(SZ) Der Kulturpessimismus war einmal eine reichlich exklusive Haltung von vergrämten Allround-Skeptikern, die in mitternächtlichen Philosophenrunden eine sehr kleine Zahl von Zuschauern unterhielten. Die Zeiten waren im Vergleich zu heute unkompliziert, jedenfalls auf den ersten Blick, der allerdings oft ausreicht, wenn man sich entscheiden will, ob einen die Zeitläufte eher beunruhigen oder gleichgültig lassen können. Irgendwann zankten sich die Kulturpessimisten über das jeweilige Niveau ihres Kulturpessimismus. Hin und wieder stand einer wütend auf und friemelte sich das Mikrofon aus dem Knopfloch, ehe er das Studio verließ. Die anderen sprachen einfach weiter, zum Kulturpessimismus gehörte auch, dass es Verluste unter den Diskursteilnehmern gab. Ansonsten war alles weitgehend smooth – die Weltlage gab sich düster, aber stabil, und der Untergang des Abendlandes war mehr oder weniger gemütlich an den Erzeugnissen des Regietheaters zu beklagen. Aber heute ist alles ganz schlimm geworden. Kulturpessimisten sind plötzlich überall, sogar Friedrich Merz hat kürzlich welche gesehen und rief ihnen von seinem Rednerpult aus zu: Wegtreten!
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