Geldanlage: Wer kauft eine Luxusuhr für Hunderttausende Euro, Herr Scher?

vor 2 Tage 2

München. Schlangestehen für eine Uhr? Wenn Swatch eine Kooperation mit einer Nobelmarke wie Omega, Blancpain oder Audemars Piguet anstößt, kann das vorkommen, denn die Modelle sind limitiert und gerade unter jungen Menschen begehrt. Bei der jüngsten Kollaboration von Swatch und Omega mussten Käufer sich nicht in eine Schlange stellen, sondern online eine Bewerbung ausfüllen.

Joram Scher handelt seit mehr als 30 Jahren mit luxuriösen Uhren aus zweiter Hand und kennt die Branche wie wenige. Im Interview erklärt er, ob sich Schlangestehen lohnt, welche Modelle immer gekauft werden und warum die teuersten Uhren manchmal gar nicht so teuer aussehen.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Joram Scher:

Herr Scher, haben Sie sich schon einmal beworben oder haben Sie in einer Schlange gestanden, um eine Uhr zu bekommen?
Joram Scher: Nein.

Dann können Sie den Hype um einige Kooperationen von Swatch und Marken wie Omega oder Audemars Piguet auch nicht nachvollziehen?
Oh doch, ich kann Menschen verstehen, die sich da in eine Schlange stellen. Ich finde diese Uhren spannend und habe mir auch welche über einen Mitarbeiter besorgen lassen.

Aber uhrmacherisch sind diese Uhren unter Ihrem Niveau.
Die Omega Moonswatch ist eine batteriebetriebene Uhr. Das ist nix für unsere Kunden, die mechanische Uhren wollen. Aber ich trage zum Beispiel eine Blancpain aus der Kollaboration mit Swatch, wenn ich Sport mache.

Machen Omega und Co. nicht ihr Image kaputt, wenn sie mit der Plastikuhren-Marke Swatch kooperieren?
Ich finde, es sind generell schöne Einstiegsuhren. Mein Sohn hat zum Beispiel eine Moonswatch. Er könnte natürlich jederzeit eine von meinen mechanischen Uhren leihen und im Job tragen, aber da käme er in seinem Alter ganz schnell unter Schnöselverdacht. Den Märkten geht es darum, zukünftige Kunden zu generieren und sie schon mal heiß zu machen, damit sie, wenn sie später mehr Geld haben, sich die „echten“ Uhren von Omega und Co. leisten. Ich finde auch, dass bei den Kooperationen das Preis-Leistungs-Verhältnis großartig ist, und vermutlich werden diese Uhren auch inzwischen das Doppelte oder Dreifache wert sein.

Vita Joram Scher

Der Münchner studierte Betriebswirtschaftslehre in seiner Heimatstadt und London. Nach Stationen im Marketing und Management einiger größerer Unternehmen, traf er in den 1990ern auf seinen zukünftigen Geschäftspartner Thomas Bachmann und geht seither seiner Leidenschaft für Uhren nach.

Der Uhrenhändler Thomas Bachmann gründete 1991 sein Unternehmen in München. 1998 stieg Joram Scher ein. Seither firmiert das Unternehmen mit Sitz in der Münchner Innenstadt als Bachmann & Scher. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Geschäft zu einer der ersten Adressen für Luxusuhren aus zweiter Hand.

Sind das dann echte Sammlerstücke?
Verglichen mit dem Aktienmarkt sind das eher Pennystocks.

600 Euro, die für die aktuelle Moonswatch aufgerufen werden, sind aus meiner Sicht kein Pennystock.
Im Vergleich zu echten Sammleruhren aber schon. Denn wenn ich aus 600 Euro Einstiegskurs 1200 oder 1800 Euro mache, ist das unter Uhrensammlern nicht der Rede wert. Nehmen Sie einmal an, Sie benötigen für eine solche Uhr ein neues Armband. Das kostet dann 100 oder 200 Euro, dann ist ein guter Teil Ihrer Sammlerrendite schon wieder futsch.

Wann legen denn Sammler los?
Meistens bei hohen vierstelligen, eher bei fünfstelligen Euro-Beträgen, und nach oben ist die Skala offen. Wir haben Kunden, die kaufen jedes Jahr Uhren für mehrere Hunderttausend Euro, und einige rechnen damit, dass sich der Wert dieser Uhren noch einmal steigert. Bei vielen geht es nicht um die Rendite, sondern eher darum, die Uhr einfach zu besitzen. Das ist dann vergleichbar mit einer Jagdtrophäe.

Was sind denn die klassischen Trophäen?
Zunächst einmal haben wir momentan eine Zweiteilung im Uhrenmarkt. Um den Markt mit dem Lebensmitteleinzelhandel zu vergleichen, könnte man sagen: Aldi geht’s schlecht und einem Feinkostladen wie Dallmayr geht es blendend.

