Geldanlage: „Die großen Themen an den Märkten haben sich in negativer Richtung verstärkt“ – worauf es nun ankommt

vor 2 Tage 1

Düsseldorf. Am Aktienmarkt setzt sich eine Erkenntnis durch: Investoren haben die Situation im Nahen Osten unterschätzt. Statt sich einer Lösung zu nähern, eskaliert der Krieg immer weiter.

Die Energie- und Anleihemärkte haben auf diese Entwicklung bereits reagiert. Nun droht auch der bislang stabile Aktienmarkt nach unten zu drehen. Denn es ist nicht der Irankrieg allein, der das Investorenvertrauen unterhöhlt. Es treffen gleich mehrere Entwicklungen aufeinander.

„Die beiden großen Themen des gesamten Jahres an den Finanzmärkten, nämlich der Iran und Künstliche Intelligenz (KI), haben sich in negativer Richtung verstärkt“, sagt Kapitalmarktstratege Jim Reid von der Deutschen Bank. Und als wäre das nicht genug, ist auch der Zollstreit zurück. Am Freitag verhängten die USA neue Sonderabgaben für 60 Handelspartner.

Ausgangspunkt ist die erneute Eskalation im Irankrieg. Dadurch ist nicht nur der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus fast zum Erliegen gekommen. Jetzt schüren auch noch die Huthi-Rebellen mit einer Blockade des Roten Meers die Energiekrise. Dadurch wird ein alternativer Lieferweg bedroht.

Die steigenden Energiepreise treiben wiederum die Zinserwartungen. Wird Öl und Gas teurer, wirkt sich das auch auf andere Produkte aus. Dadurch droht eine Lohn-Preis-Spirale, in der steigende Löhne zu höheren Produktionskosten und Preisen führen. Dem können die Notenbanken nur über höhere Zinsen Einhalt gebieten.

Entsprechend passen Investoren ihre Erwartungen an. Vor dem Irankrieg sahen Zins­händler an der Terminbörse in Chicago eine Wahrscheinlichkeit von 78 Prozent, dass die US-Notenbank Fed bis zum Jahresende mindestens zweimal ihren Leitzins senkt. Mittlerweile sehen sie eine 56-prozentige Chance für zwei Zinserhöhungen.

In Europa ist die Entwicklung ähnlich: Hier liegt die Wahrscheinlichkeit für zwei Zinserhöhungen bis zum Jahresende bei 50 Prozent. Weil Anleger nun erwarten, dass neue Anleihen mit höheren Zinskupons auf den Markt kommen, sinkt die Nachfrage. Dadurch fallen die Anleihekurse, im Gegenzug steigen die Renditen.

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen liegt auf dem höchsten Niveau seit 15 Jahren. In den USA nähert sich die Rendite der zehnjährigen Treasuries dem Niveau vom Herbst 2023 und steigt damit in Richtung fünf Prozent.

Normalerweise dämpft das auch den Aktienmarkt. Denn durch das höhere Zinsniveau verteuern sich Investitionen für Unternehmen, was die Wirtschaft tendenziell bremst. Zudem steigt der risikolose Zins, sodass Aktien unattraktiver werden.

Diesen Effekt gab es diesmal aber nur zu Beginn des Kriegs. Von dem kurzen Kurseinbruch erholten sich aber die weltweiten Indizes und erzielten neue Höchststände.

Möglich war diese paradoxe Situation, weil Anleger am Aktienmarkt überzeugt waren, dass der Irankrieg bald endet. Anlagestratege Mark Dowding vom Vermögensverwalter RBC BlueBay Asset Management verweist auf die Bedeutung der Zwischenwahlen, die in den USA im November anstehen, wo eine hohe Inflation den Interessen von US-Präsident Donald Trump schaden würde.

Stimmung um KI dreht sich

„Vor diesem Hintergrund ist in den Märkten weiterhin die Erwartung verankert, dass die Gespräche irgendwann in den kommenden Wochen wieder aufgenommen werden, weshalb die jüngsten Auswirkungen auf Risikoanlagen eher verhalten ausfielen“, sagt Dowding.

