News des Tages: Nazi-Kartei, Steuerbetrug mit Cum-Ex-Deals, Frauke Brosius-Gersdorf

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1. Die Nazis an der Staatsspitze der Bundesrepublik

[M] Lea Rossa / DER SPIEGEL; GRANGER Historical Picture Archive  / IMAGO

Hunderttausende Leserinnen und Leser haben in den vergangenen Monaten Millionen Suchanfragen gestellt, um mit dem digitalen Recherche-Werkzeug des SPIEGEL in der NSDAP-Mitgliederkartei zu suchen (hier zu finden ). Die Geschichte hinter der Kartei ist ein historischer Politkrimi, den mein Kollege Klaus Wiegrefe jetzt nachzeichnet . Jahrzehntelang wurde gerungen, wie mit den Dokumenten umzugehen ist. Denn zunächst verweigerten die USA die Rückgabe der Papiere, die ihnen 1945 in die Hände gefallen waren.

Die Regierung von Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) wollten schon 1978 eine Rückgabe der Kartei und anderer NS-Dokumente erreichen. Sie wurden von den Amerikanern im Berlin Document Center (BDC) in West-Berlin aufbewahrt. Doch das US-Außenministerium hoffte offenbar, eine Einigung über die Rückgabe des BDC werde nicht zustande kommen, und appellierte an die Deutschen, das BDC »möglichst zu vergessen«. US-Behörden suchten damals noch nach NS-Kriegsverbrechern in den USA und fürchteten, nur noch begrenzten oder gar keinen Zugang mehr zu den BDC-Unterlagen zu bekommen, wenn diese erst wieder in deutschem Besitz wären.

Selbst bei der Deutschen Einheit kamen die Dokumente auf die Tagesordnung. Sein Ministerium wolle wirklich bei der Herstellung der deutschen Einheit helfen, so der Berlin-Referent des US-Außenministeriums. Die Deutschen sollten aber besser »vermeiden, dass in der amerikanischen Öffentlichkeit Themenkomplexe hochkommen, die dabei störend wirken«.

Was er wohl meinte? Womöglich ein paar Dutzend brisante Mitgliedsnachweise, die in einem Stahlschrank lagerten. Darunter die Karteikarten von einem Bundeskanzler (Kurt Georg Kiesinger), zwei Bundespräsidenten (Karl Carstens und Walter Scheel), zwei Bundestagspräsidenten (Carstens und Richard Stücklen), 17 Ministern aus allen Kabinetten zwischen den Regierungschefs Konrad Adenauer (1949 bis 1963) und Helmut Kohl (1982 bis 1998), auch von Staatssekretären, Staatsanwälten, einem Präsidenten des Bundesarchivs.

2. Cum-Ex und Hopps genommen

Foto: Andreas Arnold / dpa

Der Cum-Ex-Skandal ist der der größte organisierte Steuerbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik, dafür kommt die juristische Aufarbeitung nur schleppend voran. Zwar stellte der Bundesgerichtshof 2021 klar, dass solche Geschäfte als Steuerhinterziehung zu bewerten sind. Die Zahl derer, die zu Haftstrafen verurteilt wurden, bleibt aber erstaunlich klein. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt erhob bislang sieben Anklagen; zwölf Beschuldigte wurden teilweise rechtskräftig verurteilt.

Bei Cum-Ex ließen sich Investoren Steuern auf Dividenden erstatten, die nicht gezahlt worden waren. Die Geschäfte erreichten zwischen 2006 und 2011 ihren Höhepunkt und verursachten nach Schätzungen Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe.

Jetzt hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat Anklage gegen vier ehemalige Commerzbank-Mitarbeiter wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung erhoben. Zwei Briten, ein Deutscher und ein US-Amerikaner sollen einen Steuerschaden von mehr als 20 Millionen Euro verursacht haben.

Die Vorwürfe betreffen Aktiengeschäfte aus dem Jahr 2008. Die Banker sollen die Transaktionen gemeinsam entwickelt, genehmigt und umgesetzt haben. Die Commerzbank erklärte, sie sei nicht Verfahrensbeteiligte und äußere sich nicht zu Verfahren gegen Dritte.

Als ob die das auf eigene Rechnung gemacht hätten.

3. Das eine Thema ist durch, viele andere warten noch

Foto:

HC Plambeck / DER SPIEGEL

Der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf wurde übel mitgespielt, als rechtspopulistische Medien vor einem Jahr eine Kampagne starteten, um sie als Kandidatin für das Amt der Richterin am Bundesverfassungsgericht unmöglich zu machen. Die Operation verfing, bis weit in die Unionsfraktion hinein glaubte man den teils hanebüchenen Schmarrn, der über sie verbreitet wurde. Am Ende zog die von der SPD nominierte Frau entnervt zurück.

