Die traditionsreichen Wittener Tage für neue Kammermusik finden vom 24. bis zum 26. April erstmals unter der Leitung von Anselm Cybinski statt, der zuvor für den Heidelberger Frühling tätig war. Wir sprachen ihn vorab.
Patrick Hahn, Ihr Vorgänger als WDR-Redakteur für Neue Musik, hat das diesjährige Programm der Wittener Tage für neue Kammermusik noch vorbereitet. Man findet Namen wie Chaya Czernowin, Enno Poppe, Johannes M. Staud, die auch in Donaueschingen, beim Eclat-Festival und bei Ultraschall dominieren. Wird das bei Ihnen so bleiben?
Im Grundsatz ja. Meine Definition von Kammermusik lautet: dichte Interaktion in kleinem Personenkreis. Ich suche genreoffen nach einer Interaktion, die diese Diskursform sehr ernst nimmt. Im Programm für 2027, das ich selbst plane, wird auch Jazz eine Rolle spielen. Dazu gibt es Besetzungsvarianten, die bis zum Orchester reichen. Das ergibt sich bei der Kooperation zwischen dem Westdeutschen Rundfunk und der Stadt Witten über die enge Verbindung zum WDR-Sinfonieorchester, einem der besten Klangkörper für Zeitgenössisches überhaupt. Die bedeutenden Namen der Gegenwartsmusik werden hier weiterhin vertreten sein. Trotzdem suche ich in alle Richtungen und lasse mich von vielen Seiten her anregen. Vor allem höre ich genau zu, wenn mir Leute Dinge empfehlen oder vorschlagen. Das soll künftig auch ein bisschen aus dem zentraleuropäischen Fokus herausgehen. Und es soll sich ein Publikum angesprochen fühlen, das vielleicht nicht strikt über Neue Musik sozialisiert ist. Wir müssen die Menschen, die an Politik, Literatur, Theater, Architektur interessiert sind, auch dafür gewinnen, an den wichtigen Themen der neuen Kammermusik teilzuhaben.
Das Motto dieses Jahres lautet „Gegenwart. Unentrinnbar“. Gegenwart ist für uns alle unentrinnbar. Was soll das für neue Kammermusik bedeuten?
Etwas sehr Konkretes. Als ich im November zu den Komponierenden Kontakt aufnahm, stellte ich fest, wie stark die Politik von der Seite hineinspielte, wenn es darum ging, bestimmte künstlerische Entscheidungen zu begründen. Dabei erschien die Unterscheidung zwischen engagierter und autonomer Kunst völlig obsolet zu werden. Die Menschen wollen gern anspruchsvolle, interessante Musik schreiben, die sich der Alltagswirklichkeit auch mal entzieht, aber ohne große Absicht schleicht sich diese Wirklichkeit wieder in die Kunstwerke ein. Die Musik der Gegenwart entsteht nicht nur heute, sie handelt auch vom Heute. Nun haben wir Leute aus Israel, Iran, Russland und Österreich dabei, die jeweils aus anderen Gründen und mit anderen Verfahren diese politischen Betrachtungen in ihre Werke einfließen lassen.
Wie eng ist denn dieser Nexus zwischen den Kunstwerken von Chaya Czernowin, Amen Feizabadi, Dmitri Kourliandski und Johannes Maria Staud zur politischen Wirklichkeit tatsächlich? Beethovens Rasumowski-Quartette kann ich ja auch hören, ohne an die Diplomatie Zar Alexanders I. denken zu müssen.
Ich kann da nur die Aussagen der Komponisten selbst wiedergeben: Alles, was Kourliandski methodisch und strukturell codiert hat, hat ziemlich direkt mit seinem eigenen Leben zu tun. Er musste, so erzählt er es selbst, 2022 Russland schnell verlassen, weil er an Anti-Putin-Demonstrationen teilgenommen hatte und seine Frau eine bedeutende politische Journalistin ist. Chaya Czernowin sagt, wie sehr sie als Israelin unter dem Krieg in Gaza leidet und sich innerlich von ihrem Land scheiden muss. Staud begründete die Zuwendung zur Farbe Blau in „Jagende Wolken, blendendes Blau“ mit den Wahlerfolgen der FPÖ in Österreich. Und Feizabadi sagt explizit: „Ich muss in Teheran sein, wenn ich meine Musik schreibe. Das, was da passiert, schneidet mir ins eigene Fleisch.“ Die alten Metaphern des Sufi-Mystikers Rumi aus dem 13. Jahrhundert sind für ihn Vehikel der eigenen Unfreiheitserfahrung. Und doch scheuen alle davor zurück, zu sagen: „Das bedeutet jetzt dies.“ Das wäre ja platt und ästhetisch unterkomplex.
Ihr Festival aber vermeidet eine Positionierung zu den politischen Konflikten?
Auf jeden Fall. Das ist auch nicht unsere Aufgabe in einer so dramatischen Entwicklung wie im Augenblick. Staud hat sehr schön gesagt, dass sich die Kunst, die sich einer Agenda anbequeme, sehr viel kleiner mache und schnell von der Wirklichkeit überholt würde. Und Kourliandski hat recht, wenn er anmerkt, politische Äußerungen in der Kunst ästhetisierten die Politik. Mit neuer Kammermusik wird sicherlich kein Einfluss aufs Weltgeschehen genommen – aber vielleicht kommt über sie ein Bewusstwerdungsprozess in Gang.
Sie verlangen auch den Künstlern keine Bekenntnisse ab?
Ich persönlich fände das falsch und gefährlich. Das käme einer Instrumentalisierung von Kunst gleich. Sollten wir Positionen vorfinden, die völkerrechtswidrig oder nicht verfassungskonform wären, müsste man natürlich sofort einschreiten. Aber was wir hier, einer emphatischen Idee von Kammermusik folgend, leisten können, ist eine Auseinandersetzung mit all diesen Fragen in deren ganzer Vielschichtigkeit. Das muss von uns nicht auktorial vorgegeben werden. Die Leute, die hier zusammenkommen, sind ja mündige Menschen.
Die Fragen stellte Jan Brachmann.

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