Die Wettervorhersage kündigt eine weitere tropische Nacht an, in der die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Gemünzt auf eine deutsche Großstadt, verheißt das nichts Gutes. Weder werden Palmen im Wind rauschen noch Wellen plätschern. Hitzeerschöpft und grübelnd über das Leben und die Liebe wird man in einem vom Sommer aufgeheizten Schlafzimmer liegen und in die Dunkelheit starren, weil es einfach nicht kühler wird. Irgendwann döst man ein und wacht so erschlagen auf, als hätte man Tranquilizer geschluckt. Wandelt durch den Tag, die Nerven ähnlich angespannt wie bei Bill, dem von Michael Douglas gespielten Protagonisten in „Falling Down“.
In der Anfangsszene steht Bill an einem sehr heißen Tag in Los Angeles im Stau, während eine Fliege seinen Kopf umschwirrt. Diese Kombination aus Hitze, Ohnmacht und dem Summen bringt ihn derart in Rage, dass er aussteigt und wie ein Berserker durch die Stadt zieht. Auch in Ulrich Seidls Film „Hundstage“ brennt die Sonne unerbittlich. Aus der Tristesse des Wiener Stadtrands mit seinen Betonflächen gibt es für die verlorenen und verlotterten Bewohner, deren Wut unter ihrer schwitzenden Haut wächst, kein Entrinnen.
Depressiven Menschen setzt die Hitze oft besonders zu
Dass Hitze aufs Gemüt schlägt, ist nicht nur eine Alltagserfahrung, sondern seit Langem Gegenstand der Forschung. Im tropischen Norden Australiens etwa nennt man die mit großer Hitze einhergehende Reizbarkeit „Mango Madness“ oder „Going Troppo“ – man dreht schlicht durch. Studien zeigen, dass das Risiko für Gewaltdelikte bei Hitze steigt. Die hohen Temperaturen sind freilich nicht allein der Grund dafür, aber sie wirken wie ein Emotionsbeschleuniger. Menschen, die unter Depressionen leiden, setzt die Hitze oft besonders zu. Und die gefühlte Pflicht, sich zu amüsieren, die Aperol-Spritz-Trinkenden, die beim Italiener um die Ecke sitzen und lachen, vergrößern nur ihren Schmerz.
Touristen halten sich die Sonne mithilfe von Schirmen vom Leib, aufgenommen am 26. Juni 2026 in Berlin.picture alliance / photothek.deEs ist nicht zufällig ein „verrückter, schwüler Sommer“, als Sylvia Plaths Ich-Erzählerin in „Die Glasglocke“ in New York ein Praktikum bei einer Modezeitschrift absolviert. Anstatt zu jubeln, fühlt sie sich einsam und leer. „Wie ein tauber Trolleybus holperte ich vom Hotel zur Arbeit oder zu irgendwelchen Partys.“ Ihre Krise verschärft sich. Schließlich wird Esther in einer psychiatrischen Klinik mit Elektroschocks behandelt. Dass ausgerechnet der Sommer seelische Krisen verstärken kann, widerspricht unserer Vorstellung vom Sommerglück unter blauem Himmel.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Mitte Juli in der Fachzeitschrift „Nature Mental Health“ erschienene Studie. Die Forscher werteten mehr als 1,2 Millionen registrierte Tötungsdelikte und Suizide zwischen 2000 und 2019 in Mexiko und Brasilien aus und setzten sie in Beziehung zu den jeweiligen Durchschnittstemperaturen. Statistisch ging jedes zusätzliche Grad Celsius in Mexiko mit einem um 1,8 Prozent erhöhten Risiko einher, durch ein Tötungsdelikt zu sterben.
Beunruhigende Befunde mit Blick auf die Zukunft
In Brasilien waren es 2,17 Prozent. Bei Hitze nimmt nicht nur die Gewalt gegen andere zu, auch die Suizidrate steigt. In Mexiko betrug der Anstieg pro zusätzlichem Grad 3,75 Prozent, in Brasilien 2,78 Prozent. Natürlich trifft der Risikoanstieg nicht jeden gleichermaßen. Wie gut sich Menschen vor Hitze schützen können, hängt auch von ihren sozioökonomischen Verhältnissen ab. „Der Zusammenhang“, so die Autoren, „schien bei Männern, bei Menschen gemischter ethnischer Herkunft in Brasilien, an Wochenenden sowie im Sommer und Herbst stärker ausgeprägt zu sein.“
Die Bewohner dieses Hauses in Leipzig schützen sich mit Rettungsfolie vor der Hitze.Picture AllianceBetroffen sind indes nicht nur Länder, in denen die soziale Ungleichheit groß ist. Alkomiet Hasan, der die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg leitet, sagte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass jedes zusätzliche Grad Temperatur die Suizidrate und die Krankenhausaufnahmen von Patienten mit psychischen Erkrankungen um ein Prozent steigere.
Uns stehen viele tropische Nächte bevor
Ein Forschungsprojekt der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg zeigt, dass schon Temperaturen ab 25 Grad unser psychisches und körperliches Wohlbefinden negativ beeinflussen. Noch beunruhigender werden die Befunde mit Blick auf die Zukunft.
Ende Juni erschien in „Nature Mental Health“ die Studie „Multi-country projections of temperature-related suicide mortality“. Anhand von Daten aus 26 Ländern untersuchten die Forscher die Zusammenhänge zwischen Temperatur und Suiziden und prognostizierten die temperaturbedingte Suizidsterblichkeit bis in die Fünfzigerjahre dieses Jahrhunderts. Der Klimawandel werde voraussichtlich zu einem Anstieg der Suizidsterblichkeit in allen untersuchten Regionen führen. Das Ausmaß hänge vom Emissionsszenario sowie dem geographischen Standort ab.
Für wärmere Regionen wie Mittel- und Südamerika, Südeuropa, Südostasien und Südafrika sagen die Forscher einen stärkeren Anstieg voraus. In gemäßigten Regionen wie Nordeuropa fällt er zwar geringer, aber dennoch beträchtlich aus. Da sich Europa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt erwärmt, stehen uns zahllose tropische Nächte bevor. Nächte ohne einen Schlaf, der diesen Namen verdient. Was bleibt, ist die gedankliche Flucht in den „Club Tropicana“ von Wham!. Dort sind die Drinks kostenlos, und es treffen sich Gestrandete und Liebende.
Hilfe bei Suizidgedanken
Sprechen Sie mit Menschen.
Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.
Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.
Die Telefonseelsorge
Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.
Hilfe-Chats
Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.
Die E-Mail-Beratung
Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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