Inzwischen hat sich der Sturm gelegt. Wohl auch in ihr. Brosius-Gersdorf kehrt auf die Bühne zurück und sagt, sie wolle sich wieder an öffentlichen Debatten beteiligen. »Ich habe die Rechtswissenschaft, meine Forschung und Lehre zurück. Und ich werde mich weiter mit Vorschlägen zur Verbesserung des Rechtssystems öffentlich einbringen«, sagt die Potsdamer Professorin im Gespräch  mit meinen Kolleginnen Marina Kormbaki und Juliane Löffler.

Einige ihrer Gegner hätten es wohl gern gesehen, wenn sie sich nach der abgesetzten Richterwahl zurückgezogen hätte. Aber: »Da ist noch etwas, das Sie Widerstand nennen können oder Trotz. Nach dem Motto: Jetzt erst recht.« Damals seien viele Eltern an sie herangetreten und hätten gefragt: ›Soll ich meinen Töchtern sagen: Sei leise, bleib der Öffentlichkeit fern?‹ »Denen möchte ich sagen: Nein, sonst ändert sich nichts am Umgang mit Menschen und insbesondere mit Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen«, sagt Brosius-Gersdorf.

Kommt eine erneute Kandidatur für ein Richteramt infrage? Ihre Antwort: »Ich denke, das Thema ist durch.«

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Berliner Justizsenatorin bittet Universität nach Plagiatsvorwürfen um Prüfung ihrer Dissertation: Einen Monat vor der Wahl in Berlin gibt es Plagiatsvorwürfe gegen Justizsenatorin Felor Badenberg. Die CDU-Politikerin hat nun die Universität Köln gebeten, ihre Doktorarbeit aus dem Jahr 2005 zu überprüfen.

  • Atomkraftwerk Saporischschja verliert letzte externe Stromleitung: Das von Russland besetzte Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine ist auf Notstromaggregate umgeschaltet worden, nachdem eine Hochspannungsleitung beschädigt wurde. Dadurch verlor die Anlage die externe Stromversorgung.

  • Angriff auf syrischen Militärflugplatz – Netanyahu spricht von »Warnung« an die Türkei: Am Dienstag wurde ein verlassener syrischer Luftwaffenstützpunkt bombardiert. Nun bekennt sich Israel zu dem Angriff. Premierminister Netanyahu will gegenüber Ankara Härte zeigen. Ein US-Vertreter zeigt sich verstimmt.

Mein Lieblings-Gastbeitrag heute: Das Echo des SPIEGEL

Als Rudolf Augstein 1946 einen neuen Namen für sein Magazin benötigte, schwankte er zwischen »Das Echo« und »Der Spiegel«. Er fragte seinen Vater um Rat. Der entschied sich für »Der Spiegel« – damit war der Name gesetzt. Über Jahrzehnte hielt das Blatt der Gesellschaft den Spiegel vor, und nicht selten polarisierte es. So auch in der vergangenen Woche mit dem Cover über den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Bundesweit wurde anschließend die Entscheidung, ihn zur Titelfigur zu machen, diskutiert. Die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach hält nun dem SPIEGEL den Spiegel vor. Sie findet, die Redaktion hätte »eine große Chance vertan« . Ganz gleich, wie man zu ihrer Meinung steht: Es gehört zu einem guten Diskurs, dass der SPIEGEL, der von ihr hart kritisiert wird, auch ihren Beitrag veröffentlicht.

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

Dominic Lipinski / dpa

Take The Long Way Home: Prinz Harry, 41 und seine Frau Meghan, 45, zieht es zurück nach Großbritannien. Prinz Archie, 7, und Prinzessin Lilibet, 5, sollen schon im September das Schuljahr in Großbritannien beginnen. Die Rückkehr ist die jüngste Volte in einer Geschichte, deren vorläufiger Höhepunkt mit dem »Megxit« einen eigenen Namen bekam. Meine Kollegin Charlotte Lüder hat die never ending Story vom ersten Blind Date über diverse Enthüllungen bis zur Rückkehr nachgezeichnet: Szenen einer royal verworrenen Familienfehde. 

Aus der »Tagesschau«-App

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Cartoon des Tages: Pegelstände

Niedrigwasser bringt Rheingold zutage. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Helena Baumeister / DER SPIEGEL

Foto:

Sammy Hart / Pandora Film

Könnten Sie ins Kino gehen? Heute läuft »Spaziergang nach Syrakus« mit Charly Hübner, Lina Beckmann und Thorsten Merten in den Hauptrollen an. Der Rostocker Kellner Paul Gompitz (Charly Hübner) versuchte in den Achtzigerjahren das auf Sizilien gelegene Syrakus zu besuchen. Den Namen kannte er freilich nur aus der Erzählung von Friedrich Christian Delius. Sein Versuch gelang, nach der Reise wollte er unbedingt wieder in die DDR zurückkehren. Mein Kollege Lars-Olav Beier schreibt in seiner Rezension , der 53-jährige Hübner sei ein Schauspieler, dem man immer gern bei der Arbeit zuschaut, egal, wen er darstellt. »Der Film ist sympathisch und hat eine ebenso amüsante wie bittere Pointe.«

Ich wünsche Ihnen einen heiteren Abend. Herzlich

Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts

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