Kryptowährungen: Exit-Time – Die Krypto-Zunft sucht den Notausgang

vor 1 Tag 1

Wenn es ums eigene Geschäft geht, dürfen Chefs sich auch mal dem Wunschdenken hingeben. Im Jahr 2018 wurde Brian Armstrong, CEO der Kryptobörse Coinbase, mal gefragt, wie viele Menschen irgendwann denn mal Bitcoin und Co. besitzen werden. Seine Antwort: 2028 – so hoffte er – vier Milliarden, also etwa die halbe Weltbevölkerung.

Wenn sich sein Wunsch erfüllen soll, muss noch einiges passieren: Gerade hält etwa jeder Zehnte Kryptowährungen. Besonders gut stehen Armstrongs Chancen gerade allerdings nicht.

Der Bitcoin verharrt seit bald einem Jahr in einer tiefen Krise. Seit Oktober vergangenen Jahres hat sich der Kurs etwa halbiert. Dem Abgesang folgten auch andere Digitalwährungen. Das Mantra vom schnellen Reichtum mit Cyberdevisen ist verflogen. Unter diesen Vorzeichen dürften kaum neue Anleger auf den Markt kommen.

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Mehr noch: Der Markt steht praktisch still. Seit Wochen tritt der Bitcoin-Kurs so ziemlich auf der Stelle. Das Handelsvolumen auf zentralen Kryptobörsen ist deutlich gesunken. Im zweiten Quartal lag das Volumen im Spothandel laut Daten des Krypto-Dienstleisters CoinGecko bei 1,95 Billionen Dollar – ein Rückgang um etwa 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Wenn weniger Anleger Kryptowerte kaufen oder verkaufen, ist das für die Anbieter schlecht. Sie verdienen bei jeder Transaktion über Gebühren.

Und so trifft die Krypto-Krise auch Armstrongs Zunft besonders hart: Zuletzt vermeldete Coinbase das dritte Quartal in Folge mit Verlust. Der Aktienkurs reagierte erneut negativ. Seit Jahresanfang notiert das Papier rund ein Drittel im Minus – und hat damit stärker verloren als der schwächelnde Bitcoin selbst.

Die neue Hoffnung der Kryptobörsen

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei Wettbewerbern ab. Die Kryptoplattform Bullish verlor an der Börse in ähnlicher Größenordnung. Bei Gemini – der Kryptobörse der Zwillinge Tyler und Cameron Winklevoss, die durch den Gründungsstreit mit Meta-Gründer Mark Zuckerberg bekannt geworden waren – liegt der Kursverlust sogar bei fast 60 Prozent.

Einige Kryptobörsen haben inzwischen sogar aufgegeben: Mit Bitmex hat im Juli eine Plattform aus der Anfangszeit von Bitcoin und Co. ihren Betrieb eingestellt. Manche Marktbeobachter fühlen sich an 2022 zurückerinnert, als eine Pleiteserie unter Kryptounternehmen den gesamten Markt belastete – und auch die Kurse von Bitcoin und Co. schwächte.

Deshalb wollen wir nicht nur eine Kryptobörse sein. Grazy ChenBitget-CEO

Die Geschäfte der Handelsplattformen stehen und fallen damit, ob und wann es zu einer Erholung am Kryptomarkt kommt. Nur: Je länger die auf sich warten lässt, umso größer die Bremsspuren in den Bilanzen – und so unzufriedener die Anleger, die die Papiere ja in der Hoffnung auf ein lukratives Investment kauften.

Und so setzen die Kryptobörsen gerade an zu einer Flucht nach vorn. „Seit fast einem Jahr kehrt die Liquidität nicht zurück, und ich sehe auch keine Anzeichen dafür“, sagte Grazy Chen, Chefin der Kryptobörse Bitget, der Nachrichtenagentur „Bloomberg“. „Deshalb wollen wir nicht nur eine Kryptobörse sein.“ Stattdessen setze die Plattform nun auch auf Aktien, Rohstoffe – und alles, was sonst zu einem runden Portfolio gehört. Schon jetzt entspringt ein Fünftel der Einnahmen bei Bitget aus Einlagen, die nichts mit Krypto zu tun haben. Vor einem Jahr war die Plattform noch komplett vom Kryptogeschäft abhängig.

Das nächste Hype-Thema

Mit diesen Ambitionen ist Bitget nicht allein. Coinbase verschreibt sich neuerdings der „Everything Exchange“-Mission und hat das Produktportfolio ebenfalls um weitere Vermögenswerte erweitert. Einen solchen Schritt unternahm auch der österreichische Kryptobroker Bitpanda Anfang des Jahres. Seit Januar können Kunden dort nicht nur Cyberdevisen handeln, sondern auch Aktien und ETFs. Und erst vor wenigen Tagen vermeldete Crypto.com ebenfalls, dass Nutzer bald auch Aktien handeln können.

Bei den meisten Anbietern gibt es aber eine Besonderheit: Sie integrieren nicht einfach klassische Wertpapiere in ihr Angebot, sondern setzen auf einen neuen Trend, der gerade an den Finanzmärkten umgeht: Perpetual Futures – also Derivate, mit denen Anleger auf die Entwicklung eines Basiswerts spekulieren können. Anders als herkömmliche Terminkontrakte haben sie aber kein Ablaufdatum. In diesen Krypto-Derivaten sehen Befürworter einen Vorteil: Sie lassen sich rund um die Uhr handeln – so wie auch Kryptowährungen selbst.

Die Kryptoindustrie rennt gerade dem nächsten Hype hinterher – und trifft damit offenbar einen Nerv. Von Januar 2025 bis Juni 2026 hat sich das monatliche Handelsvolumen solcher TradFi-Produkte mehr als verhundertfacht, berichtet CoinGecko. Zuletzt lag es bei etwa 393 Milliarden Dollar. Unter TradFi versteht man Produkte der traditionellen Finanzwelt – also Aktien, Indizes oder Rohstoffe, die auf Kryptoplattformen meistens als Perpetual Futures lanciert werden.

Wetten, dass....?

Auch mit einem anderen neuen Trendthema versuchen Kryptobörsen nun zu punkten: Prognosemärkte. Auf Plattformen wie Plymarket und Kalshi können Anleger bereits Wetten zu allen möglichen Fragen abschließen – etwa wie der Bitcoin Ende der Woche notieren wird oder ob Jesus 2027 zurückkehrt. Jetzt integrieren auch Kryptoplattformen solche Funktionen, mit ersten Erfolgen. Die Handelsvolumina in dem Bereich notierten auf Höchstständen. Im gesamten Jahr 2025 lag es laut CoinGecko bei 64 Milliarden Dollar. Allein im ersten Quartal 2026 waren es bereits fast 114 Milliarden Dollar.

Die Frage ist nur: Reicht das, um die Geschäfte zu beleben?

Bislang sind die Einnahmen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Gemini hatte mit Prognosemärkten im jüngsten Quartal eine halbe Million Dollar verdient. Das entspricht etwa einem Prozent des Gesamtumsatzes (45,5 Millionen Dollar).

Zumindest eines zeigt diese Entwicklung: dass sich die alte und neue Finanzwelt annähern. Die Kryptoindustrie war einst angetreten, um die Old Economy der Bankenwelt anzugreifen. Nun bieten sie deren Produkte an – während etablierte Player zunehmend auch nach Krypto-Technologie greifen.

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