Welche Marken würden Sie denn wo einordnen?
Ich höre schon die Ersten, die sagen: „Der Scher ist aber arrogant“, aber Marken wie Tissot, Longines, Rado …

… also Uhren, die im Geschäft etwa 1000 Euro kosten …
… werden momentan nicht häufig gekauft. Auf der anderen Seite erzielen Kleinstmarken wie FP Journe, Moser & Cie oder auch Lange & Söhne bei Auktionen mitunter siebenstellige Preise. Wenn Sie sich Auktionsergebnisse anschauen, dann ist es das Jahr der Weltrekorde. Ich glaube, noch niemals zuvor haben solche Uhren bei den Auktionen solche Preise erzielt. Erst kürzlich habe ich für einen alten Kunden von mir eine FP Journe für über eine Viertelmillion Euro in Kommission genommen, für die er vor sieben Jahren 47.000 Euro gezahlt hat.

Eine FP Journe aus der Sammlung des Rennfahrers Michael Schumacher: Wurde 2025 versteigert. Foto: Christiane Oelrich/dpa

Was macht diese Uhren so besonders?
Sie sind einerseits superrar. Teilweise gibt es aus einer Serie vielleicht 20 Uhren. Zum anderen sind sie handwerklich extrem ausgeklügelt und filigran.

Wer leistet sich denn ernsthaft eine solche Uhr?
Das sind meistens Menschen, die schon alles haben und die als Träger einer teuren Uhr nicht auffallen wollen. Es gibt Modelle von Herstellern wie Richard Mille, die sehen durch ihre bunten Gehäuse auf den ersten Blick nicht so aus, sie kosten aber 300.000 Euro.

Aber wer eine teure Uhr trägt, will doch auch ein Statement setzen.
Das Statement bei diesen Menschen ist, dass die Marke keiner kennt und vielleicht zwei von tausend Passanten sich umdrehen und anerkennend nicken. Solche Uhren geben denen, die sie tragen, auch ein Gefühl von Sicherheit: Eine Rolex würde ihnen in bestimmten Gegenden sofort wer von der Hand reißen, eine FP Journe nicht.

Rolex Daytona: laut Joram Scher ein Uhrenklassiker. Foto: Chrono24

Nun haben Sie endlich den Namen Rolex genannt. Warum wollen gefühlt alle eine Rolex?
Ob alle eine Rolex wollen, sei einmal dahingestellt. Rolex ist die wahrscheinlich bekannteste Uhrenmarke und der Hersteller, der die Kunst der Verknappung mit am besten beherrscht.

Was heißt das konkret?
Gehen Sie einmal in ein Rolex-Geschäft und sagen, Sie möchten die Uhr vorne links aus dem Schaufenster mitnehmen. Dann wird Ihnen freundlich erklärt, dass Sie diese Uhr in mehreren Monaten oder vielleicht sogar erst in ein bis zwei Jahren kaufen können und man Sie auf eine Warteliste aufnehmen wird. Sie werden dann auch sicher mehr zahlen als das, was neben der Uhr im Schaufenster steht.

Über welchen Aufschlag sprechen wir da?
In der Vergangenheit sind die Preise bei Rolex im Schnitt um zehn Prozent pro Jahr gestiegen.

Sind diese Preissteigerungen gerechtfertigt?
Eine Rolex ist extrem langlebig. Das heißt, das Uhrwerk funktioniert über Jahrzehnte. Es kann also sein, dass Sie eine solche Uhr 15 Jahre lang tragen und dann zum gleichen Preis wieder verkaufen.

Inflationsbereinigt?
Mitunter sogar mehr. Wir haben Kunden, die haben kurz vor der Euro-Einführung eine Rolex für 4000 Mark gekauft und konnten sie 20 Jahre später für 8000 Euro verkaufen.

Gilt das auch für andere Marken?
Patek Philippe ist die zweite Marke mit Uhren von sehr hoher Qualität, bei der zumindest Verknappung eine große Rolle spielt. Bisweilen gehen bestimmte Modelle nur an Menschen, die bereits eine Patek gekauft haben.

Neukundenakquise sieht aber anders aus.
Patek Philippe will gar nicht auf Masse machen. Wenn Sie nicht schon eine oder gar mehrere dieser Uhren von Patek besitzen, kommen Sie um den Zweitmarkt nicht herum.

Das heißt, solche Uhren gibt es für Menschen wie mich nur aus zweiter Hand?
Das ist für viele Sammler und auch bei Marken wie Audemars Piguet oder Modellen von Cartier oder Omega ganz normal und hat wenig mit dem Secondhand-Image zu tun, das man etwa bei Klamotten haben kann.

