Die Recherche von „Frag den Staat“ dürfte nicht weiter kompliziert gewesen sein. In einem Artikel berichtet das Portal, dass Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) in mehreren seiner Ansprachen auf von Künstlicher Intelligenz generierte Inhalte zurückgegriffen haben soll. Enttarnt hat „Frag den Staat“ die KI-Sprache mit KI. Relevant ist die Recherche unabhängig vom Zeitaufwand aber in jedem Fall.
Und wie reagiert Voigt? Er versteht die Aufregung nicht. Natürlich würden seine Reden in der Staatskanzlei vorbereitet, sagte Voigt am Dienstag beim Thüringer Landesfest in Berlin dem Tagesspiegel. „Wenn es wirklich einzelne Passagen gab, die auch mithilfe von KI erstellt worden sind, dann werde ich dafür keinem den Kopf abreißen. Grundsätzlich halte ich aber sowieso fast alle meiner Reden frei.“ Auf die konkret in Rede stehenden Ansprachen ging er nicht ein.
Auf den ersten Blick wirkt diese Reaktion auf den Vorwurf entwaffnend. Demnach ist die Verwendung von KI in der Thüringer Verwaltung ohnehin normal und erwünscht. Deshalb erkennt der Regierungschef nun – wie zuvor schon seine Staatskanzlei auf Tagesspiegel-Anfrage nach einem ähnlichen Verdachtsfall – kein Problem darin, wenn es bestimmte KI-Formulierungen in seine Reden und Texte schaffen.
Dass er im KI-Einsatz keinen Verstoß gegen die intellektuelle Redlichkeit sieht, verwundert angesichts seiner Biografie. Nach einer Überprüfung von Plagiatsvorwürfen hat ihm die Technische Universität Chemnitz seinen Doktortitel entzogen. Dagegen geht Voigt vor. Ein Plagiat will er sich demnach nicht vorwerfen lassen.
Plagiate sind auch deshalb geächtet, weil man sich damit das geistige Eigentum anderer aneignet. Aus Voigts Sicht gibt es dieses Problem bei der Verwendung von KI anscheinend nicht. Unabhängig davon, wie man diese Frage beantwortet, ist es allerdings problematisch, wenn ein Ministerpräsident immer wieder auf Maschinensätze zurückgreift.
Die demokratische Debatte darf nicht von Maschinen geführt werden.
Caspar Schwietering
So steht der Verdacht im Raum, dass es in einem teilweise mithilfe von KI erstellten „FAZ“-Gastbeitrag erfundene Zitate von Wissenschaftlern gibt. Das wäre eine Irreführung der Leser.
Darüber hinaus fragt man sich, wer lesen will, welche Antwort die KI auf einen Prompt von Mario Voigts Mitarbeitern gegeben hat. Die demokratische Debatte darf nicht von Maschinen geführt werden. In der Erfurter Staatskanzlei sieht man Beiträge dazu offenbar als lästige Pflicht. Das lässt tief blicken.
Die „FAZ“ hat den Text über Social-Media-Sperren für Kinder und Jugendliche aus dem Netz genommen. „Bei Gastbeiträgen verlassen wir uns darauf, dass sie menschengemacht sind und die Zitate stimmen“, schreibt die Zeitung. Die Antworten von Mario Voigts Mitarbeitern auf Fragen dazu genügten ihr nicht.
Maschinen-Antwort auf den Holocaust
Laut „Frag den Staat“ nutzte Voigt KI-Sätze auch, um in einem Gedenkakt an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Ein Ministerpräsident ließe sich demnach Worte der Anteilnahme und der Scham angesichts des von Deutschen verübten schlimmsten Verbrechens der Menschheit von einer Maschine in den Mund legen.
Angesichts dessen ist Voigts nonchalanter Umgang mit den Vorwürfen seltsam. Er gibt damit zu erkennen, dass er der Macht seiner Worte als oberster Repräsentant von rund zwei Millionen Thüringerinnen und Thüringern offensichtlich keine große Bedeutung zumisst.
Dabei gehört es zu den wichtigen Aufgaben eines Ministerpräsidenten, zu einem solchen Anlass die richtigen Worte zu finden. Ein Politiker sollte das nicht nur als lästige Routine sehen, die man an eine Maschine delegieren kann.
Ein Ministerpräsident muss eine solche Rede nicht selbst schreiben. Aber zusammen mit seinen Mitarbeitern sollte er darum ringen, an einem solchen Tag die passende Antwort auf die unerträgliche Frage nach dem „Warum“ zu geben.
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