Tokio. Mitten im Irankrieg verzeichnet der japanische Leitindex Nikkei 225 die größte Rally seiner Geschichte. Bis zum 7. April hatte der Index wegen des Irankriegs massiv an Wert verloren. Als US-Präsident Donald Trump Verhandlungen mit dem Iran startete, änderte sich das: Seitdem stieg der Index um 20 Prozent.
Die Auslöser für die Rally waren Wetten auf ein baldiges Kriegsende und die Euphorie um Künstliche Intelligenz (KI). Maki Sawada, Aktienstratege bei Nomura Securities, sagte am Montag: „Aktien im Zusammenhang mit Gewinnmeldungen der Unternehmen sowie KI- und Halbleiterwerte haben den Markt angeführt.“
Ein Indiz dafür: Während der Nikkei-225 Rekorde bricht, notieren die meisten Einzelwerte deutlich unter ihren Jahreshöchstständen – der Aufschwung konzentriert sich auf einige Technologiefirmen. Gemeint ist etwa der Industrieroboterhersteller Fanuc.
Nachdem das Unternehmen am Freitag in seiner Jahresbilanz die Erwartungen der Anleger übertroffen und seine KI-Strategie präsentiert hatte, stieg der Aktienkurs am Montag um 16 Prozent.
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Die US-Investmentbank JP Morgan hob sogar ihre Jahresprognose für den von großen Technologiewerten dominierten Nikkei 225 von 61.000 auf 70.000 Punkte an – und die für den breiter gewichteten Topix von 4100 auf 4300 Punkte. Obwohl manche den Nikkei 225 für überhitzt hielten, sei das langfristige Wachstumspotenzial des japanischen Aktienmarkts weiter gestiegen, begründete JP Morgan den Schritt.
Shoji Hirakawa, Chefstratege des Tokai Tokyo Research Institute, sieht dahinter die hohen Erwartungen an KI-nahe Unternehmen, die deren Marktwert besonders widerstandsfähig machten. „Diese Vermögenswerte sind weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen und steigende Ölpreise – ihre Bewertungen bleiben dauerhaft erhöht“, sagt er.
Doch nicht alle Investoren teilen diesen Optimismus. Laut Nomura zeigten sich Anleger aus Singapur skeptisch gegenüber der auf den Technologiesektor konzentrierten Erholung. Sie seien nicht bereit, auf ein breites Wirtschaftsaufschwungsszenario zu setzen, solange die Ölpreise hoch blieben. Andere strukturelle Faktoren liefern Anlegern dagegen Argumente, über die Risiken des Irankriegs hinwegzusehen.

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JP-Morgan-Analysten nannten neben dem anhaltenden KI-Boom den schwachen Yen als Grund. Der bewegt sich immer wieder an der Marke von 160 Yen zum Dollar. Das trifft Konsumenten, die mehr Geld für Importe oder Auslandsreisen zahlen müssen.
Aber für das Exportgewerbe und Unternehmen mit Auslandsgeschäft – und damit die Anleger – hat ein Fall des Yen Vorteile: Ausfuhren verbilligen sich, und Auslandsgewinne fallen bei der Umrechnung in Yen höher aus. Die Notenbank sorgte am Dienstag dafür, dass der Yen weiter schwach bleibt. Sie verzichtete vorerst auf eine Zinserhöhung, womit die Zinsspanne zu den USA sich nicht verringert.
Die Bilanzsaison für das Ende März abgelaufene japanische Bilanzjahr, die vorige Woche begonnen hat, könnte weitere Impulse liefern. Viele Anleger erwarten, dass Japans Unternehmen trotz des Irankriegs ihre Gewinne pro Aktie weiter steigern werden.
Geopolitik und Japans Corporate-Governance-Reformen ziehen Investoren an
Zudem sehen Experten strukturelle Gründe für die wachsende Beliebtheit des japanischen Markts, gerade bei US‑Investoren. Tokio Morita, ein früherer Spitzenbeamter der japanischen Finanzaufsicht und heute Chef von FinCity.Tokyo, einer Organisation zur Stärkung des Finanzplatzes Tokio, nennt im Gespräch mit dem Handelsblatt drei entscheidende Faktoren.
Der erste: die Rückkehr der Inflation. „Im Kern geht es darum, dass die japanische Wirtschaft mit der Rückkehr der Inflation wieder auflebt – nach etwa 20 Jahren wirtschaftlicher Stagnation mit Negativzinsen“, sagt Morita. „Japanische Unternehmen denken jetzt zunehmend darüber nach, wieder in ihr Wachstum zu investieren.“

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Der zweite Faktor: Geopolitik. Globale Investoren suchten nicht zwingend nach Alternativen zu hohen US-Bewertungen – aber nach zusätzlichen Anlagezielen, sagt Morita. „Und aus dieser Perspektive ist Asien eine der am schnellsten wachsenden Regionen weltweit.“
Der dritte Faktor: die Corporate-Governance-Reformen, die Japans Regierung, die Finanzaufsicht und die Japan Exchange Group – Betreiberin der Tokioter Börse – vorantreiben. Es gehe dabei nicht nur um Risikomanagement oder Regelkonformität, sondern vor allem um die Förderung von Investitionen in künftiges Wachstum, sagt Morita – auch zum Wohle der Anleger.
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So fordert die Börse die Unternehmen auf, ihre Eigenkapitalrendite von derzeit rund acht auf mehr als zehn Prozent zu steigern. „Als Reaktion darauf trennen sich japanische Unternehmen von Randgeschäften, nicht rentablen Vermögenswerten, gegenseitigen Beteiligungen und brachliegenden Immobilien – damit das Kapital produktiver eingesetzt werden kann“, sagt Morita. Das hat bereits Folgen, beobachtet Nicholas Smith, Stratege der CLSA in Tokio. „Japans Markt für Fusionen und Firmenkäufe steht endlich in Flammen.“
Das ist aber nur die Grundlage – wie auch die größte asiatische Start-up-Messe „SusHi Tech“ in Tokio diese Woche demonstriert. Nicht nur an der Börse, auch im Wagniskapitalgeschäft schürt KI Fantasien. Die Messe hat ihre Ausstellungsfläche im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.
Fabrik-KI, Robotik und Automatisierung sind für Tess Hau, Gründerin des Wagniskapitalfonds Tess Ventures, derzeit die spannendsten Themen. „Wir glauben, dass die nächsten zehn Jahre außerordentlich aufregend werden“, sagt sie auf einer Podiumsdiskussion. „Wir suchen weltweit nach Investitionen in diesem Bereich.“

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