Auftragsmörder sollen einen ukrainischen Politiker in Madrid erschossen haben. Ein mutmaßlicher Täter wurde in Heinsberg festgenommen. Die Spuren führen nach Moskau.
31. März 2026, 8:08 Uhr
Das ist sie also, die Holzbank am Busbahnhof von Heinsberg, auf der der mutmaßliche Mörder seine Tage verbracht haben soll. Ein angebissener Döner liegt darauf, Graffiti von Mönchengladbach-Ultras säumen die Glasscheibe dahinter, es riecht nach Urin.
Auf dieser Sitzbank im tiefen Westen der Republik traf sich der arbeitslose Alexander A. oft mit seinem besten Freund. Hier löste der Ukrainer seine Hausaufgaben für die Sprachschule, trank Bier und kiffte, erzählen Bekannte. Bis zu einem Nachmittag vor wenigen Wochen. An einem Mittwoch Ende Februar tauchten plötzlich Vermummte auf, als A. seinen Wagen gerade geparkt und den Busbahnhof betreten hatte. Nur wenige Meter von seiner Stamm-Bank entfernt zogen sie ihm eine Augenbinde über den Kopf, drückten ihn zu Boden und fesselten ihn mit Kabelbindern.
Die Szene erinnerte Augenzeugen an die Festnahmen der Abschiebebehörde ICE in den USA. Das zeigen auch Videos und Fotos, die der ZEIT exklusiv vorliegen. Aber es handelte sich um einen Einsatz der Kriminalpolizei sowie von Spezialeinheiten der nordrhein-westfälischen Polizei zusammen mit spanischen Polizisten. Ein Dutzend Beamte in Jeans und Hoodies waren an diesem Tag in Heinsberg zivil im Einsatz. Viele trugen Sturmhauben oder Basecaps und ein Tuch bis über den Mund gezogen. Andere hatten sich mit schusssicheren Westen geschützt, auf denen "Polizei" oder "Policia Nacional" stand.
Während des Einsatzes nahmen die Beamten fälschlicherweise auch einen unbeteiligten jungen Mann fest. Der ZEIT schilderte er, wie sie sein Gesicht auf den Asphalt drückten, ihm eine Augenmaske überstülpten und mit Kabelbindern fesselten. Er wurde dabei an Knie und Armen verletzt und kämpft bis heute mit den psychischen Folgen des Einsatzes. Nach Informationen der ZEIT ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen deswegen nun wegen möglicher Körperverletzungs- und Amtsdelikte gegen die Beamten.
Schließlich aber nahmen sie auch den Ukrainer Alexander A. fest; nur Minuten später wurde er in einem zivilen Kombi abtransportiert. Auf dem Parkplatz des Busbahnhofs blieb nur sein schwarzer Mercedes C 200 zurück. Und ein schwerer Verdacht.
Die spanischen Ermittler werfen dem sportlichen 45-Jährigen vor, der Mörder von Andrij Portnow zu sein. Portnow war ein ehemaliger Spitzenpolitiker aus der Ukraine, der im vergangenen Mai von einem Killerkommando in einem Vorort von Madrid getötet worden war. Neun Schüsse trafen ihn, unter anderem im Rücken und im Kopf, nachdem er gerade seine Töchter in die American School gebracht hatte.
Wegwerf-Agenten im Auftrag Russlands?
Alexander A. soll sich nach der Tat nach Deutschland abgesetzt haben. In seiner Wohnung in Heinsberg fanden Polizisten neben einer Hanfplantage angeblich auch die Mordwaffe, mit der Portnow erschossen wurden sein soll. Das berichtete zuerst die Aachener Zeitung. Weder die Polizei, die zuständige Generalstaatsanwaltschaft Köln, Stadt und Landkreis noch das spanische Untersuchungsgericht Nr. 1 von Pozuelo de Alarcón, das die Ermittlungen führt, wollten Details zur Festnahme und dem Fall selbst bestätigen.
Die ZEIT hat mit einem Mann gesprochen, der behauptet, Alexander A.'s bester Freund in Heinsberg gewesen zu sein, außerdem mit seinem Vermieter und Mitarbeitern von Behörden in Deutschland und der Ukraine. Legt man die Puzzleteile nebeneinander, entsteht das Bild eines Auftragsmordes; ausgeführt von einem sogenannten Wegwerf-Agenten, einem Kleinkriminellen mit Verbindungen nach Moskau.
In Deutschland sind in den vergangenen Jahren wiederholt mutmaßliche Wegwerf-Agenten im Auftrag Russlands festgenommen worden – also Personen ohne offiziellen Geheimdienststatus, die für riskante, kurzfristige Operationen angeworben werden. Vergangenes Jahr wurde beispielsweise ein Deutschrusse in München verurteilt, der Sprengstoffanschläge auf einen Nato-Truppenübungsplatz und Industrieanlagen in Bayern geplant hatte. Und in Stuttgart stehen derzeit drei ukrainische Männer vor Gericht, die Anschläge mit Paketbomben in Frachtflugzeugen geplant haben sollen. Der Kopf dieser Sabotageoperation soll ein Ukrainer gewesen sein, der aus dem heute von Russland besetzten Teil der Ostukraine stammt.
