Fußball-WM 2026: Geburt statt Fußball? - Belgiens Jeremy Doku löst Debatte aus

vor 1 Tag 1
 »Niemand möchte die Geburt seines ersten Kindes verpassen«
 »Niemand möchte die Geburt seines ersten Kindes verpassen«

Jérémy Doku: »Niemand möchte die Geburt seines ersten Kindes verpassen«

Foto: Dirk Waem / Belga / IMAGO

Wenn Belgien am Sonntagabend gegen Iran (21 Uhr, TV: ZDF und MagentaTV) in seinem zweiten WM-Gruppenspiel aufläuft, stehen die »Roten Teufel« unter Druck. Nur mit Mühe konnte das Team um Fußballstar Kevin de Bruyne eine Auftaktniederlage gegen Ägypten 1:1 (0:1) am Montag verhindern.

Womöglich ist auch das ein Grund, warum erst in Belgien und mittlerweile international über eine mehrere Tage alte Aussage des belgischen Angreifers Jérémy Doku diskutiert wird.

Doku, Flügelspieler von Manchester City und Leistungsträger in der belgischen Nationalmannschaft, hatte vor dem WM-Auftakt seiner Mannschaft gesagt, dass er zur Geburt seines ersten Kindes vielleicht nach Hause reisen wolle. Der 24-Jährige, der seit 2020 für das belgische Team spielt, und seine Frau Shireen erwarten in England den ersten gemeinsamen Nachwuchs. Der errechnete Geburtstermin ist Anfang Juli und damit während der K.-o.-Phase des Turniers.

»Wenn Sie mich fragen, was ich mir wünsche, ist meine Antwort klar: Niemand möchte die Geburt seines ersten Kindes verpassen«, sagte Doku im Trainingscamp in Seattle. Ihm sei aber auch bewusst, dass es im Fußball viele Aspekte zu berücksichtigen gebe: »Ich weiß, dass der belgische Fußballverband seine Spieler unterstützt und Verständnis für die Situation hat. Wir werden sehen, was wir tun können«, ergänzte er.

Laut Medienberichten zieht der belgische Verband einen Express-Hin-und Rückflug von Seattle nach London mit einem Privatjet für Doku in Betracht. Belgien beendet die Gruppenphase am Freitag gegen Neuseeland.

Belgiens Jérémy Doku im WM-Spiel gegen Ägypten in Seattle

Belgiens Jérémy Doku im WM-Spiel gegen Ägypten in Seattle

Foto: Albert Gea / REUTERS

So weit, so gut, sollte man meinen. Wann das Kind genau kommt: unklar. Wie weit im Turnier Belgien kommt: unklar. Ob Doku dann fit wäre: ebenfalls unklar. Die Partie gegen Iran wird er verpassen. Wie der belgische Verband RBFA am Samstag mitteilte, fällt Doku krankheitsbedingt aus. Berichten zufolge soll er vor dem Eröffnungsspiel an Atemwegsbeschwerden gelitten haben. Gegen Ägypten stand er in der Startelf und spielte 85 Minuten.

Und dennoch blieb Dokus Wunsch, der Geburt seines Kindes beizuwohnen, nicht unkommentiert.

Am Montag habe einer von Dokus ehemaligen Jugendtrainern den Spieler für seine Aussage kritisiert, wie »The Athletic«  berichtet. Am Mittwoch habe es die Debatte auf die Titelseite der belgischen Tageszeitung »De Morgen« geschafft.

Noch größere Aufmerksamkeit entstand, als die französische Moderatorin France Pierron Doku am Freitag im Sender L’Équipe kritisierte: »Du hast die Chance, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, und es gibt Hunderte Fußballspieler, die alles geben würden, um in dieser Position zu sein«, sagte Pierron. Dem Vater komme bei der Geburt ohnehin nur eine Nebenrolle zu.

»Anscheinend erwarten wir von Fußballern, dass sie 24 Stunden am Tag Maschinen sind und ihre Familie an zweite Stelle setzen.«

Hendrik van Crombrugge, belgischer Torwart

Der Beitrag löste Hunderte Kommentare von Frauen und Männern aus, wobei sich die Mehrheit auf die Seite des Spielers stellte.

Der Journalistin widersprach unter anderem der belgische Torwart Hendrik Van Crombrugge, wie die belgische Tageszeitung »Nieuwsblad«  berichtet. »Anscheinend erwarten wir von Fußballern, dass sie 24 Stunden am Tag Maschinen sind und ihre Familie an zweite Stelle setzen, sobald ein großes Turnier stattfindet«, schreibt er bei Instagram . Der Torwart des KRC Genk kritisierte zudem fehlende Gleichberechtigung.

»Vielleicht sollten wir uns auch fragen, ob hier nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Wir halten es für selbstverständlich, dass sich eine Mutter Zeit für die Geburt ihres Kindes nimmt. Wenn jedoch ein Vater bewusst bei diesem einzigartigen Moment dabei sein möchte, wird er kritisiert, weil er seine Arbeit vorübergehend in den Hintergrund stellt«, schreibt Van Crombrugge.

Wenn Gleichberechtigung etwas bedeute, dann gelte sie auch für Väter, die sich in ihrer Familie engagieren wollen, hieß es weiter.

Mittlerweile hat sich Pierron auf ihren Social-Media-Kanälen entschuldigt. »Ich habe dort meine persönliche Meinung geäußert, im Rahmen einer Debatte, in der verschiedene Standpunkte zur Sprache kamen«, wird sie bei Instagram  zitiert. Sie verstehe, dass ihre Worte manche Menschen schockiert, verletzt oder beleidigt hätten. Es sei niemals ihre Absicht gewesen, den Platz oder die Rolle von Vätern neben ihrer Partnerin und ihrem Kind herunterzuspielen, hieß es weiter.

Ob das Thema Absenz von Profifußballern bei anstehenden Geburten damit erledigt sein wird, dürfte jedoch bezweifelt werden. Belgiens Abwehrspieler Brandon Mechele befindet sich etwa in einer ähnlichen Lage. Zwar sollte die Entscheidung außer dem Spieler und seinem Team eigentlich niemanden etwas angehen, die Kritik an Dokus vermeintlich falscher Priorisierung zeigt jedoch, wie stark Paare im Profisport öffentlich unter Druck geraten können.

Der norwegische Verteidiger Leo Østigård zum Beispiel hatte sich anders entschieden und die Geburt seines ersten Kindes lediglich via Videotelefonat verfolgt, während er sich mit der Mannschaft in den USA auf das nächste Turnierspiel gegen Senegal vorbereitete.

Der 26-Jährige, der beim 4:1 zum Auftakt gegen den Irak kurz nach seiner Einwechslung per Kopf getroffen hatte, betonte, die Situation im Vorfeld mit seiner Partnerin Aurora Eidmann besprochen zu haben. Sie habe Verständnis dafür, dass er bei der WM für Norwegen spielen möchte, sagte der Abwehrspieler. »Natürlich hätte ich dort sein sollen«, räumte er jedoch ein.

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