Kupfer-Glas-Migration: „Homes connected macht keinen Sinn“

vor 1 Stunde 2

Viele Glasfasernetzbetreiber stehen unter Druck: Bau- und Finanzierungskosten sind gestiegen, sodass die Geldgeber genauer hinschauen, was mit ihren Investitionen passiert – und ob diese sich rentieren. Um schnell mehr Kunden auf die Netze zu bekommen, fordern die Netzbetreiber die Abschaltung der DSL-Netze. „Investoren und Banken aus dem Ausland fragen nach: Wann kommt denn eure DSL-Abschaltung?“, sagte Jörn Schoof, Chief Commercial Officer von Unsere Grüne Glasfaser (UGG) auf der Breitbandmesse Anga Com in Köln.

Zwei Drittel der Bürger werden nach den Worten von Michael Jungwirth, Director Public Policy bei Vodafone, von der sogenannten Kupfer-Glas-Migration betroffen sein. Und selbst die Deutsche Telekom habe Druck am Kapitalmarkt: „Die ersten Investoren fragen die Telekom, wie die Einsparungen durch die Abschaltung der DSL-Netze sind.“

Immerhin: Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat bereits ein Konzept zum Wechsel von Kupfer- auf Glasfasernetze vorgelegt. Demnach soll es kein konkretes Datum geben, an dem alle DSL-Netze bundesweit abgeschaltet werden. Vielmehr ist ein sukzessiver, gebietsweiser Übergang zu Glasfaser geplant.

Ab einer Abdeckung von 80 Prozent tatsächlich angeschlossener Haushalte in einem Anschlussgebiet („Homes connected“) soll der Übergangsprozess anlaufen. Das heißt, bei vier von fünf Haushalten muss die Glasfaser bis ins Haus oder die Wohnung reichen. Das sorgt für Diskussionen. Für viele Netzbetreiber ist diese Quote zu hoch gegriffen.

„Wir haben nicht genug Geld für 80 Prozent Homes connected“, sagte Ruben Queimano, Chief Commercial Officer der Deutschen Glasfaser, auf der Anga Com. Er plädiert für eine Abdeckungsquote, die sich an „Homes passed“ orientiert, also am Anteil der Haushalte, an denen eine Glasfaserleitung entlangläuft. „Bleiben wir bei Homes connected, können wir wahrscheinlich nie anfangen abzuschalten, weil es immer ein Unternehmen geben wird, das uns daran hindern wird“, befürchtete Queimano.

Auch UGG-CCO Schoof kritisierte die Quote der BNetzA. „Homes connected macht keinen Sinn“, erklärte er, „weil der Kunde ja per se angeschlossen wird. Ein Kundenvertrag braucht eine Konnektivität zum Haus. Das ist selbstverständlich.“ Schoof kann sich hingegen eine Kombination aus Homes passed und Homes connected vorstellen.

Ein anderes Thema ist der Wettbewerb, in dem es laut Schoof eine erhebliche Bremse gäbe. „Die Kontingent-Modelle verursachen auf dem gesamten deutschen Breitbandmarkt einen Lock-in-Effekt“, forderte der UGG-CCO die Abschaffung dieser Modelle.

Beim Kontingentmodell mieten Provider (ISP) eine bestimmt Anzahl von Anschlüssen der Telekom für einen festgelegten Zeitraum, um auf diesen ihre eigenen Kunden zu versorgen. Die Telekom kann diese Kontingente auf DSL- und Glasfaseranschlüsse aufteilen.

Je nach Umfang der vereinbarten Anschlusskontingente erhalten die ISP Rabatte. Dadurch hätten die großen ISP wie 1&1, O2 oder auch Vodafone einen Anreiz, ihre Produkte lieber im Telekom-Glasfasernetz zu vermarkten, als im Netz eines anderen Wettbewerbers, kritisieren diese.

Fairen Wettbewerb wollen auch ausländische Investoren sehen, wie Vodafone-Mitgeschäftsführer Jungwirth aus seinen Gesprächen mit solchen Geldgebern berichtet. „Dann würden sie die Netzbetreiber refinanzieren“, sagte Jungwirth. Diese Investoren stellen sich unter fairem Wettbewerb vor, dass die Telekom ihre Nachfrageverweigerung aufgibt.

Bislang kauft die Telekom nur in einem sehr geringen Umfang selbst Kapazitäten bei Glasfaser-Wettbewerbern ein. „Das ist etwas, was es in der derzeitigen Dimension nur in Deutschland gibt“, behauptete Jungwirth und forderte, dass der Gesetzgeber genauer hinschauen müsse, was die Telekom mit ihrer Marktmacht unternehme. „Die Nachfrageverweigerung muss enden“, sagte Jungwirth. Dann kann es auch mit der Kupfer-Glas-Migration klappen.

(vbr)

Gesamten Artikel lesen