Der russische Machthaber Wladimir Putin hatte die Industrie seines Landes relativ schnell nach Beginn seines Angriffskrieges vor mehr als vier Jahren gegen die Ukraine auf Kriegswirtschaft umgestellt. Die Kämpfe zwischen den beiden Ländern gehen mit unverminderter Härte weiter. Beobachter befürchten zudem, dass der Kremlchf weitere Angriffe plant – besonders groß ist die Sorge in den Nachbarstaaten, die immer wieder auch vor Attacken auf einen Nato-Staat warnen und von den Bündnispartnern mehr Einsatz fordern.
Nach Einschätzung des Bundeswehrverbands steigt auch die Bedrohung Deutschlands durch Russland täglich – und zwingt zu viel mehr Tempo bei der Aufrüstung. Die Rüstungsindustrie hierzulande müsse ihre Kapazitäten erweitern und endlich im Schichtbetrieb arbeiten, „um bei weiterer Eskalation in eine Art Kriegswirtschaft zu gelangen“, forderte Verbandschef André Wüstner in der „Rheinischen Post“. „Nicht nur die Osteuropäer sprechen bereits von einer Vorkriegsphase und stärken ihre Verteidigungsfähigkeit mit Hochdruck. Das müssen auch wir jetzt tun!“
Dass Russland unter Putin, der den Einmarsch in die Ukraine befohlen hat, erst 2029 zu einer Konfrontation mit der Nato bereit sei, sei nichts als Wunschdenken, sagte Wüstner. „Die Gefahr besteht bereits jetzt – und sie wird täglich größer.“ Durch das Verhalten von US-Präsident Donald Trump, auf den kein Verlass sei, und durch Europas militärische Schwäche sei eine „Abschreckungslücke“ entstanden, die schnellstens geschlossen werden müsse.
Wir dürfen uns nicht weiterhin einseitig auf den Krieg der USA und Israels gegen den Iran fokussieren.
André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbands
Der vor drei Wochen begonnene Krieg der USA und Israels gegen den Iran biete für Putin zunehmend eine günstige Gelegenheit, sagte Wüstner. „Gestärkt mit frischen Einnahmen durch Ölverkäufe und beflügelt durch die abnehmende Versorgung der Ukraine mit Luftverteidigungssystemen kann er seine brutalen Angriffe auf die Infrastruktur und Zivilbevölkerung weiter verstärken.“
Und der Eindruck der verunsicherten Verbündeten diesseits des Atlantiks könnte ihn ermutigen, seine hybriden Angriffe zu verstärken. Möglich seien auch Grenzüberschreitungen an der Nato-Ostflanke – unterhalb der Schwelle des Artikels 5, in dem innerhalb der Nato der Bündnisfall definiert ist. Sein Rat: „Wir dürfen uns nicht weiterhin einseitig auf den Krieg der USA und Israels gegen den Iran fokussieren.“ Wüstner warnt: „Denn bei allen Interessen, die auch wir in dieser Region haben, geht die größte Bedrohung für unser Leben in Frieden und Freiheit nach wie vor von Russland aus.“
Militärexperten hatten nach dem Start der amerikanisch-israelischen Offensive gegen den Iran immer wieder auf mögliche Lücken in den Waffenarsenalen hingewiesen. Frank Sauer, Militärexperte von der Bundeswehruniversität München, sagte etwa, dass sich die Arsenale der USA schnell leeren würden. „Nehmen Sie die Marschflugkörper vom Typ Tomahawk. Die USA verfügten nach Schätzungen bislang über um die 4000 Stück, haben aber in den ersten Kriegstagen bereits Hunderte verschossen“, sagte Sauer im „Handelsblatt“.
Gehen den US-Truppen wegen des Iran-Kriegs die Raketen aus?
Die US-Industrie produziere aktuell um die 70 Stück – pro Jahr. „Ähnliches gilt für Abfangraketen. Zwar wird die Produktion dieser Systeme hochgefahren, aber es wird Jahre dauern, bis die USA den Vorkriegsbestand wieder aufgebaut haben. Das alles hat Folgen über diesen Krieg hinaus, auch für andere Staaten“, sagte Sauer.
Er nannte in dem Zusammenhang auch die Ukraine und Lieferungen von Patriot-Flugabwehrraketen an das von Russland angegriffene Land. Auch er forderte im Kontext des Iran-Krieges, dass die Bundeswehr ihre Vorräte an Luftverteidigungswaffen stark erhöhen müsse.
Putin hatte im Februar 2022 den Angriff auf die Ukraine befohlen. Die Invasion wirkte sich auch unmittelbar auf die Wirtschaft des Landes aus. Den Sanktionen des Westens konnte die russische Ökonomie nach der Umstellung auf eine Kriegswirtschaft lange relativ gut widerstehen – auch weil die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts vom staatlich finanzierten Rüstungssektor angetrieben wurden.
Allerdings gibt es inzwischen vermehrt Hinweise auf eine Trendwende. Anzeichen einer Krise machten sich bereits im vergangenen Jahr in zivilen Sektoren bemerkbar – und konnten zuletzt dann auch nicht mehr durch steigende Waffenproduktion aufgefangen werden.

vor 3 Stunden
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