Klimawandel: So viel schneller erwärmt sich die Erde, wenn die Luft sauberer wird

vor 1 Stunde 1

Werden weniger Feinstaub und andere Aerosole ausgestoßen, verbessert das zwar die Luftqualität. Es kann aber die Erderwärmung verstärken. Das berichten Forschende im Fachmagazin »PNAS« . Durch Simulationen haben sie ermittelt, dass die Reduzierung der menschengemachten bodennahen Luftverschmutzung die Welt im Zeitraum 2013 bis 2023 womöglich 0,044 Grad wärmer gemacht hat.

Im Zeitraum von 2013 bis 2023 gingen die globalen menschengemachten Luftschadstoff-Emissionen merklich zurück, mit enormen Vorteilen für die öffentliche Gesundheit. Doch die Aerosole genannten Schwebeteilchen in der Luft streuen und reflektieren auch Sonnenstrahlen und tragen zur Wolkenbildung bei. Zum Ausmaß dieser Effekte gibt es unterschiedliche Schätzungen.

Auf jeden Fall hat sich die Erderwärmung beschleunigt: Betrug sie von 1970 bis 2012 noch 0,179 Grad pro Jahrzehnt, waren es im Jahrzehnt von 2013 bis 2023 etwa 0,263 Grad. Dabei sind die natürlichen Schwankungen der globalen Durchschnittstemperatur bereits herausgerechnet. »Während Treibhausgasemissionen langfristig der dominierende Faktor bleiben, stellen Aerosole eine der unsichersten Komponenten im Klimasystem dar«, schreiben die Forschenden um Drew Shindell von der Duke University in Durham und Bin Zhao von der Tsinghua University in Peking.

Schifffahrt ist eine wichtige Aerosol-Quelle

Die Forschenden vermuteten, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität, beispielsweise durch die Filterung von Abgasen in Industrieanlagen, zur Beschleunigung der Erderwärmung beigetragen haben könnten. Sie nutzten zwei Standard-Klimamodelle, um das genauer zu untersuchen.

Drastische Maßnahmen in China haben demnach zur Verringerung der Luftverschmutzung im Zeitraum 2013 bis 2023 beigetragen – und womöglich etwa 0,018 Grad zur Erderwärmung. Für die restlichen Landflächen der Welt, auf denen die Luftverschmutzung verringert wurde, errechneten die Forscher einen Temperaturanstieg von 0,013 Grad.

Die Verringerung der Schwefeloxide bei der Verbrennung von Schiffskraftstoffen könnte die Erde demnach ebenfalls um 0,013 Grad erwärmt haben. Die Seeschifffahrtsorganisation IMO hatte zu Beginn des Jahres 2020 die erlaubte Obergrenze für Schwefel in Schiffskraftstoffen von 3,5 Prozent auf 0,5 Prozent gesenkt (»IMO 2020«). Seitdem stoßen Schiffe auf den Weltmeeren erheblich weniger Schwefeloxide in Form von Aerosolen aus.

Zusammengenommen trugen diese drei vom Forschungsteam untersuchten Quellen zur Reduzierung menschengemachter Schwebeteilchen von 2013 bis 2023 rund 0,044 Grad zum Klimawandel bei.

Experten betonten, die Tatsache, dass der Klimawandel durch sauberere Luft zeitweise noch sichtbarer wird, dürfe nicht zu dem Schluss führen, dass die Luft wieder dreckiger werden muss.

In Europa liegt die gemessene Luftverschmutzung kürzlich vorgestellten Daten zufolge noch immer an rund jeder fünften Messstation über den geltenden EU-Luftqualitätsrichtlinien. Experten der Umweltagentur EEA loben zwar, dass die Luftverschmutzung in Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten stetig gesunken sei. Die Belastung zum Beispiel durch bestimmten Feinstaub und gesundheitsschädliche Gase wie bodennahes Ozon sei aber immer noch zu hoch. Laut 2024 vorgestellten EEA-Daten lassen sich rund 239.000 Todesfälle pro Jahr in der EU auf eine zu hohe Feinstaubbelastung der Luft zurückführen.

Gesamten Artikel lesen