Geldanlage: „Auch eine Rentnerin kann 100 Prozent Aktien vertragen“

vor 2 Tage 3

München. Geldanlegen mit Aktien und Anleihen erscheint vielen Menschen so kompliziert, dass sie erst gar nicht damit anfangen. Das untermauern Zahlen des Deutschen Aktieninstituts, nach denen nur etwa jeder sechste Bundesbürger entweder direkt oder über Fonds Aktien besitzt.

Laut Martin Weber ist diese Schwellenangst aber unbegründet und kann sich rächen. Der Finanzwissenschaftler hat über Jahrzehnte zum Verhalten von Anlegern geforscht und gibt im Interview Tipps, wie Einsteiger und Fortgeschrittene ihre Depots aufbauen.

Herr Weber, kann sich jeder Anleger oder jede Anlegerin selbst ein Wertpapier-Depot aufbauen?
Martin Weber: Das kommt ganz darauf an, was man will und wie viel Vorbildung man hat. Das Wichtigste ist aber, dass man überhaupt investiert.

Viele Menschen haben eine gewisse Schwellenangst, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen. Wer kann einem helfen, über diese Schwelle zu treten?
Einen guten Bankberater zu finden, der einem nicht nur die Produkte seiner Bank verkaufen will, ist sicherlich eine Herausforderung. Honorarberater sind da vielleicht die bessere Wahl, denn sie beraten deutlich unabhängiger. Es gibt aber auch zahlreiche Forschungen, die belegen, dass es auch ungemein helfen kann, wenn es im Freundes- und Bekanntenkreis Menschen gibt, die einem die Grundlagen des Investierens näherbringen und vielleicht auch den ein oder anderen Tipp geben können.

Angenommen, ich will es als Anleger ganz einfach haben, gäbe es da so etwas wie das Portfolio für Dummies?
Im Rahmen unserer Forschung sind wir immer wieder darauf gestoßen, dass ein Portfolio, das zu zwei Dritteln aus Aktien und zu einem Drittel aus Anleihen besteht, ein guter Start sein kann.

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Richtig investieren: Neun ETF-Portfolios für jede Lebenslage

Mehr braucht es nicht?
Eine solche Kombination dürfte zunächst einmal reichen. Wer will, kann auch noch Rohstoffe oder auch Immobilien integrieren, aber da wird es dann auch schon komplizierter und man braucht mehr Fachkenntnis und muss mehr Zeit investieren, die viele Menschen nicht haben oder nicht aufwenden wollen.

Zwei Drittel Aktien ein Drittel Anleihen mag für die eine oder den anderen recht offensiv klingen.
Da gebe ich Ihnen recht. Und so kommen wir zu einer zentralen Frage, die wir noch gar nicht beantwortet haben: die nach dem Anlageziel. Ein 30-Jähriger, der sich mit 40 einen Sportwagen kaufen will, wird ganz anders anlegen als eine Rentnerin, die für ihre Enkel Geld anspart. Die Zeit, die ich zum Investieren habe, bestimmt ganz wesentlich, welches Risiko ich nehmen kann.

Es geht darum, bessere Informationen zu haben als der Rest der Marktteilnehmer. Martin WeberFinanzwissenschaftler

Das heißt also, Regeln wie Aktienquote ist gleich 100 minus Lebensalter sind sinnlos?
Nicht unbedingt, wenn ich das Ziel habe, nur für mich anzusparen und mein Geld bis zum Lebensende aufbrauchen will, kann diese Regel sinnvoll sein. Sogenannte Lebenszyklusfonds, die in den USA sehr beliebt sind, machen genau das. Letztendlich sollte die Aktienquote aber von der eigenen Risikoeinstellung abhängen. Also von der Zeit, die ich zum Investieren habe und ob ich mich mit dem Portfolio wohlfühle. Wer sich über schwankende Kurse Sorgen macht, sollte weniger Aktien haben als jemand, den das Auf und Ab an der Börse kaltlässt.

Es gibt viele Profiinvestoren, deren Portfolios sehr wenige verschiedene Wertpapiere umfassen. Charlie Munger, der 2023 verstorbene Investmentpartner von Warren Buffett, soll etwa nur drei Positionen in seinem Depot gehabt haben. Andererseits raten Fachleute wie Sie, möglichst breit zu diversifizieren. Wer hat nun recht?
Beide Seiten. Wenn ich von einer einzelnen Aktie absolut überzeugt bin und auch das Unternehmen kenne, also einen Informationsvorsprung habe, dann kann ich auch diese Aktie kaufen und sie zum zentralen Bestandteil meines Portfolios machen. Es geht am Ende des Tages immer darum, bessere Informationen zu haben als der Rest der Marktteilnehmer. Aber Hand aufs Herz: Diese Informationen werden Sie und ich und auch fast alle Fondsmanager nicht haben. Daher ist es sinnvoller, das investierte Geld möglichst breit zu streuen.

Prof. Martin Weber: Der Finanzwissenschaftler hat über Jahrzehnte zum Verhalten von Anlegern geforscht. Foto: Martin Weber GmbH

Reicht mir dann schon ein börsennotierter Indexfonds (ETF) auf den Aktienindex MSCI World?
Ganz sicher nicht. Denn abgesehen davon, dass Sie mit einem ETF auf diesen Index eigentlich nur in US-Aktien investieren, fehlen im MSCI World auch noch die Schwellenländer ...

