- Psychologen wissen: Schon beim Gedanken an ein passives Einkommen reagiert das Gehirn mit Glücksgefühlen. Der regelmäßige Geldstrom ohne Arbeit ist zwar zunächst einmal mit Aufwand verbunden, aber durchaus möglich. Das Handelsblatt zeigt anhand von vier Anlagestrategien, wie es geht.
- Anleihen versprechen ein besonders gut kalkulierbares passives Einkommen. Wie Anlegerinnen und Anleger am besten von diesem Trend profitieren, erfahren Sie hier.
- Viele Unternehmen bieten verlässlich steigende Gewinnausschüttungen. Lesen Sie hier, wie Sie Dividendenaktien zur passiven Einnahmequelle machen.
- Aus Ihren Aktien können Sie aber noch mehr herausholen als nur die Dividenden, etwa mit Call-Optionen. Aber auch mit Fonds und ETFs können Sie hohe Ausschüttungsrenditen für ein passives Einkommen erzielen.
München. Passives Einkommen. Fallen diese beiden Wörter, geht für die meisten Menschen das Kopfkino los. Keine Termine mehr, nur noch das tun, worauf man gerade Lust hat, und das alles ohne die bange Frage: „Wer zahlt’s?“ Wahrscheinlich liegt darin der Reiz und auch der Erfolg vieler selbst ernannter Finanzstrategen, die auf den sozialen Medien lautstark ihre Ideen für passives Einkommen bewerben.
„Aus psychologischer Sicht bündelt die Idee eines passiven Einkommens vor allem drei Wünsche: Sicherheit, Freiheit und Entlastung“, sagt Valentin Haas. Der Psychologe und Führungskräfte-Coach kennt dieses Phänomen aus unzähligen Sitzungen: Gerade wenn jemand sich dauerhaft im Hamsterrad wähnt, sorgt schon der Gedanke an die Erlösung für ein kurzes Aufatmen.
In diesem Moment, so Haas, reagiere unser Gehirn mit einem Glücksgefühl: Der Botenstoff Dopamin werde ausgeschüttet, weil wir glauben, einen Ausweg gefunden zu haben – obwohl sich an der Situation noch gar nichts geändert hat. „Videos, Erfolgsgeschichten und Versprechen wie: ‚Spare Summe X an und du wirst auf ewig davon leben können‘ sorgen für einen wahren Dopamin-Kick“, sagt der Psychologe.
Wer sich aber näher mit den Angeboten auseinandersetzt, findet meist wenig Konkretes. Dabei gibt es wenige Fragen, bei deren Antwort konkrete Zahlen eine größere Rolle spielen. Ob es klappen kann mit dem passiven Einkommen, hängt von mehreren Faktoren ab:
- den persönlichen laufenden Einnahmen und Ausgaben,
- wie und nach welchen Regeln daraus Vermögen aufgebaut wird,
- und schließlich davon, wie man es schafft, Vermögen so anzulegen, dass daraus ein stetiger Einnahmestrom fließt.
Um die verschiedenen Wege zum passiven Einkommen voneinander abzugrenzen, hat die Redaktion des Handelsblatts eine Reihe von Fachleuten befragt und stellt vier Anlagestrategien vor, die alle zum Ziel führen können.
So viel vorab: Das passive Einkommen, das tatsächlich ganz ohne eigenes Zutun fließt, gibt es höchstens für Erbinnen und Erben. Für alle anderen Menschen gilt: Jedes Vermögen will erst einmal erarbeitet werden. Mit der richtigen Finanzplanung ist es andererseits aber auch nicht unmöglich, von diesem Vermögen zu leben.
Grundsätzlich gilt es beim passiven Einkommen zunächst zu unterscheiden, ob es dazu da sein soll, ausschließlich vom eigenen Vermögen zu leben. Oder ob das passive Einkommen im Ruhestand – oder auch schon ein paar Jahre vorher – ein Zubrot zu anderen Einnahmequellen wie Gehalt oder Rente darstellen soll.
Das passive Einkommen für Aussteiger
Ausschließlich vom eigenen Vermögen zu leben, ist laut Ruhestandsplaner Michael Huber meist nur Menschen möglich, die sehr viel Geld geerbt haben, ein Unternehmen gegründet oder eine Erfindung gemacht haben und ihr Werk zu einem guten Preis verkaufen konnten. Als Angestellter wird es hingegen schwer. „Wer etwa mit 25 plant, allein durch eisernes Sparen und kluges Anlegen mit 50 in den Ruhestand zu gehen, muss sich enorm anstrengen“, sagt der Deutschlandchef des VZ Vermögenszentrums. Das gelte selbst für Menschen mit einem überdurchschnittlich hohen Gehalt.
