KZ-Gedenkstätte Neuengamme: »Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen«

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DEIN SPIEGEL: Laut einer Studie weiß fast die Hälfte der jungen Leute nicht, wie viele jüdische Menschen von den Nazis und ihren Helfern umgebracht wurden. Wie kommt das?

Wrochem: Die Menschen, die diese Zeit erlebt hatten und deshalb direkt davon erzählen konnten, sind fast alle verstorben. Auch in den Familien wird weniger darüber gesprochen. Es geht schließlich um die Frage, was die Urgroßeltern gemacht haben. Das ist sehr lange her. Eine weitere Herausforderung: Der Lehrplan im Fach Geschichte ist so voll, dass es schwierig ist, das Thema zu vertiefen.

DEIN SPIEGEL: Oft wird diskutiert, ob Schulklassen verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besuchen sollten. Was halten Sie davon?

Wrochem: Wir freuen uns natürlich über mehr Besuchende, aber ganz wichtig ist es, dass der Besuch im Unterricht gut vor- und nachbereitet wird. Es darf nicht so getan werden, als würde ein zweistündiger Gedenkstätten-Besuch ausreichen – und dann wären die Schülerinnen und Schüler immun gegenüber rechtsextremen Parteien oder judenfeindlichen Gedanken. Aber es kommt nicht nur auf die Schule an. Auch in Firmen oder Fußballvereinen müsste mehr über den Nationalsozialismus gesprochen werden.

Astronautin, Pilot, Tierärztin, Anwalt? Kinder haben viele Berufswünsche. In der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erzählen sie davon. Und ein Berufsberater erklärt, worauf Jugendliche bei der Jobwahl achten sollten. Außerdem im Heft: Bestsellerautorin Katja Brandis spricht im Kinder-Interview über ihre Jugendbuchreihe »Woodwalkers«. Und: Proteste in den USA. Warum so viele Menschen wegen der Einwanderungsbehörde ICE auf die Straße gehen. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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DEIN SPIEGEL: Viele Menschen können sich vorstellen, die AfD zu wählen, eine Partei, die Nazi-Verbrechen verharmlost und die viele für demokratiefeindlich halten. Wie blicken Sie darauf?

Wrochem: In vielen europäischen Ländern gewinnen solche rechtsextremen Parteien an Zulauf. Wir Deutschen haben immer geglaubt, wir wären besser vorbereitet. Weil wir diese gewalttätige Vergangenheit haben. Und weil viel Aufwand betrieben wurde, die Menschen darüber aufzuklären. Dass es jetzt auch in Deutschland so weit ist, ist erschreckend.

DEIN SPIEGEL: Merken Sie das auch bei sich vor Ort?

Wrochem: In ganz Deutschland haben Schmiere­reien, Hitlergrüße und andere Übergriffe an KZ-Gedenkstätten in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Wir haben in der Hamburger Gedenkstätte Notfallknöpfe angebracht, mit denen die Polizei alarmiert werden kann. Und es kommen immer wieder Mitarbeitende zu mir und sagen: »Wir brauchen mehr Sicherheit.« Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen.

Besonders an KZ-Gedenkstätten im Osten Deutschlands häufen sich Schmierereien, wie hier in der Gedenkstätte Buchenwald

Besonders an KZ-Gedenkstätten im Osten Deutschlands häufen sich Schmierereien, wie hier in der Gedenkstätte Buchenwald

Foto: Archiv der Stiftung Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

DEIN SPIEGEL: Was wollen Sie tun, um die Demokratie zu stärken?

Wrochem: Wir können nicht mehr nur darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen. Wir müssen mit unseren Themen auch dorthin gehen, wo wir auf Widerspruch stoßen. Deshalb sind wir auf TikTok, deshalb gehen wir auch in Vereine und Seniorengruppen. Und wir wollen mit Jugendzentren und anderen Einrichtungen in den Stadtteilen arbeiten.

DEIN SPIEGEL: Was wollen Sie den Menschen dort vermitteln?

Wrochem: Wie friedlich und frei wir im Vergleich zur Zeit des Nationalsozialismus leben.

Foto: DEIN SPIEGEL

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