Mary Rand: Das »Golden Girl« der britischen Leichtathletik - Nachruf

vor 2 Stunden 1

Am Tag ihres größten sportlichen Triumphs gab es für Mary Rand Hühnchen und Kuchen zum Mittagessen.

Stunden später gelangen ihr bei den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio fantastische 6,76 Meter im Weitsprung. Die Goldmedaille mit einer Weltrekordweite.

Rand war damit die erste britische Olympiasiegerin in der Leichtathletik.

Rand (r.) mit ihren Staffelkolleginnen

Rand (r.) mit ihren Staffelkolleginnen

Foto: Anonymous / AP

Bereits vier Jahre zuvor war sie in Rom als Favoritin in den olympischen Wettkampf gegangen. Doch der damals 20-Jährigen versagten die Nerven. Nach zwei ungültigen Versuchen reichte es nur noch zu Platz neun.

Bei ihrem zweiten Start über die 80 Meter Hürden landete sie nur knapp hinter der Deutschen Gisela Birkmeyer auf Rang vier. Ohne Medaille und tief enttäuscht endete ihr erstes olympisches Abenteuer.

Was in Rom noch schiefging, klappte vier Jahre später in Tokio. Neben dem Gold im Weitsprung holte sie noch Bronze mit der Sprintstaffel und Silber im Fünfkampf.

Rand 1965

Rand 1965

Foto: Express / M. Stroud / Hulton Archive / Getty Images

Dort musste sie sich der Sowjetrussin Irina Press geschlagen geben, die gemeinsam mit ihrer Schwester Tamara die Leichtathletikszene dominierte – und Zeit ihrer Karriere mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, keine biologische Frau oder mit männlichen Hormonen gedopt worden zu sein.

Als 1966 verpflichtende Geschlechtsüberprüfungen eingeführt wurden, beendete Press ihre Karriere auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit – mit 26 Jahren.

Als Amateurin ohne Vermarktungsmöglichkeit

Für die junge Mutter Rand, die ihre kleine Tochter im olympischen Gemeinschaftszimmer in den Schlaf sang, sollte sich aber bereits durch diesen einen Olympiasieg vieles ändern. Aufgrund ihrer sportlichen Eleganz wurde sie schnell zum »Golden Girl« ihrer Epoche und zum »Traumdate« des Rolling-Stones-Sängers Mick Jagger.

»Ich habe ihn zwar nie persönlich getroffen, aber als man ihn fragte, mit wem er gern ausgehen würde, sagte er, dass er mich wählen würde«, erzählte Rand später.

Vor den Spielen in Mexiko musste Rand ihre Kariere beenden

Vor den Spielen in Mexiko musste Rand ihre Kariere beenden

Foto: PA Wire / empics / picture alliance

Heutzutage hätte eine Athletin wie Rand mit ihrem Sport wohl ausgesorgt, damals waren alle Türen für eine finanzielle Vermarktung verschlossen. Olympische Sportler waren Amateure, für Starts bei Sportfesten erhielt selbst Goldmedaillengewinnerin Rand kein Geld.

Doch auch ohne Antrittsgelder sollte sich ihr Leben ändern: Vor ihrem Olympiasieg hatte sie für zehn Pfund pro Woche in der Postabteilung der Guinness-Fabrik gearbeitet, ein kostenloses Mittagessen und ein Pint inklusive. Danach war sie plötzlich Stargast beim Filmfestival in Cannes und erhielt Angebote für die Darstellung eines »weiblichen James Bonds«.

Rand lehnte ab. Sie wollte weiter Sportlerin bleiben und ihren Olympiasieg wiederholen.

Kurz vor den Spielen 1968 in Mexiko-City riss ihre Achillessehne. Die Karriere war beendet. Mit 28 Jahren.

Rand 2012

Rand 2012

Foto: David Ashdown / Getty Images

Ein Jahr später zog sie mit ihrem damaligen Gatten, dem Zehnkampfolympiasieger Bill Toomey, in die USA. Rand zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, die Erinnerung an die Spiele von Tokio und die Ausnahmesportlerin Rand blieb.

Erst 2024 in Paris sollte mit der Radsportlerin Emma Finucane wieder eine Britin drei Medaillen bei einer Ausgabe der Sommerspiele gewinnen.

Mit 86 Jahren ist Mary Rand nun gestorben.

Ihre ehemalige Teamkollegin Ann Packer, die nur Tage nach Rand als zweite Britin olympisches Gold in der Leichtathletik gewann, erinnerte sich an sie: »Mary hatte einfach alles. Sie hatte ihr Talent, sie hatte ihr Aussehen und sie hatte ihre Entschlossenheit. Außerdem war sie innerlich genauso nett wie äußerlich.«

Gesamten Artikel lesen