München. „Wein ist da, um getrunken zu werden“, sagt Henrik Maaß. Beim 1948er Romanée Conti, der kürzlich bei einer Auktion 700.000 Euro erzielt hat, würde er aber eine Ausnahme machen. Die teuerste Einzelflasche aller Zeiten ist aus seiner Sicht eher ein Investment. Und der Gründer des Investmenthauses Liquid Grape hält es für wahrscheinlich, dass manch einer noch mehr zahlen würde.
„Wein ist im Verhältnis zu anderen Anlageklassen nicht sehr volatil“, sagt der Fachmann. Im Podcast Handelsblatt Invest erklärt er, was einen Wein zu einem begehrten Investment macht und warum die Weine seiner Kunden in einem Bunker in Großbritannien liegen.

Invest
Eine Flasche Wein für 700.000 Euro – Wahnsinn oder seriöses Investment?
Herr Maaß, bis 2023 sind die Preise für Weine nach verschiedenen Indizes ziemlich rasant gestiegen, um dann wieder zu fallen. Kann die für 700.000 Euro ersteigerte Flasche die Trendwende bringen?
Eine Rekordauktion ist immer spannend, aber eben nur eine Momentaufnahme. Ich denke, wir sollten eher auf die Liv-Ex-Daten schauen. Und hier zeigt sich, dass die Nachfrage wieder steigt.
In Deutschland wird immer weniger Wein getrunken. Wo sitzen die Abnehmer für Weine im oberen und obersten Preissegment?
Einer der größten Märkte sind noch immer die USA. Aber auch Asien ist ein großer Markt. Wobei es Unterschiede in den Trinkgewohnheiten gibt. In vielen Ländern Ostasiens entdeckt man gerade das Burgund. Amerikaner finden Bordeaux immer noch sehr spannend. Und auch für Champagner sind die USA einer der größten Absatzmärkte. Es kommen aber auch neue spannende Märkte hinzu. Wie etwa Indien. Dort gab es gerade die Senkung der Zölle auf Alkohol. Auch der arabische Raum, vor allem die Emirate, ist spannend, wenn wir einmal davon ausgehen, dass der Irankrieg nicht weiter eskaliert.
Also überall, wo eine Mittelschicht wächst.
Und wo Menschen versuchen, der europäischen Lebensart nachzueifern.
Vita Henrik Maaß
Der Kaufmann startete seine Karriere im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg. Nach leitenden Positionen bei den Weinhändlern Reidemeister und Ulrichs und Tesdorf gründete Henrik Maaß 2019 gemeinsam mit seiner ehemaligen Tesdorf-Kollegin Annie Dörfelt Liquid Grape. Er bezeichnet den 2008er-Jahrgang des Champagnerhauses Dom Pérignon als sein bislang bestes Investment.
Liquid Grape wurde 2019 von Annie Dörfelt und Henrik Maaß gegründet. Das Unternehmen stellt für seine Kunden Weinportfolios zusammen, die nach einer Haltedauer von mehreren Jahren mit Gewinn an Sammler und in die gehobene Gastronomie weiterverkauft werden sollen. Im März 2026 wurde bekannt, dass der Schweizer Weinhändler Mövenpick Liquid Grape übernommen hat. Dörfelt und Maaß bleiben als Geschäftsführer an Bord.
Wie entstehen am Weinmarkt die Preise? Gibt es einen zentralen Handelsplatz?
Den gibt es nicht, aber inzwischen hat sich mit Liv-Ex eine Art Preisindikator etabliert, an den mehr als 600 Weinhändler ihre Preise melden. Mithilfe der Daten entstehen Indizes, die uns wiederum helfen, wenn wir unseren Kunden mitteilen wollen, was ihre Weine momentan wert sind, oder wenn wir Preise im Verkauf festlegen.
Wie volatil sind die Indizes?
Die vergangenen beiden Jahre waren herausfordernd aufgrund der Geopolitik. Ich erinnere da nur an die Zollpolitik der USA. Dennoch war es auf lange Sicht immer so, dass solche Tiefs aufgeholt wurden. Wein ist im Verhältnis zu anderen Anlageklassen nicht sehr volatil. Es ist eher ein stetiges Steigen, wie bei einer guten Value-Aktie. Das liegt auch an der Menge, die es von einem Jahrgang gibt und die immer kleiner wird. Wein wird getrunken und muss auch getrunken werden. Es bringt nichts, wenn teurer Wein nur ein Investment bleibt.
Wein ist eine kleine Diva, die es nicht mag, wenn es zu warm oder zu kalt ist.
Es gibt Weine für 1,99 Euro pro Flasche und welche für Hunderttausende Euro. Gibt es eine Grenze, ab der Wein zum Investment wird?
Ich würde die Grenze bei 100 Euro pro Flasche netto ansetzen. Das hat damit zu tun, dass Sie laufende Kosten haben. Sie müssen den Wein lagern und auch versichern. Viele Weine müssen über einen gewissen Zeitraum reifen, damit sie ihr volles Potenzial entwickeln. Und da wird es kompliziert, denn Wein ist eine kleine Diva, die es nicht mag, wenn es zu warm oder zu kalt ist. Dazu kommt noch die richtige Luftfeuchtigkeit, sonst wird der Korken porös oder schimmelt.
Auf welche Länder und Regionen sollte ein Weininvestor setzen?
Vor allem das Burgund und die Champagne sind begehrt. Winzer aus dem Bordeaux haben gerade eine kleine Sinnkrise, denn sie waren vor zehn Jahren noch extrem gehypt und haben sich sehr von den Konsumenten entfernt. Dazu kommen Winzer aus der Toskana wie Ornellaia und dann vielleicht noch ein paar Kalifornier, aber dann hat es sich im Großen und Ganzen auch.
Ab wie viel Euro Mindestanlage lohnt es sich, in Wein zu investieren?
Da gibt es viele Wege: Sie können über offene und geschlossene Fonds investieren. Es gibt auch Investments, bei denen Weine tokenisiert werden. Ein Feld, das sich immer weiter verbreitet und das sogar schon von einigen Winzern angeboten wird. Oder man investiert direkt wie bei uns, indem man eine Kiste oder eine Flasche Wein direkt kauft. In diesem Fall beginnen wir bei 5000 Euro, denn wir kaufen für unsere Kunden ganz selten eine einzelne Flasche, sondern meist eine Sechser-Kiste. Solche Kisten sind so etwas wie ein Marktstandard.