… das sind aber Märkte, die in den vergangenen zehn Jahren eher schlecht gelaufen sind.
Das mag sein, aber hätten Sie im Jahr 2015 darauf gewettet, dass es tatsächlich so kommt?

Eher nicht.
Das ist genau das Problem. Wir haben als Anleger immer zwei Perspektiven: Ex Post, also im Nachhinein, sind wir alle klüger und wissen, welche Aktien und Märkte gut gelaufen sind und welche nicht. Ex ante, also vorher, waren wir aber alle gleich dumm und wussten nicht, wer am Ende das Rennen macht.

Das bedeutet dann auch, dass es müßig ist, nach den besten Fonds oder Aktien zu suchen?
Ich würde positiver formulieren: Es reicht vollkommen, wenn Sie mit dem Markt investieren. Auf diese Weise können Sie langfristig und ohne viel Stress Vermögen aufbauen.

Stress ist ein gutes Stichwort. Es gab etwa Anfang April 2025 einen regelrechten Kurssturz, der viele Anlegerinnen und Anleger aufgeschreckt hat. Was sollten die in einer solchen Situation machen?
Das hängt auch wieder von ihrem Anlageziel ab. Wenn sie ihr Geld erst in 20 oder 30 Jahren brauchen, können sie solche Kursschwankungen, wie wir sie im vergangenen Monat erlebt haben, ganz gelassen hinnehmen. Um diese Ruhe zu bekommen, hilft es, wenn sie sich auf ihr Ziel besinnen und die Strategie beibehalten.

Das heißt?
Nicht hektisch werden und Wertpapiere verkaufen, nur weil es gerade viele andere tun.

Vita Martin Weber

Der gebürtige Stuttgarter studierte Mathematik und Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der RWTH Aachen. Nach Professuren in Köln und Kiel und Forschungsaufenthalten an der Stanford University, der Wharton School und anderen US-Unis, kam er an die Uni Mannheim, wo er verstärkt zum Anlegerverhalten forschte. Der heute 74-Jährige setzt sich auch als Seniorprofessor für mehr Finanzbildung ein.

Martin Weber ist einer der ersten deutschen Wissenschaftler, die sich mit Behavioral Finance, also Fragen wie: „Warum gibt es an der Börse einen Herdentrieb?“ und „Wie entsteht Panik am Markt?“ auseinandersetzten. 2008 erarbeitete er mit dem Arero einen Fonds, der mittels ETFs in Aktien, Renten und Rohstoffe investiert und ein Basisinvestment für jedermann sein soll. Inzwischen hat sich Weber als Berater aus dem Fonds zurückgezogen.

Kommen wir noch einmal auf das Thema Diversifikation. Gibt es eine Obergrenze, ab der es sinnlos ist, noch breiter zu streuen?
Wenn Sie nicht gerade der norwegische Staatsfonds sind, reicht es, wenn Sie Aktien und Anleihen oder Aktien und Festgeld oder Tagesgeld haben. Bei den Aktien ist es wichtig, mit einem oder mehreren ETFs die etablierten Märkte und auch die Schwellenländer abzubilden. Ob man zusätzlich noch ETFs kauft, die die Entwicklungen mittelgroßer und kleiner Unternehmen nachzeichnen, ist Geschmackssache. Genauso wie es nach unserer Forschung auf lange Sicht eine Frage des Geschmacks ist, ob man auf Unternehmensanleihen oder lieber auf Staatsanleihen setzt, die auf Euro lauten und so kein Wechselkursrisiko haben.

Für wen lohnt es sich, Aktien mit Tagesgeld und Festgeld zu kombinieren?
Solche klassischen Sparkonten sind einfach berechenbarer. Anleihen sind einerseits festverzinsliche Wertpapiere, andererseits aber schwanken ihre Kurse. Das ist nicht jedermanns Sache. Dazu kommt: Wenn Sie etwa Anleihen auf den US-Dollar im Portfolio haben, können Ihnen Währungsschwankungen sehr schnell einen Strich durch die Rechnung machen.

Je mehr Zeit Sie haben, desto höher kann Ihr Risiko sein. Martin WeberFinanzwissenschaftler

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Wer kann sich im Portfolio 100 Prozent Aktien erlauben?
Jede und jeder, zu dessen Zielen es passt. Wie bereits gesagt: Je mehr Zeit Sie haben, desto höher kann Ihr Risiko sein. Auch die Rentnerin, die ich vorhin angeführt habe, kann 100 Prozent Aktien vertragen, solange sie das Geld für ihre Enkel anlegt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Situationen, in denen aktiv gemanagte Fonds sinnvoller sind als ETFs, die automatisch einen Index nachbilden?
Da wären wir wieder bei Informationen. Wenn ein Fondsmanager wirklich Informationen hat, die sonst niemand besitzt, kann sich sein Fonds lohnen. Aber wissen Sie, welcher Fondsmanager der Glückliche ist? Informationen kosten zudem Geld. Es gibt nicht wenige aktiv gemanagte Fonds, die es vor Kosten schaffen, den Markt zu schlagen, nach Kosten sieht die Welt dann wieder anders aus.

Dieser Artikel erschien bereits im Mai 2025. Der Artikel wurde am 12.05.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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