Kolumne „Zurück zur Natur“: Gemetzel hinter Schlachthofmauern

vor 2 Stunden 1

Die Lebensbedingungen und Lebenseinstellungen von Menschen weichen auch hinsichtlich der Natur zunehmend stärker voneinander ab. Herkunft einerseits und Gewohnheit und Verdrängung andererseits beeinflussen etwa die Entscheidung, ob man Fleisch isst und welches Verhältnis man zum Gemüse hat. In dem lesenswerten Nature-Writing-Band „Pusztagold“ schreibt die Schriftstellerin und Gärtnerin Clara Heinrich über ihr Leben auf dem Land, ihre Lektüre, Filme, die sie interessieren, Psychoanalyse, die Geschichte des Dorflebens ihrer Familie und wie die Oma Brotsuppe macht.

Sie berichtet über ihr Master-Kolloquium mit dem Titel „Ungleichheitsverhältnisse und Alternative Food Networks“. Die sozialen und gesellschaftlichen Fragen des Lebensmittelanbaus, der Praktiken von „Pflanzen, Pflegen, Ernten, Lagern, Essen und Wiederanpflanzen von Saatgut“ beschäftigen sie. Sie bildet sich im Anbau von Wintergemüse fort. Heinrich kocht Hagebuttenmarmelade und stellt Mäuse-Lebendfallen auf. Der Opa sagt, es gibt immer weniger Schwalben. Die Oma sagt, früher gab es einen Metzger, bei dem hat man Rind gekauft, aber das war teuer. Und ein Schwein hat eh jeder gehalten.

Ein schrecklicher Tod nach einem schrecklichen Leben

An diesen Schilderungen ist unerhört viel interessant. Da wäre die Integration und Weitergabe des Wissens von einer Generation an die nächste. Kenntnisse einer Landschaft, von Gärten, Tieren und Menschen, die einem dauerhaften, sesshaften Zusammenleben entspringen. Vergleichsmöglichkeiten zum Vorkommen von Arten, von Temperaturen, Wetterlagen, Ernten über drei Generationen hinweg werden im Tun, im täglichen Arbeiten erörtert.

Heinrich wächst in eine Gemeinschaft hinein, in die sie einerseits gehört und die sie andererseits von außen betrachtet, weil sie die intellektuellen und poetischen Mittel dazu erworben hat. Der Verkauf des selbst angebauten Gemüses ist ihre Berührung mit den anderen, ihren Kundinnen, hauptsächlich Nachbarinnen. Getauscht werden Lebensmittel gegen Geld. Die Informationen fließen hin und her. Das sind sehr intime Kenntnisse aus einer österreichischen Landschaft. Tiere essen kommt in der Vergangenheitsform vor. Heinrich selbst konzentriert sich auf Gemüse.

Die soziale Kontrolle ist die Kehrseite der Anteilnahme und Nähe. Der Grad an Entfremdung, der hingegen im Stadtleben herrscht, sichert die Freiheiten der einen und erzeugt Einsamkeit bei den anderen. Für die Tiere, die beim Umzug in die Stadt sozusagen zurückgelassen worden sind, hat das Auseinanderleben teilweise dramatische Folgen. Rind kaufte man beim Fleischer, aber selten, denn es kostete viel Geld? An dem eigenen Schwein, das man hausschlachtete, aß die Familie lange und verwertete alles am Tier? Das ist Vergangenheit. Nur eine kleine Menge von Nutztieren lebt artgerecht. Die meisten nicht.