Wie hart dieser Weg ist, zeigt eine Beispielrechnung, die bereits auf recht optimistischen Annahmen fußt: Ein junger Mensch verdient mit 25 Jahren 3000 Euro netto und das Gehalt steigt Jahr für Jahr um fünf Prozent. Mit 50 liegt das Nettogehalt der Person also bereits bei knapp 10.000 Euro.
Angenommen, die Person lebt bescheiden und schafft es Monat für Monat, die Hälfte des Nettogehalts in einen ETF-Sparplan mit einer Rendite von sieben Prozent nach Kosten zu investieren. Nach 25 Jahren hat sie abzüglich der Steuern 1,75 Millionen Euro angespart. Eine scheinbar große Summe, die allerdings durch die Inflation geschmälert wird. Bei einer Inflationsrate von 2,5 Prozent braucht man in 25 Jahren über 2700 Euro, um sich das leisten zu können, was heute 1500 Euro kostet.
Ab 50 will sich die Person die Hälfte ihres letzten Nettoeinkommens Monat für Monat auszahlen lassen. Das wären 5000 Euro. In 25 Jahren hat dieser Betrag allerdings nur noch eine Kaufkraft, die etwa 2800 Euro von heute entspricht. Mit dieser Summe muss die Person allerdings nicht nur ihren Lebensunterhalt bestreiten, sondern auch noch den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung und andere Sozialbeiträge bezahlen.
Um hier einen Puffer zu haben, empfiehlt Finanzplanerin Stefanie Kühn 6000 Euro pro Monat. Diese „Rente“ muss wegen der Inflation jedes Jahr um 2,5 Prozent anwachsen. Das mag wenig klingen, aber mit 70 muss die Person monatlich bereits 9340 Euro entnehmen.

Passives Einkommen: Ein stetiger Einnahmestrom schafft ein enorm befriedigendes Gefühl der Sicherheit. Foto: Getty Images [M]
Werden die 1,75 Millionen Euro mit Beginn der ersten Auszahlung nicht weiter angelegt, reicht das Geld 19 Jahre. Mit einer Rendite von 3,5 Prozent während der Entnahmephase kann das Geld bis zum 77. Geburtstag reichen. Danach muss die Person ausschließlich von ihrer gesetzlichen Rente leben, die, weil sie nur bis 50 gearbeitet hat, nicht allzu hoch ausfallen wird.
Diese Rechnung ist angesichts der steigenden Lebenserwartung schon sehr knapp und sie setzt obendrein voraus, dass das Gehalt stetig steigt, diszipliniert gespart wird und die Inflation einigermaßen konstant bleibt. Für Michael Huber sind das zu viele Unwägbarkeiten. Vor allem bei der Sparquote hat er seine Zweifel: „Spätestens, wenn die Person eine Familie gründen will, werden die Ausgaben steigen.“
Psychologe Haas bezweifelt zudem, ob es überhaupt erstrebenswert ist, über Jahrzehnte eisern zu sparen, um dann in den Ruhestand zu gehen und auch dort keine allzu großen Sprünge zu machen: „Oft wird beim Weg in den vorgezogenen Ruhestand vergessen zu planen, womit man seine freien Tage nun füllt.“
Das passive Einkommen als Ergänzung zur Rente
Sehr viel realistischer und auch sinnvoller ist es, das passive Einkommen als Ergänzung zur gesetzlichen Rente einzuplanen. Vor allem Gutverdienende, die sich allein auf die gesetzliche Rente verlassen, steuern auf eine riesige Versorgungslücke zu. Längst nicht bei allen von ihnen greifen Betriebsrenten als Ergänzung.
Viele Finanzplaner empfehlen, dass ab dem Eintritt in den Ruhestand monatlich 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens zur Verfügung stehen sollten. Dafür heißt es: früh anfangen. Wer es schafft, 30 Jahre lang jeden Monat 950 Euro im Rahmen eines ETF-Sparplans mit im Schnitt sieben Prozent Rendite nach Kosten anzulegen, kann am Ende knapp nach Steuern eine Million Euro besitzen. Wer dagegen nur 15 Jahre Zeit hat, muss bei gleicher Rendite jeden Monat fast die vierfache Summe, nämlich rund 3400 Euro, ansparen, um die Chance auf die Million zu haben.
Eine Million Euro reichen wiederum, um sich 21 Jahre lang inflationsbereinigt monatlich 3000 Euro auszuzahlen. Danach ist das Geld aufgebraucht. Wird das verbleibende Geld in dieser Entnahmephase weiterhin mit 2,5 Prozent durchschnittlicher Rendite angelegt, können die 3000 Euro sogar 27 Jahre lang fließen. Bei einer Rendite von 3,5 Prozent dauert es 32 Jahre, bis das Geld aufgebraucht ist. Wer also mit 67 beginnt, sich das passive Einkommen auszuzahlen, kann dann immerhin 99 Jahre alt werden, ohne dass das Geld ausgeht.
