Kolumne: Seid’s deppad!

vor 1 Tag 1

Über den Einsatzbereich der Lederhose als Kulturinsigne ist viel geschrieben worden, aber vielleicht noch nicht alles. Ein universell einsetzbares wie unzerstörbares Kleidungsstück ist die Lederhose, was in Österreich jedes Kind weiß, dem einmal auf einer frühmorgendlichen Bergtour die Wurst vom Brot auf die Hose gefallen ist, wofür es allerdings keinen Ärger von der Mama gab, weil: Die Lederhose, die hält alles aus. Offenbar auch eine Fernreise nach Kalifornien, zum ersten WM-Spiel gegen Jordanien, wo wirklich überall Österreicher zu sehen waren, die ihre Hose mit genauso viel Stolz trugen wie die Landesfahne. Also die rot-weiß-rote, nicht die Alkoholfahne, als Klarstellung.

Nicht auszuschließen ist freilich, dass manch eine Lederhose, die am Dienstag in der San Francisco Bay Area zum Einsatz kam, die 28 Jahre WM-Abstinenz Österreichs in besserem Zustand überlebt hat als ihr Besitzer. Was übrigens ausdrücklich als Kompliment für die Lederhose gemeint ist. Die Besitzer waren ja machtlos: Schuld waren schon die Generationen an Fußballern, die die Schmach der verpassten Weltmeisterschaften alle vier Jahre fortsetzten. Bis sie nun endlich ein Ende fand, mit einem 3:1 gegen Jordanien.

Österreich ist damit ganz offiziell wieder angekommen in der höchsten Etage des Fußballs. Dass Jordanien ein Pflichtsieg war und dass der Dank für das alles sich ein bisserl an die Fifa richtet und deren freundliche Erweiterung des Teilnehmerfeldes um 16 Teams, darüber reden wir jetzt mal nicht. Passt auch nicht zum wundersam gigantischen Selbstbewusstsein, das die Nation ausstrahlt, sobald man nach fast drei Dekaden mal wieder mit der Lederhose zum Fußball an die Westküste fliegen darf: 32 Prozent der Österreicher glauben laut einer ORF-Umfrage an den Weltmeistertitel für Österreich. 25 Prozent denken: Spanien gewinnt. Woraus sich die Erkenntnis ergibt: Österreicher haben eigentlich Ahnung vom Fußball. Eine Mehrheit allerdings ignoriert diese Ahnung mutwillig im Sinne des nationalen Übermuts. Na bravo.

„Alles kommt auf die Perspektive an. Jeder hat eine andere, Gott sei Dank“, könnte man an dieser Stelle aus „Holzfällen“ von Thomas Bernhard zitieren. Beziehungsweise könnte das der Mittelfeldspieler Xaver Schlager, der Bernhards Erregungstext nach eigener Aussage gerade im ÖFB-Quartier in Santa Barbara liest. Ob er sich dafür Sprüche von Marko Arnautovic anhören muss, ist nicht überliefert, aber es ist davon auszugehen. Sein Mitspieler Michael Gregoritsch, der bei der entsprechenden Pressekonferenz neben dem Mannschaftsliteraten auf der Tribüne saß, lachte jedenfalls über dessen Ausführungen.

Feuilletonisten finden Gelächter über einen 28-jährigen kickenden Bernhard-Leser sicherlich beleidigend und würden es als Sargnagel für eine Kulturnation bezeichnen. Ich arbeite leider für das Sportressort und frage daher: Darf eine Nation nicht auch einfach mal ein bisserl deppad sein, für ein paar Wochen, während eines Fußballturniers? Nicht so analytisch-fad wie die Deutschen, die bei einem 7:1 den Fehler beim Gegentor finden wollen. Sondern so richtig kulturdeppad, mit wehender Lederhose im kalifornischen Sonnenuntergang, auf der Route 66, im festen Glauben, dass die ins WM-Finale führt. Illusorisch in eine glorreiche Zukunft blickend, von der man weiß, dass sie nicht eintreten wird. Höchstwahrscheinlich.

Ich bin der Meinung: Wer nicht deppad sein kann, wird nie im Sinne von Edi Finger senior narrisch werd’n. Und das wäre wirklich schade, denn genau darum geht’s beim Fußball doch.

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