Marie Zachger, 28, klemmt ihr Handy am Stativ fest. Sie postiert sich vor der Kamera und fragt: »Welch eine Entschädigung erhält man für sieben Jahre und einen Monat Gefangenschaft in einem Konzentrationslager?« Marie nimmt ein Video für TikTok auf. Das Ringlicht beleuchtet ihr Gesicht. Im Hintergrund sieht man schemenhaft das Klinkerwerk.
Von 1938 bis 1945 schufteten in diesem Werk Häftlinge des KZ Neuengamme. Sie stellten Klinkersteine für die Stadt Hamburg her. Die hatte unter dem nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler große Pläne. Hamburg wollte eine »Führerstadt« werden: ein Ort mit vielen protzigen Gebäuden, die Hitler gefallen sollten.
Das Klinkerwerk wurde von KZ-Häftlingen errichtet. Auch den Kanal, der zum Werk führte, legten sie an. Und sie mussten den Ton zur Herstellung der Klinker abbauen
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGEL
Als der Zweite Weltkrieg Hamburg erreichte, veränderte sich die Produktion. Jetzt waren nicht mehr Klinker für die »Führerstadt« gefragt, sondern Betonteile, um Wohnungen für Ausgebombte zu bauen
Foto: Archiv der KZ-Gedenkstätte NeuengammeBereits 1933, als sie in Deutschland an die Macht gekommen waren, hatten die Nationalsozialisten begonnen, politische Gegner in Konzentrationslager zu stecken. Dort sollten sie durch Erniedrigung und harte Arbeit gebrochen werden. Ab 1937 wurden vermehrt andere Verfolgte eingeliefert: Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma. Bald kamen die Nazis auf die Idee, dass sie von den Gefangenen wirtschaftlich profitieren könnten. Es entstanden »Arbeitslager« in der Nähe großer Firmen oder von Bauprojekten. So auch in Hamburg-Neuengamme.
Der Alltag im Lager war brutal. Es herrschten Hunger, Kälte, Krankheit und Prügel. Es wird davon ausgegangen, dass knapp die Hälfte der mehr als 100.000 Häftlinge im KZ Neuengamme starben.
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Im Café der Gedenkstätte ist es voll. Mehrere Schulklassen besuchen an diesem Tag das ehemalige Konzentrationslager. 2500 bis 3000 Klassen kommen jedes Jahr. Auch Überlebende und deren Angehörige reisen regelmäßig von weit her an. Die meisten Häftlinge stammten aus der ehemaligen Sowjetunion und den europäischen Nachbarstaaten.
Bei einem Kaffee erzählt die Geschichtsstudentin Marie, wie sie ihre Arbeit in der Gedenkstätte mit einem Praktikum begann. »Die ersten Tage waren merkwürdig«, sagt sie. »Die alltäglichsten Dinge – zum Beispiel mit meiner Lunchbox hier in der Cafeteria zu sitzen – fühlten sich komisch an. Weil an diesem Ort so viele Menschen ums Leben kamen.« Auch das Lachen habe sie sich am Anfang verkniffen. »Natürlich gibt es auch heute noch Momente, in denen mir dieser Ort nahegeht, etwa wenn ich Angehörige von ehemaligen Häftlingen des KZ Neuengamme treffe.« Aber Marie, die neben dem Studium mittlerweile fest angestellt in Neuengamme arbeitet, hat auch gelernt, sich nicht von dem Ort überwältigen zu lassen. Sie lacht viel. Man merkt, dass ihr das Vermitteln von Wissen Spaß bringt.
Marie Zachger macht eine Aufnahme für TikTok. Sie steht auf dem ehemaligen Appellplatz, der die Größe eines Fußballfelds hat. Das gesamte Gelände der Gedenkstätte ist etwa 40-mal so groß
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGEL
Dieses Foto zeigt SS-Wachleute auf einem Innenhof des KZ. Einige der Gebäude wurden nach dem Krieg weitergenutzt. Auf dem Gelände entstanden zwei Gefängnisse. Vor rund 20 Jahren wurden sie verlegt. Seitdem ist der Ort eine Gedenkstätte
Foto: Gedenkstätte Neuengamme / dpaMarie erklärt, wie die Gedenkstätte dazu kam, auf TikTok aktiv zu werden. Im Sommer 2020 machten Videos die Runde, für die sich junge Menschen fahl geschminkt hatten und so taten, als wären sie Holocaust-Opfer. »Problematisch, klar«, sagt Marie. »Aber das zeigte, dass sich auf TikTok Leute mit dem Thema beschäftigen und Informationsbedarf haben.« Bald darauf entstand eine Initiative, die unter anderem von der Hebräischen Universität Jerusalem und TikTok selbst ins Leben gerufen wurde und mittlerweile von vielen KZ-Gedenkstätten mitgetragen wird. Das Ziel: über den Holocaust und andere Verbrechen der Nationalsozialisten auf TikTok aufzuklären.