Soll die Million 30 Jahre lang erhalten bleiben, ohne verzehrt zu werden, muss die Auszahlung auf 2000 Euro pro Monat sinken und das verbleibende Vermögen muss eine Rendite von 3,5 Prozent erzielen.
Wie das Depot zur stetigen Geldquelle wird
Diese Rechenbeispiele zeigen eindrucksvoll, dass es sich lohnt, auch in der Phase, in der das Geld verzehrt werden soll, weiter zu investieren. Dabei geht es um den Spagat, einerseits sichere Auszahlungen zu garantieren, andererseits weiterhin Risiken einzugehen. Denn nur am Aktienmarkt mit seinen Schwankungen sind die Renditen möglich, die das Vermögen weiter wachsen lassen.
Ruhestandsplaner Huber bevorzugt eine „Rente aus dem eigenen Depot“ in Etappen von zehn Jahren, denn: „Bei einem Anlagezeitraum von mindestens zehn Jahren sind am Aktienmarkt zumindest in der Vergangenheit in der Regel keine Verluste entstanden.“
In jeder Dekade wird bei diesem Konzept ein Teil des Geldes für die Auszahlungen bereitgestellt, der sogenannte Verzehrteil. Hier muss, so Huber, defensiv angelegt werden. Das übrige Geld kann offensiver angelegt werden, da es zehn Jahre lang nicht benötigt wird. Dieser sogenannte Wachstumsteil baut die Vermögenssubstanz wieder auf.
Huber rät: „Sehen Sie den Anteil, der verzehrt werden soll, als fixen Anleiheanteil in ihrem Depot, der immer wieder aus dem anderen Teil, der auch in Aktien investiert sein kann, gespeist wird.“
In welchem Verhältnis Aktien- und Anleihenteil idealerweise stehen, hängt davon ab, wie lange das Geld reichen und ob am Ende etwas übrig bleiben soll. Wer für zwei Etappen zu je zehn Jahren, also insgesamt 20 Jahre plant, kann etwa 50 Prozent festverzinslich anlegen und die übrigen 50 Prozent zu einem großen Teil in Aktien investieren.
Soll das Gesamtvermögen im Depot drei Jahrzehnte lang nicht weniger werden, sollte der Anleiheanteil, der in den ersten zehn Jahren verzehrt werden kann, mindestens 25 Prozent betragen. Mindestens einmal im Jahr sollte dieses Verhältnis im Depot wiederhergestellt werden.
Bei einem Anlagezeitraum von mindestens zehn Jahren sind am Aktienmarkt in der Regel keine Verluste entstanden. Michael HuberRuhestandsplaner
Auf die Frage, wie ein solches Depot, das stabile Auszahlungen garantiert, aussehen kann, empfiehlt Christian Funke, den „Verzehranteil“ mit Anleihen oder Anleihe-ETFs mit verschiedenen Fälligkeiten zu bestücken. „Die Laufzeiten werden dabei so abgestimmt, dass jedes Jahr eine Tranche fällig wird“, sagt der Gründer und Chef der Vermögensverwaltung Source4Alpha.
Dieser Betrag kann dann auf ein Tagesgeldkonto oder in einen Geldmarkt-ETF fließen, von dem regelmäßig Geld aufs Girokonto gebucht wird. Auch ist wichtig, dass, sobald eine Tranche verzehrt wurde, wieder neue Anleihen gekauft werden oder ein neues Festgeld eröffnet wird.
Der Teil, aus dem der „Verzehrteil“ kontinuierlich gespeist wird, sollte, so Funke, größtenteils aus Aktien bestehen. Hier werden spätestens nach einem Jahr die Gewinne abgeschöpft und festverzinslich angelegt. Im „Investmentteil“ können auch Aktien, die hohe Dividenden ausschütten, beigemischt werden, um hier immer einen gewissen Ertrag zu erzielen.
Auch Vermögensverwalter Funke betont, wie wichtig eine Balance zwischen dem festverzinslichen und dem Aktienanteil sei: „Bekommt ein Teil ein Übergewicht, steigt das Risiko, dass in schlechten Börsenphasen entweder Zahlungen ausfallen oder die Zahlungen zwar sehr sicher sind, aber das Vermögen früher aufgezehrt ist, als geplant.“
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SteuernNicht zuletzt dieses Balancehalten zeigt, dass es möglich ist, aus dem eigenen Vermögen ein passives Einkommen zu beziehen, es aber immer mit einem gewissen Aufwand verbunden ist.
Ein Aufwand, der sich aber auf jeden Fall lohnt. Denn gerade in einer Welt, die zunehmend unsicher erscheint, gilt laut Psychologe Haas: Ein stetiger Einnahmestrom, den einem niemand so leicht wegnehmen kann, schafft ein enorm befriedigendes Gefühl der Sicherheit.
Dieser Artikel erschien bereits im Januar 2026. Der Artikel wurde am 02.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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