Henrik Maaß: „Eine Rekordauktion ist immer spannend, aber eben nur eine Momentaufnahme.“ Foto: Liquid Grape
Wie viele Kisten bekomme ich für 5000 Euro?
Oft sind es drei Positionen, das sind dann verschiedene Winzer und verschiedene Regionen. Um wirklich breit zu diversifizieren, würde ich mindestens 10.000 Euro in die Hand nehmen. Die meisten unserer Kunden haben zwischen 20.000 und 25.000 Euro investiert.
Von welchem Anlagehorizont sprechen wir beim Investieren in Wein?
Ideal sind sieben bis zehn Jahre. Je nachdem, bei Süßwein, der noch ein viel längeres Zeitfenster hat, sind wir auch bei 15, 20 Jahren. Das kann dann auch ein Investment für die Kinder sein. Es gibt aber auch glückliche Zufälle. Wir hatten einen Wein in unseren Kundenportfolios, der ist binnen eines Jahres fast das Doppelte wert geworden, weil das Weingut höher klassifiziert wurde.
Wie hoch ist die Rendite, wenn nicht gerade solche glücklichen Zufälle eintreten?
In England, wo das Investieren in Wein ursprünglich herkommt, spricht man von „double digits“, also zweistelligen Renditen. Wir sind hanseatisch konservativ und halten acht Prozent für realistischer.
Ist es ratsam, sich selbst eine Weinsammlung aufzubauen, indem man Weine von Weingütern kauft, die als künftige Stars gelten?
Das ist möglich, allerdings brauchen Sie hier schon viel Marktkenntnis. Und viele Weingüter haben ihre Kunden, die zuerst bedient werden, das heißt, man muss als privater Sammler, der neu im Markt ist, den Wein über einen Zwischenhändler kaufen und zahlt hier schon einmal deutlich mehr.
Angenommen, ich habe Glück und bekomme den Wein ab Hof.
Dann haben Sie das Problem mit der Lagerung. Wir würden Ihnen den Wein nicht mehr abkaufen, denn wir wissen nicht, ob Sie einen professionell klimatisierten Weinkeller haben oder der Wein, salopp gesagt, im Küchenregal lagert. Die Furcht vor schlecht gelagerten Weinen oder gar vor Fälschungen ist in der Branche verbreitet. Daher kaufen wir entweder direkt ab Weingut oder über vertrauenswürdige Händler.
Bei Wein gilt, je rarer, desto besser.
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Großbritannien
USA
ContinentalDie Weine, die Sie für Ihre Kunden kaufen, liegen in einem Zollfreilager in England. Welchen Hintergrund hat das?
Die Briten haben eine lange Tradition im Weinhandel und Weininvestment. Dazu kommt, dass in unserem Lager, einem ehemaligen Bunker etwas außerhalb von Birmingham, perfekte Bedingungen, also 13 bis 14 Grad Raumtemperatur und eine gewisse Luftfeuchtigkeit, gegeben sind. Zudem wird beim Kauf die Mehrwertsteuer ausgesetzt. Sie wird erst fällig, wenn Sie sich den Wein ausliefern lassen.
Kommt das häufig vor?
Ja, viele unserer Kunden kaufen sich Wein, um einen Teil davon weiterzuverkaufen und den Rest selbst zu trinken. Im Idealfall ist der Gewinn durch den Verkauf hoch genug, dass man die Flaschen, die man trinkt, sozusagen gratis bekommt und noch etwas fürs nächste Investment übrig bleibt.
Haben Sie dennoch einen Tipp?
Bei Wein gilt, je rarer, desto besser. Ich bin ein Freund von Sonderformaten, weil sie einfach noch limitierter sind. So produziert etwa das spanische Spitzenweingut Vega Sicilia von seinem Topwein pro Jahr 80.000 der handelsüblichen 0,75er-Flaschen. Aber nur 3000 Magnum-Flaschen.

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