Lassen Sie sich nicht beeinflussen von Menschen wie mir, nicht von Medien oder sonst wem. Ihnen muss die Uhr gefallen, sonst niemandem. Joram ScherUhrenhändler

Eine Patek Philippe ist selten für weniger als 25.000 Euro zu haben. Kommen wir einmal zu den Uhren, die weniger als 10.000 Euro kosten?
Bei 3500 bis 7000 Euro gibt es schon ein paar ausgewählte Stückchen, die ich auch als Sammleruhren sehe. Da ist man gut investiert und man hat Freude am Produkt. Denn eine Uhr ist keine Aktie, sondern ein Gegenstand, den man trägt, der einen begleitet und der einem Freude macht. Richtig los geht es zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Das ist schon richtig viel Geld, dafür kaufen sich viele Menschen ein Auto.

Bei welchen Marken und Modellen sind wir da unterwegs?
Hier gibt es viele, wie die Omega Speedmaster, vor allem Modelle aus der Zeit vor der ersten Mondlandung. Dazu kommen einige Rolex-Modelle. Ganz vorneweg die Daytona, die wie die Speedmaster aus dem Motorsport kommt. Das sind Uhren, die sind wie ein Porsche 911, der kommt auch nie aus der Mode. Begehrt sind auch die anderen Sportuhren von Rolex, Modelle wie der GMT Master oder der Submariner. Einige Modelle von IWC haben sich toll entwickelt. Das gilt auch für Uhren von Cartier. Ich erinnere mich an Uhren von Cartier, die haben mal 15.000 Euro gekostet, die liegen jetzt bei etwa 90.000 Euro.

Das klingt fast, als würden bestimmte Modelle automatisch im Preis steigen. Sind da nicht auch ein wenig der Markt oder Trends verantwortlich?
Automatismen gibt es nicht und Sie haben recht mit den Trends. Nehmen Sie Cartier. Diese Marke profitiert stark davon, dass Taylor Swift offenbar immer wieder mit einer Cartier am Handgelenk zu sehen war. Es wäre aber zu kurz gesprungen, Cartier als „Taylor Swift Brand“ zu sehen, denn Cartier hat schon immer hervorragendes Marketing gemacht, und das ist bei Uhren das A und O. Weiterhin ist die Nachfrage in den USA riesengroß, denn wir haben dort viele Käufer, die ihr Geld, das sie in der KI-Branche oder mit Investments in diese Branche verdient haben, in Uhren anlegen.

Ist das eine Entwicklung der vergangenen Jahre?
Das ist ein langfristiger Trend. Der generelle Reichtum, also wie viel Geld in Europa im Vergleich zu den USA zur Verfügung steht, war um die Jahrtausendwende circa gleich. Das hat sich, so mein Eindruck, massiv verschoben zugunsten der USA. Das hat auch mit der Entwicklung an den Finanzmärkten zu tun.

Wenn die Kurse fallen, bricht die Nachfrage aus den USA ein?
Das kann passieren. Wobei die Preiseinbrüche eher im Bereich von 20 Prozent liegen. Wenn Sie natürlich nur am Investment interessiert sind und verhältnismäßig teuer eingekauft haben, ist so ein Rückgang auch blöd. Aber die meisten Menschen, die ich kenne und die Uhren kaufen, sehen in ihnen mehr Emotionen als Rendite.

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Nomos: Die Uhren gehören für Joram Scher zu den wenigen deutschen Herstellern, die qualitativ mit der Schweizer Konkurrenz mithalten können. Foto: PR

Sie haben einmal von einer Lebensuhr geschrieben. Was meinen Sie damit?
Ich denke da an die Uhr, die man sich als Jugendlicher im Schaufenster angesehen hat, die man sich aber damals nicht leisten konnte und die einem nie aus dem Kopf gegangen ist. Das kann eine Uhr für 10.000 Euro und mehr sein, ich kenne aber auch Leute, für die ist eine Nomos für 2000 Euro eine Lebensuhr. Das ist einer der wenigen deutschen Hersteller, der sich durch ein klares Bauhaus-Design und gute Uhrwerke international einen Namen gemacht hat und preislich ein Tipp ist.

Haben Sie einen Tipp, wie man die richtige Uhr für sich findet?
Lassen Sie sich nicht beeinflussen von Menschen wie mir, nicht von Medien oder sonst wem. Ihnen muss die Uhr gefallen, sonst niemandem. Und nur wenn Sie Zweifel haben, ob die Uhr echt ist, ziehen Sie jemanden, der sich auskennt, zurate. Wenn Ihre Uhr dann auch noch ein Sammlerstück ist, ist das ein netter Nebeneffekt, aber Hand aufs Herz: Würden Sie diese Uhr verkaufen, wenn Sie nicht gerade in einer absoluten Notlage sind?

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