In Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, geboren, kam Junot Díaz als Sechsjähriger in die USA, wuchs in Paterson, New Jersey, auf und studierte an der Cornell University. 1995 erschien eine erste Sammlung von Erzählungen, 2007 der erste Roman: „The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“, der mehrere Preise erhielt und in der Liste der „New York Times“ unter den hundert wichtigsten Büchern des 21. Jahrhunderts auf Platz elf steht. In der Art der sogenannten Latinx-Literatur, die von englischsprachigen Autoren mit lateinamerikanischen oder karibischen Wurzeln stammt, machte Díaz die existentielle Verunsicherung durch Aus- und Einwanderung und das Trauma der Kolonisation zum thematischen Faden des Romans und verknüpfte persönliche und politische Erfahrungen zu einem gesellschaftskritischen Panorama der verlorenen wie der gewonnenen Heimat.
Einmal nicht die Erstausgabe, sondern eine spätere, die dafür mit Kritikerlob und Pulitzer-Preis-Erwähnung vom Erfolg des Romans kündet: Junot Díaz' „The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“Junot DíazIm Mittelpunkt des Romans steht der titelgebende Oscar, ein schüchterner, einsamer Junge, ein Nerd, der Comics liest und Schriftsteller werden will. Er verliebt sich unglücklich, versucht – erfolglos –, sich umzubringen, wird bei einer Schlägerei schwer verletzt, reist mehrmals in die alte Heimat und wieder zurück und wird schließlich bei einem abermaligen Aufenthalt in der Dominikanischen Republik von Schlägertypen ermordet. So ist Oscars Leben in der Tat kurz – „wundersam“ dagegen nur im Sinne von seltsam.
Oscars Schicksal und dasjenige seiner Familie werden mit historischen Ereignissen in der Dominikanischen Republik – der Diktator Rafael Trujillo kommt sogar als Nebenfigur im Roman vor – und mit der Kolonialgeschichte verwoben. So steht Oscars Familie unter einem unausweichlichen Fluch, dem „fukú americanus“, der „drohendes Unheil, besonders aber den Fluch und das Unheil der Neuen Welt“ meint. Dieser Fluch überführt die Geschichte ins Phantastische: Elemente aus Science-Fiction werden mit solchen der Horror- und der Popliteratur kombiniert, und die Handlung springt zwischen Zeitebenen hin und her.
Hier kommt das Spanglish zu literarischen Ehren
Mehrere Figuren, Oscars Schwester zum Beispiel, erzählen ihre Geschichte in der ersten Person, aber es gibt einen Haupterzähler, der das Geschehen um Oscar schildert und in Fußnoten kommentiert, als handelte es sich um eine Chronik. Aber da ist der ständige Wechsel von einer sachlichen Diktion zu Spanglish, jene lebhafte Umgangssprache aus Englisch und Spanisch, die das Leben zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen und zwei Identitäten ─ der dominikanischen und spanischsprachigen und der amerikanischen und englischsprachigen ─ veranschaulicht.
Dank des hohen Erzähltempos und einer raschen Abfolge von Ereignissen und Konflikten ist der Roman ein regelrechter page turner. Die historischen und gesellschaftspolitischen Bezüge, die die erzählte Zeit stets in Bezug zur Erzählzeit stellen, und die zahlreichen literarischen Anspielungen, die in die Handlung integriert oder zur Charakterisierung der Titelfigur eingesetzt werden, machen ihn zu einem Hauptwerk der Latinx-Literatur und des Magischen Realismus. Und der US-Literaturgeschichte.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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