Diese Erwartung gerät nun ins Wanken. Gleichzeitig fällt die Stimmung rund um KI als Kurstreiber weg. Nachdem monatelang Tech- und vor allem Chip-Aktien den Markt getragen hatten und die Entwicklung im Iran überkompensierten, werden sie zunehmend zur Belastung.

Deutsche-Bank-Experte Reid sagt dazu: „Die beiden großen Probleme für die großen Tech-Unternehmen bestehen darin, dass die Investitionsausgaben nicht mehr allein aus dem freien Cashflow finanziert werden und kostengünstigere Open-Source-KI das Geschäftsmodell des US-amerikanischen KI-Stacks ernsthaft bedroht.“

Die Alphabet-Aktie sank nach den Quartalszahlen um sechs Prozent. Da nächste Woche mit Amazon, Microsoft und Meta weitere Tech-Konzerne ihre Quartalszahlen vorlegen, und dabei ebenfalls hohe Investitionen ankündigen dürften, schürt das die Unsicherheit.

Bislang gibt es bei fallenden Kursen genügend Käufer

In den vergangenen Wochen wurden die Kursschwankungen bereits stärker. Letztendlich stabilisierten sich die Kurse in Europa und den USA aber immer wieder und grenzten ihre Verluste bis zum Handelsschluss ein. Das ist ein Zeichen, dass es immer noch genügend Käufer am Markt gibt, die bei niedrigeren Bewertungen einsteigen und die Kurse damit stabilisieren. Das sorgt für eine schwankende Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau.

Geldanlage

Buy and hold – Wie die richtige Aktienstrategie Anleger ruhig schlafen lässt

Trotz vieler Krisen notieren die Börsen nahe ihren Höchstständen. Das macht die Auswahl schwierig. Sieben Kriterien entscheiden.

Je länger allerdings der Irankrieg andauert, und je höher die Energiepreise steigen, desto drängender stellt sich die Frage, wie lange Investoren am Aktienmarkt bereit sind, diese Entwicklung zu ignorieren. Zuletzt wurden selbst notorisch optimistische Experten vorsichtiger. Zumal mit den neuen US-Zöllen ein weiterer Nebenschauplatz eröffnet wurde.

Zwar fiel das Ergebnis aus europäischer Sicht bislang besser aus als erwartet. Aber ein erneuter Zollstreit könnte die Inflationserwartungen wieder anheizen, warnt der unabhängige Analyst Ed Yardeni: „Das Risiko besteht darin, dass eine weitere Runde von Zollerhöhungen zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Güterpreise ausübt.“

Trump möchte nicht mit einer Kapitulation in Verbindung gebracht werden. Anleger können kaum planen. Mark DowdingRBC BlueBay Asset Management

Sollte nun auch noch die Hoffnung auf ein Ende des Irankriegs schwinden, wäre das für den Aktienmarkt ein gefährliches Gemisch. Allein fehlt derzeit eine Perspektive, wie der Krieg beendet werden sollte, sagt RBC-Experte Dowding. Der Iran scheine in seinen Forderungen so unnachgiebig wie eh und je zu sein. Aus Irans Sicht bluffe die US-Regierung lediglich.

„Das daraus resultierende ‚Chicken‘-Spiel – wer gibt zuerst auf? – ist gefährlich. Trump möchte nicht mit einer Kapitulation in Verbindung gebracht werden. Die Entwicklung ist schlecht vorhersehbar, und Anleger können kaum planen“, erklärt Dowding.

Verwandte Themen

IranUSADonald TrumpEuropa

Einige Analysten üben sich daher bereits in Zweckoptimismus. So bemüht die DZ Bank das Sprichwort, wonach die Nacht vor der Dämmerung am dunkelsten ist. „Tatsächlich haben die letzten Monate eindrucksvoll demonstriert, wie rasch die Konfliktparteien ausgehend vom Angriffs- in den Annäherungsmodus schalten können“, schreiben die Analysten Christoph Müller und Sören Hettler.

Tatsächlich könnte eine solche Entwicklung die Seitwärtsphase nach oben auflösen. Analyst Yardeni erinnert daran, dass geopolitische Schocks bislang stets Kaufgelegenheiten waren. Lässt eine Wende im Iran aber länger auf sich warten, droht den Börsen ein komplizierter Sommer.

Gesamten Artikel lesen