Noch nie wurde jedoch in Deutschland ein sogenannter low-level agent festgenommen, dem ein Mord im Auftrag Russlands vorgeworfen wird.
Der mutmaßliche Täter Alexander A. wurde 1981 in Schachtarsk im Osten der Ukraine geboren. Die Bergbaustadt liegt in der Region Donezk, die seit 2014 russisch besetzt ist. Sie gilt heute als Hochburg der separatistischen sogenannten Volksrepubliken im Donbass. Als junger Mann handelte A. mit Kraftstoffen. Mehrmals geriet er in den vergangenen Jahren in Konflikt mit dem Gesetz: Er soll illegal Schusswaffen und Granaten besessen und Marihuana angebaut haben sowie unter Drogeneinfluss Auto gefahren sein, berichten ukrainische Medien. Außerdem soll A. wiederholt Drogen aus Russland in die Ukraine geschmuggelt haben. Für einige dieser Delikte wurde er angeklagt, verurteilt wurde er aber nur für den illegalen Anbau von Cannabis.
Bereits 2011 soll Alexander A. auch Mitglieder einer kriminellen Bande in der Ostukraine an die Polizei verraten haben. Das mafiöse Netzwerk war in Drogenhandel, Schutzgeld-Erpressungen und in der Kohleindustrie involviert – und mit prorussischen Separatisten verbunden. Bereits vor 20 Jahren war Alexander A. zusammen mit seinem Bruder Veli wegen Kohleabbaus in einer Kopanka, einer illegalen Untertagemine, verurteilt worden. Auch sein drei Jahre jüngerer Bruder soll als einer von drei Tätern am Mord an dem Politiker Portnow beteiligt gewesen sein.
Sowohl Alexander A. als auch sein Bruder sollen Kontakte nach Russland und zu prorussischen Organisationen in der Ostukraine unterhalten haben. Laut ukrainischen Strafverfolgungsbehörden stand A. bereits ab 2013 regelmäßig in Austausch mit einem Mitglied der Union der Donbass-Freiwilligen – einer separatistischen Gruppe von Söldnern, die in der Ostukraine für Russland kämpften, berichtet die Ukrainska Pravda. A. soll zudem russische Telefonnummern genutzt haben und vor sechs Jahren nach Russland gezogen sein. Auch einen russischen Pass soll Alexander A. mittlerweile besitzen.
Die gesamte Familie von Alexander A. scheint Russland politisch nahezustehen. Seine Tochter Lyana soll im russisch besetzten Gebiet der Region Luhansk leben und aktives Mitglied der Medizinischen Freiwilligen sein, einer Gemeinschaft, die Unterstützer der Besatzer fördert. Sein Bruder Veli, der der Beihilfe zum Mord an Portnow verdächtigt wird, soll sich mit seiner Familie in Moskau versteckt halten.
In Deutschland fiel Alexander A. laut Aussagen russisch-stämmiger Bekannter nicht durch Putin-freundliche Aussagen auf. Über Politik soll er nie gesprochen haben, nur darüber, dass er gegen den Krieg sei. Der Alex, wie er in Heinsberg genannt wurde, trainierte vormittags oft seine Muskeln und boxte in einem Fitnessstudio. Am Nachmittag besuchte er eine Sprachschule, um nach bestandener Prüfung einen Job bei einem Security-Unternehmen zu beginnen. Nach Heinsberg soll Alexander A. bereits 2022 gekommen sein, bis heute hatte er jedoch nur wenig Kontakt zu Einheimischen und führte auch keine Beziehung. Die Nachmittage verbrachte er oft mit einem Freund am Busbahnhof auf der Holzbank an der Haltestelle.
Auch wenn die spanischen Ermittler nun den mutmaßlichen Tätern des Mordes an dem ukrainischen Politiker Andrij Portnow näher gekommen zu sein scheinen, bleibt das Motiv nebulös: Der getötete 51-jährige Jurist galt selbst als prorussisch. Von 2010 bis 2014 war er Vize-Stabschef des damaligen russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Nach dessen Sturz lebte Portnow im russischen Exil und kehrte kurz vor dem Wahlsieg von Wolodymyr Selenskyj 2019 in die Ukraine zurück. Nach dem russischen Einmarsch 2022 verließ der mehrfache Familienvater das Land wieder – diesmal nach Spanien. Portnow wurde von der Europäischen Union zwischen 2014 und 2015 wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Menschenrechtsverletzungen mit Sanktionen belegt. Darüber hinaus warfen ihm die Vereinigten Staaten vor, seinen Einfluss genutzt zu haben, um sich Zugang zu ukrainischen Gerichten und deren Entscheidungen zu verschaffen und Reformbemühungen im Land zu behindern.
Seinem mutmaßlichen Mörder Alexander A. soll nun der Prozess in Spanien gemacht werden. A. sitzt derzeit in Auslieferungshaft in Köln. Die Unterstützung des ukrainischen Konsulats hat er abgelehnt.
Mitarbeit: Kai Biermann, Sascha Venohr

vor 3 Stunden
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