Nehmen wir die Schweine, deren Leben und Sterben in Ferkelproduktion, Mastställen und Schlachthöfen die Tierschutzaktivisten Anna Schubert und Hendrik Hassel seit Jahren recherchieren, dokumentieren und veröffentlichen. So formuliert es ein ausgestiegener Schlachthof-Veterinär, der anonym bleiben möchte: „Das Leben der Tiere ist nicht schön, der Transport ist nicht schön, und der Tod ist auch nicht schön.“

Ein Gemüsegarten bei Fulda, der als Saisongarten genutzt wird. Wer keinen eigenen Garten hat, kann Gemüse auch in gemieteten Saisongärten ernten. Die Parzellen sind fertig eingerichtet und warten auf Hobbygärtner.Ein Gemüsegarten bei Fulda, der als Saisongarten genutzt wird. Wer keinen eigenen Garten hat, kann Gemüse auch in gemieteten Saisongärten ernten. Die Parzellen sind fertig eingerichtet und warten auf Hobbygärtner.dpa

Jetzt hat der Schlachthofbetreiber und Mittelständler Nikolaus Brand mit einer Zivilklage gegen Anna Schubert und Henrik Hassel auch in zweiter Instanz gewonnen. Die Unterlassungsklage zielte gegen das Betreten des Schlachthofs ohne Genehmigung und die Verbreitung von Aufnahmen der Betäubungsvorgänge im Schlachthof, die Schadensersatzklage dient der Durchsetzung finanzieller Forderungen gegen die Aktivisten. Der Protest von Animal Rights Watch und anderen Organisationen richtet sich aber aus guten Gründen gegen die CO₂-Betäubung von Schweinen. Achtzig Prozent der etwa 35 Millionen in Deutschland jährlich geschlachteten Schweine werden in großen Schlachthöfen mit Gemeinschaftsgondeln in das CO₂-Bad abgesenkt. Der Tod soll nach dem Durchtrennen der großen Blutgefäße im Halsbereich während des anschließenden Ausblutens eintreten. Dass diese Methode der Betäubung zugelassen ist, hat der Rat der Europäischen Union 2009 festgelegt.

Allerdings heißt es in den Ausführungen, man habe zwei Tierschutzgutachten eingeholt: „Die Empfehlungen, den Einsatz von Kohlendioxid bei Schweinen sowie den Einsatz von Wasserbadbetäubern für Vögel bei Geflügel schrittweise einzustellen, werden nicht in diese Verordnung eingearbeitet, da die Folgenabschätzung ergeben hat, dass solch eine Empfehlung derzeit in der EU aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar ist. Es ist jedoch wichtig, diese Diskussion in Zukunft fortzusetzen.“ Es gibt also wissenschaftliche Empfehlungen, Schweine nicht mit CO₂ zu betäuben. Die Diskussion darüber aber wird gar nicht geführt, aus wirtschaftlichen Erwägungen, so ist zu vermuten. CO₂-Betäubung, so muss man die Forschung zusammenfassen, ist keine Betäubung, sondern löst einen schlimmen Todeskampf mit Panik und Atemnot aus, bevor der Erstickungstod eintritt.

Hausfriedensbruch und mediales Anprangern von Schlachtbetrieben sind juristisch belangbare Versuche, die Öffentlichkeit zum Hinschauen zu bringen, damit die vom Rat der EU angemahnte Diskussion endlich geführt wird. Tierschützer nutzen in den sozialen Medien auch andere Mittel für den Zweck, der für viele Aktivisten vegetarische Ernährung und ein Ende der Nutztierhaltung bedeutet. In einem fiktiven dokumentarischen Insta-Reel wird ein Gast in einem Restaurant, als er Fleisch bestellt, aufgefordert, mitzukommen. Der Kellner führt ihn in einen Raum, in dem ein Schwein steht und ihn anschaut. Der Kellner hält dem Gast ein Messer hin und fordert ihn auf, das Schwein, von dem er essen will, selbst zu töten.

Doch wir praktizieren hinter Schlachthofmauern massenhaft Grausamkeit in einer Gesellschaft, die zwar Millionen Schnitzel und Bratwürste essen will, deren Mehrheit sich aber die Mühe nicht machen möchte, dafür zu sorgen, dass Tiere artgerecht gehalten werden. Diejenigen, die Tiere richtig halten, haben immens viel Arbeit damit. Viele aus der jüngeren Generation ziehen Gemüse wie Clara Heinrich, und nicht wenige von ihnen wollen, dass die Mastställe und Schlachthöfe alle geschlossen werden.

Gesamten Artikel lesen