Haben wir uns geirrt? Wurde Mozart gar nicht in Salzburg geboren – sondern in Brasilien? Amitai Kurtz jedenfalls tritt dieser Tage an, um den Beweis zu erbringen, mit einem Sound, der Social Media aufhorchen lässt und jetzt vielleicht auch den Rest der Musikwelt.
Donnerstag, 18. Juni 2026. Ein Video geht online auf Tiktok & Instagram. Eigentlich sollte es nur ein Promotion-Clip sein, ein Werbevideo für Social Media. Doch dann entscheidet sich der israelische Arrangeur, Bandleader und Multiinstrumentalist Amitai Kurtz spontan um und nimmt mit seinen Kollegen eine Melodie von Chopin auf – das berühmte Nocturne in Es-Dur, Op. 9 Nr. 2 –, aber in einem vielleicht nicht so naheliegenden Stil: als Samba.
„Es war völlig spontan, wir haben es im Garten von Omer, dem Schlagzeuger, gefilmt“, sagt Kurtz einem Onlineportal. „Innerhalb weniger Stunden ging es viral, auch Brasilianer meldeten sich und schrieben, das würdige ihre Musik.“ Heißt: Aus einigen Hundert Menschen, die es angezeigt bekommen haben, werden erst 1000, dann 100.000, schließlich steigen die Aufrufe in die Millionen. „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt“, sagt Kurtz.
Er ahnt zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht, dass auch die zugrunde liegende Social-Media-taugliche Formatidee verfängt: Gleich das erste Video hatte er übertitelt mit: „Chopin, but he was born in Brazil.“ Er arrangiert, interpretiert, transkreiert Chopin so, dass sich dessen Melodie anhört, als wäre sie bereits ein lateinamerikanischer Klassiker, letztlich: als sei dieser Chopin „in Brasilien geboren“ worden. „Vor zwei Jahren war ich in Brasilien, und schon davor war ich verrückt nach Samba“, ergänzt der Musiker.
Natürlich ist die Idee eines Klassik-Jazz-Latin-Crossovers keinesfalls neu, und der israelische Musiker steht damit in einer Art Tradition etwa von Jacques Loussier („Play Bach“) oder Eugen Cicero („Rokoko Jazz“). Doch Amitai Kurtz wiederum eröffnet der schnelllebigen Social-Media-Welt diese Form des Crossovers auf eine neue Art in kleinen Videos. „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Kombination aus Samba und klassischer Musik ankommen würde, das ist ziemlich nischig.“
Aber Kurtz macht weiter, postet seine Kompaktversionen – manche nur rund 30 Sekunden lang: Bachs „Badinerie“ ist dabei, ebenso die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ oder Vivaldis „Frühling“ aus den „Vier Jahreszeiten“. Video um Video wird zum Erfolg.

Tschaikowskys „Schwanensee“ erreicht schließlich, bei Instagram & Tiktok zusammengerechnet, über neun Millionen Aufrufe. Wobei die Stücke, die Kurtz gemeinsam mit seinen Kollegen, darunter Omer Pank an den Drums und Tom Pfeifel am Bass, neu interpretiert, für diese Transformation in Samba und Co. allesamt wohlgewählt erscheinen. „Ich glaube, der Groove ist in diesen Werken schon da. Nicht jedes Werk funktioniert mit dem Samba-Rhythmus; bei denen, die es tun, passt es wie angegossen.“
Am 30. Juli 2026 schließlich postet der Musiker: „Ihr habt nach einem Album gefragt, ihr bekommt eins.“ Das erscheint tatsächlich schon am 18. August auf Amazon Music, Spotify, Apple Music und weiteren Plattformen. Es heißt genauso wie die Idee der Videos selbst: „But He Was Born in BRAZIL“, und wird präsentiert vom „Amitai Kurtz SAMBA PROJECT“.
Hörerinnen und Hörer erwartet exakt das, was in Videoform bereits begeistert hat: die ausgewählten Werke der klassischen Musik, perfekt rhythmisch akzentuiert in der Kurtz-Version, pardon: der Langfassung. Hochwertig produziert, leicht wie eine Feder swingend tänzeln sie dahin. Sie grooven überzeugend zwischen Samba, Bossa Nova und Jazz – mit einer gehörigen Portion Joie de vivre.
Ende gut, alles gut? Wollte man heute eine Social-Media-Bilanz der zurückliegenden knapp neun Wochen ziehen, kann man nicht umhinkommen, festzustellen, dass es funktioniert: über 41 Millionen Aufrufe auf Instagram, mehr als acht Millionen Aufrufe auf Tiktok, Tausende Kommentare, zusammengerechnet fast 200.000 Follower, ein neues Album, globale Sichtbarkeit. „Im Moment sind wir international unterwegs, und ich bekomme Angebote von Festivals aus aller Welt“, sagt Kurtz.
So wird das Projekt ebenso zum Lehrstück darüber, wie es heute gelingen kann, durch Social Media die eigene Kunst direkt zu interessierten Menschen zu bringen. Und ihnen in diesem Fall zu versichern: In so manchem Werk von Mozart, Beethoven oder Bach schlägt eigentlich auch ein Samba-Herz. Und damit lässt sich das digitale Publikum überraschend erfolgreich für die Klassiker begeistern.

vor 7 Stunden
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