschke / EPADie Krisenmaßnahmen hatten die Spitzen von Union und SPD am Sonntag vor zwölf Tagen in der Villa Borsig am Tegeler See in Berlin vereinbart. Wie hoch es bei diesem Treffen hinter verschlossenen Türen herging, wird erst jetzt richtig klar. Friedrich Merz und Lars Klingbeil gerieten bei den stundenlangen Beratungen heftig aneinander, der Kanzler ging seinen Vize frontal und laut an. Das hat ein SPIEGEL-Team um meinen Kollegen Andreas Niesmann recherchiert.
Ihre Geschichte liefert einen seltenen Schlüssellochblick auf harte Verhandlungen, in denen die Nerven blank lagen – und auf eine Koalition im Krisenmodus (mehr dazu hier ). Die Kanzler-Explosion wirft Fragen auf: Haben Union und SPD noch die Kraft, die versprochenen großen Reformen auf den Weg zu bringen? Ist das notwendige Vertrauen noch da? »Die Zweifel daran sind nach dem Borsig-Wochenende eher größer als kleiner geworden«, schreiben die Kollegen.
Übrigens: Dass die nun zu beschließenden Entlastungen rasch bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen, damit ist nicht zu rechnen. Die Entlastungsprämie stößt bei vielen Unternehmen auf, gelinde gesagt, wenig Gegenliebe. Und der Tankrabatt dürfte erst mit Verzögerung spürbar werden, weil die Lager der Tankstellen zum Stichtag noch mit normal besteuertem Kraftstoff gefüllt sein werden.
Die ganze Geschichte hier: Und dann geht der Kanzler in der Villa Borsig auf seinen Vizekanzler los
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Foto:Marcus Glahn / DER SPIEGEL
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