Leiden Declaration schafft Regelwerk für KI in der Mathematik

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Für bewussten und transparenten Umgang mit Künstlicher Intelligenz bricht die neue Leiden Declaration on Artificial Intelligence and Mathematics eine Lanze. Die Internationale Mathematische Union (IMU) und tausende einzelne Mathematiker haben sich angeschlossen. Am Sonntag wurde die Erklärung am International Congress of Mathematicians (ICM) in Philadelphia offiziell vorgestellt. Das Dokument enthält grundlegende Empfehlungen für Forscher, Organisationen und die öffentliche Hand.

Technische Entwicklungen haben die Mathematik immer wieder beeinflusst. Diesem Umstand widmete sich im September 2025 die Konferenz Mechanization and Mathematical Research des Lorentz Centers der niederländischen Universität Leiden. Dabei kristallisierte sich eine Arbeitsgruppe unter der Leitung Jim Portegies' mit Mathematikern von Universitäten aus Großbritannien, der Niederlanden, Polen, den USA und der Schweiz heraus. Diese Gruppe hat die Leiden Declaration ausgearbeitet.

Sie halten fest, dass Mathematiker die Wahl haben, KI für ihre Forschung zu nutzen oder auch nicht. Unabhängig davon trage jeder Forscher Verantwortung für das Gedeihen der Disziplin. Dabei sei der Faktor Mensch unabdingbar: Einerseits hätten Menschen die Grundlagen für KI-Forschungsergebnisse geschaffen, auch wenn KI mitspielt. Menschen sollten die Lorbeeren ernten, aber auch für die Richtigkeit ihrer Arbeit einstehen. Zudem seien Menschen unabdingbar für das Stellen neuer Fragen und relevanter Forschungsaufgaben.

Die jüngere Entwicklung bei KI bedrohe diese und weitere Grundwerte. Disproportional betroffen seien Studenten und angehende Mathematiker, was die Langzeitperspektive dieser Wissenschaftsdisziplin bedrohe. Nicht zuletzt produziere KI plausible, aber unzuverlässige, ja sogar falsche Thesen, die von korrekten mathematischen Beweisen nur schwer zu unterscheiden seien. Dazu träten fehlende Quellenangaben. Das gefährde das gegenwärtige wissenschaftliche Überprüfungssystem und damit die traditionellen Standards für Richtigkeit, Transparenz und unabhängige Überprüfbarkeit von Beweisen.

Auch Medien bekommen ihren Senf ab: Häufig würden KI-unterstützte Forschungsergebnisse zu vereinfacht und unter zu starker Betonung automatisierter Werkzeuge verbreitet. Beiträge von Menschen fielen dann unter den Tisch. Das könne dem Ruf der Mathematik schaden. Zusätzlich würden bestimmte mathematische Aufgaben in irreführender Weise als Maßstab zur Bewertung großer reasoning models (LRM) herangezogen.

Parallel stecken große Unternehmen viel Geld in die Entwicklung von KI, wobei sie auch mathematische Forschung treiben. Dabei wählten sie Forschungsaufgaben aber danach aus, ob sie zur KI passen, und nicht nach tieferer Bedeutung. In Zeiten schrumpfender Uni-Budgets bedrohe das die Autonomie der Mathematik, zumal Forscher regelmäßig auf Drittmittel angewiesen sind.

Anmerkung: Frei übersetzt

  1. Du sollst Offenlegen, welche Werkzeuge genutzt werden.
  2. Du sollst Überprüfungen unterstützen.
  3. Du sollst die Open-Science-Prinzipien einhalten.
  4. Du sollst für die Korrektheit Deiner Arbeit Verantwortung tragen.
  5. Du sollst den menschlichen Autor hervorheben, nicht die KI.
  6. Du sollst Dich nicht um ordentliche Quellenangaben drücken.
  7. Du sollst Dich am öffentlichen Diskurs beteiligen.
  8. Du sollst Dich über neue Technik am Laufenden halten.
  9. Du sollst neue Mitwirkende willkommen heißen (auch aus anderen Disziplinen).
  10. Du sollst Deine Werkzeuge mit Bedacht wählen.
  11. Du sollst die ethischen Konsequenzen Deiner Arbeit evaluieren und entsprechende Maßnahmen setzen.

Letzteres spricht den Lockruf gut bezahlter Forschungsverträge aus der Privatwirtschaft an. Mathematik sei Grundlage vieler technischer Entwicklungen, die den Alltag erleichtern; sie könne aber auch für Kriegsführung, Unterdrückung, Massenüberwachung oder die Untergrabung der Demokratie eingesetzt werden. Mathematiker sollten sich daher von schädlicher Arbeit zurückziehen. Zur Vorbeugung sollten sie Partnerschaften mit Außenstehenden nur schließen, wenn diese die durch die Leiden Declaration zum Ausdruck gebrachten Werte unterstützen.

  1. Bauen Sie Kompetenzen auf und planen Sie strategisch
  2. Übernehmen Sie die Führung bei der Ausarbeitung von Richtlinien für Überprüfung und Veröffentlichung von Forschungsergebnissen
  3. Halten Sie strenge Standards ein
  4. Schützen Sie Autorenrechte
  5. Bestehen Sie auf angemessener Veröffentlichung (Stichwort: peer review)
  6. Unterstützen Sie öffentliche Forschungseinrichtungen
  7. Schaffen Sie Rahmen für gleichberechtigte Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft! (mit juristischem Beistand und professionellen Verhaltenskodizes)
  8. Ihre Budgets sollen Ihre Werte widerspiegeln
  1. Schützen Sie Autorenrechte
  2. Don't believe the hype (sondern hören Sie auf Experten, darunter Mathematiker)
  3. Regulieren Sie die KI-Branche
  4. Investieren sie in öffentliche Rechner-Infrastruktur

Die Leiden Declaration trifft einen Nerv. Die Internationale Mathematische Union unterstützt die Deklaration offiziell. Zuspruch kommt auch von der britischen Academy for the Mathematical Sciences, der London Mathematical Society, dem Isaac Newton Institute for Mathematical Sciences und diversen Universitäten, darunter der Freien Universität Amsterdam, Eindhovens Technischer Universität, Northwestern, Columbia, Edinburgh und Oxford.

Mehr als 3.000 einzelne Mathematiker aus aller Welt haben das Dokument unterfertigt. Zusätzliche Unterschriften sind online möglich. Auf dem International Congress of Mathematicians wurden vier Fields-Medaillen für Fortschritte in der Mathematik verliehen.

(ds)

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