Noch vor einigen Jahren hielten viele TikTok für eine reine Spaßplattform, auf der nur Tanz- und Schminkvideos geteilt werden. »Mittlerweile haben aber die meisten erkannt, dass auf TikTok auch politische und geschichtliche Themen diskutiert werden. Und wenn wir als Gedenkstätte da nicht mitreden, dann landen die Nutzerinnen und Nutzer womöglich bei einem rechtsextremen Kanal, wenn sie was zum Thema Nationalsozialismus suchen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir dort sind.«
Zum KZ Neuengamme zählten mehrere Außenlager, etwa eine Schule am Bullenhuser Damm. Dort wurden kurz vor Kriegsende 20 jüdische Kinder ermordet. Im Videospiel »Erinnern. Die Kinder vom Bullenhuser Damm« geht es um die Geschichte dieser jungen Menschen, um die Verfolgung von Jüdinnen und Juden unter den Nazis und um die Aufarbeitung nach Kriegsende. Die Gedenkstätte Neuengamme hat das Game speziell für den Unterricht entwickelt. Empfohlen wird es ab der 8. oder 9. Klasse. Verfügbar für iOS und Android .
Laut Marie war Neuengamme die erste KZ-Gedenkstätte auf TikTok. Nach wie vor sei sie eine der aktivsten. Dass die Hamburger Gedenkstätte nun als Vorreiterin gilt, ist bemerkenswert. Nach dem Krieg versuchte die Stadt lange Zeit, so zu tun, als hätten die Hamburger Politiker und Firmen in der Zeit des Nationalsozialismus keine Schuld auf sich geladen. Kurz bevor britische Soldaten Hamburg befreiten, schaffte man die KZ-Gefangenen fort und entfernte den Galgen sowie andere Beweise aus dem KZ Neuengamme.
Diejenigen, die das KZ überlebt hatten, versuchten nach dem Krieg, eine Entschädigung zu erlangen. Besonders schwer war dies für sogenannte Berufsverbrecher wie Hans G., dessen Geschichte Marie für TikTok erzählt: »Er war einer der ersten Häftlinge, die hier ankamen.« Für die Aufnahme steht Marie auf dem ehemaligen Appellplatz. Hier wurden die Häftlinge morgens und abends von der Lager-SS (SS steht für Schutzstaffel) gezählt. Fehlte einer, mussten sie manchmal stundenlang dort stehen. Bei Wind und Wetter. Marie spricht Englisch, wie in all ihren Videos. Der Grund: »Wir wollen möglichst viele Leute erreichen, nicht nur im deutschsprachigen Raum.« Maries Video endet mit dem Aufruf, zu raten, wie hoch die Entschädigung für Hans G. ausfiel, und dies in die Kommentare zu schreiben. Spoiler: Er erhielt 3400 D-Mark, also umgerechnet 1700 Euro.
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Ein Video, das in den vergangenen Monaten besonders oft angeschaut und kommentiert wurde, zeigt das TikTok-Team, wie es Falschannahmen von Besuchenden entkräftet. Manche denken zum Beispiel, dass nur jüdische Menschen gefangen gehalten wurden. Tatsächlich gehörten sie in Neuengamme zu den kleineren Häftlingsgruppen. Der Clip ist mit beschwingter Klassikmusik unterlegt. Manche Nutzer kommentierten, die Musik sei unpassend. Ein anderer schrieb: »Alles, was Menschen zum Lernen motiviert, ist eine gute Sache.«
Das Gedenken auf TikTok ist ein Balanceakt. Marie erklärt: »Die Regel lautet eigentlich: Damit ein Video viel angesehen wird, muss alle drei Sekunden etwas Neues passieren. Doch bei den sensiblen Themen, die wir auf dem Kanal besprechen, können wir nicht ständig raus- und reinzoomen oder Special Effects benutzen.«
Unter den Gefangenen im KZ Neuengamme waren auch jüdische Menschen, wobei sie nur einen geringen Teil ausmachten. Der Massenmord an Jüdinnen und Juden, auch Holocaust oder Schoa genannt, fand vorwiegend in den Vernichtungslagern in Osteuropa statt, etwa in Auschwitz. Viele Überlebende der Konzentrationslager sind mittlerweile verstorben, so auch Esther Bejarano. Für die Ausgabe 2/2020 hatten die Kinderreporter Mika und Hannah für DEIN SPIEGEL die Gelegenheit, sie zu interviewen. Bejarano kam als Kind nach Auschwitz. Wie der Alltag dort war, erzählt sie hier.
Früher setzten Gedenkstätten häufig auf den Schockmoment: In den Ausstellungen wurden Bilder von Leichen gezeigt, um die Besuchenden wachzurütteln. Doch von dieser Art des Gedenkens hat man sich verabschiedet. Marie sagt: »Wir wollen den Menschen – egal ob hier vor Ort oder auf TikTok – nicht direkt einhämmern: Ihr müsst betroffen sein. Wir wollen ihnen möglichst viel Raum geben, sich ihre eigenen Gedanken zu machen.«
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